Die Angst vor dem Tod verging bei der Arbeit im Hospiz

Von: Nicola Gottfroh
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Mike Hardcastle hat im Hospiz seine neue Lebensaufgabe gefunden. Die Arbeit mit schwerstkranken Menschen erfüllt den ehemaligen Polizisten. Und die Bewohner sind froh, dass Menschen wie Hardcastle sie auf ihrem schwersten Weg begleiten. Foto: Gottfroh
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Zeit des Abschieds: In den neuen Räumen des Erkelenzer Hospizes haben die Angehörigen nun einen Raum ganz zum Abschied nehmen. Weil er gekühlt werden kann, dürfen die Verstorbenen dort länger liegen.

Erkelenz. Sie kam ohne Ankündigung, die Angst. Manchmal, wenn er nur an seinem Schreibtisch saß, schnürte es ihm aus heiterem Himmel die Luft ab – und dann bestimmte ihn minutenlang die Panik, zu sterben. Ganz plötzlich aus dem Leben gerissen zu werden.

Oft, für seinen Geschmack viel zu oft, ist Mike Hardcastle in seinem Berufsleben mit dem Tod konfrontiert worden. Dutzende Unfalltote hat er in den vergangenen drei Jahrzehnten zu Gesicht bekommen. Unzählige Menschen hatte er gesehen, die durch einen Akt der Gewalt aus dem Leben gerissen worden sind. Und dennoch weitergemacht und als Polizist Sprosse für Sprosse die Karriereleiter erklommen, bis er eines Tages im Landeskriminalamt in Düsseldorf saß. „Aber irgendwann ging es nicht mehr“, sagt der 58-Jährige.

Panik und Existenzängste

Die Arbeit bei der Polizei, die ständige Konfrontation mit Gewalt und Brutalität – und auch die Art vieler Kollegen damit umzugehen, nämlich sich einen extrem harten Kern zuzulegen, mit all dem kam Hardcastle nicht mehr klar. Er war ausgebrannt, verfiel in schwere Depressionen, hatte immer häufiger Panikattacken – und musste am Ende, nachdem er jahrelang auch aus Existenzängsten dagegen angekämpft hatte, schließlich doch im Jahr 2012 den Polizeidienst quittieren.

„Ich bin mir sicher, dass ich den Ruhestand sonst nicht mehr erlebt hätte“, sagt er. „Rückblickend kann ich nur sagen: Es war das einzig Richtige. Ich habe die Freude am Leben wiedergefunden“, beteuerte Hardcastle. Nun ist er mit 58 Jahren Pensionär. Aber einer mit einer Aufgabe: „Ich habe nun in einem anderen Bereich meine Erfüllung gefunden“, sagt er. Seit einem Jahr arbeitet Hardcastle nun ehrenamtlich im Erkelenzer Hospiz. „Ich weiß, das klingt wirklich paradox“, gesteht er. Und das scheint es auf den ersten Blick wirklich.

Schließlich war es die Präsenz des Todes in seinem alten Beruf, die ihn hatte krank werden lassen. „Hier im Hospiz habe ich jedoch gemerkt, dass das Sterben eigentlich etwas Natürliches ist. Im Gegensatz zu meinen vorherigen Erfahrungen meist sogar ein friedlicher und friedvoller Prozess“, erklärt der Ehrenamtler.

Dass ihm die Arbeit so viel geben würde, das konnte er vorher nicht ahnen. Alles, was er wollte, war eine Aufgabe. „Nachdem ich wieder gesund war, spürte ich, dass ich etwas zurückgeben möchte“, sagt Hardcastle und erklärt: „Ich verspüre eine so tiefe Dankbarkeit dem Schicksal gegenüber, dass ich nach der dunklen Zeit doch noch meine Lebensqualität wiedergefunden habe. Deshalb möchte ich Menschen etwas Gutes tun, vor allem denen, die auch eine schweren Weg gehen.“ Und welcher Weg ist wohl schwieriger zu gehen als der, an dessen Ende der Tod steht.

Weil er bereits seine Eltern in ihren letzten Monaten begleitet hatte, machte er einen Kurs im Bereich Hospizbegleitung und anschließend ein Praktikum im Erkelenzer Hospiz. „Und nach dem Praktikum war klar: Das ist das Richtige für mich“.

Zweimal pro Woche arbeitet er derzeit im Hospiz, ist für die Bewohner da, hilft ihnen bei der Pflege, bei Kleinigkeiten des Alltags, ist Stütze und Freund – und wenn es sein muss auch Kummerkasten. Und selbstverständlich scherzt er auch mit ihnen. „Man weiß schnell, wie man mit den Bewohnern hier umgehen sollte. Das Wichtigste ist, immer authentisch zu sein. Es sei ein Drahtseilakt, dem Bewohner gegenüber so ehrlich wie möglich zu sein, ohne sie dabei mit der harten Realität, nämlich dass sie sterben werden, zu verletzten.

Für Hardcastle hat der Tod im Hospiz sein brutales Antlitz verloren. „Natürlich besitzt das Sterben auch hier einen gewissen Schrecken, wenn die Menschen nach langer Krankheit sterben. Aber das Gesicht des Todes ist für mich nicht mehr so schrecklich wie im Polizeidienst“, sagt Hardcastle.

Manche Menschen betreut und kennt er viele Monate lang, andere bleiben nur eine kurze Zeit im Hospiz bis ihr Lebens- und Leidensweg endet. Rund 50 Bewohner hat er im vergangenen Jahr kommen und gehen sehen. Fünf von ihnen direkt begleitet, bis zum Moment ihres Todes. Er hat ihre Hand gehalten oder war einfach nur da, wenn die Angehörigen das – aus welchen Gründen auch immer – nicht konnten. „Es war mir jedes Mal eine Ehre, diese Menschen, von denen alle besonders waren, auf einem kleinen Stück dieses schweren Weges zu begleiten“, sagt er.

Hat jemand für immer die Augen geschlossen, dann bewegt das auch den pensionierten Polizisten sehr. „Natürlich bin ich dann traurig. Oft aber auch erleichtert, dass er oder sie es nun nach einem langen Leidensweg geschafft hat und an einem besseren Ort ist“, sagt er.

Nein, besonders religiös sei er nicht. Aber ein sehr spiritueller Mensch, er habe den Glauben an eine höhere Macht und an einen Zeit nach dem Tod, in der es keinen Schmerz mehr gebe. „Ich denke, das braucht man auch, wenn man in diesem Bereich arbeiten möchte.“ Oft lasse es sich auch nicht vermeiden, dass man die Arbeit mit nach Hause nimmt.

„Aber das auch im positiven Sinne. Die Bewohner und Angehörigen, die oft genauso viel Begleitung brauchen wie ihre Verwandten, begegnen einem hier mit sehr großer Dankbarkeit. Ich habe große Hochachtung vor den Bewohnern, die trotz des bevorstehenden Endes nicht maßlos traurig, böse oder enttäuscht vom Leben sind“, sagt er und ergänzt: „Deshalb belasten die Bilder, die ich aus dem Hospiz mit nach Hause nehme, mich nicht so, wie die, die ich während meiner Polizeiarbeit sehen musste. Die Angst vor dem Tod, die ihn in seinem alten Leben jahrelang begleitet habe, die habe er nun überwunden.“

Sterblichkeit vor Augen geführt

Was allerdings trotz allem bleibe, das muss er zugeben, sei die Angst vor dem Sterben selbst. „Denn auch wenn mich die Arbeit sehr erfüllt, wird mir auch immer wieder klar, dass auch ich sterben muss – vielleicht am Ende einer langen, mit Schmerz verbundenen Krankheit.“ Deshalb hat er sein eigenes Ritual: Bevor er das Hospiz verlässt, wischt er sich die Füße an der Fußmatte ab – damit er nichts Negatives mit nach Hause nimmt.

Was er allerdings doch mitnimmt und was ihn bis nach Hause verfolgt, sind die Schicksale der Menschen, die sehr jung ins Hospiz kommen. „Natürlich finde ich es grauenvoll, wenn ein 30-Jähriger dem Krebs erliegt, Frau, Kinder und verbitterte Eltern zurücklässt“, sagt er. „Aber ein erfülltes Leben lässt sich nicht nur an der Quantität der Lebensjahre festmachen, sondern vor allem an der Qualität der Zeit. Es gibt Menschen, die gehen mit 40 nach einem erfüllten Leben und andere, die mit 80 sterben, aber keine Erfüllung gefunden haben“, sagt er.

Er selbst habe – trotz der Jahre in Depression – ein erfülltes Leben: eine solide Partnerschaft, Gesundheit und eine Arbeit, die ihn ausfüllt und mit Dankbarkeit erfüllt.

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