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Deutschlands bekanntester Jugendrichter verteidigt seine Thesen

Von: Anna Petra Thomas
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Sein Ruf ist nicht unumstritten, über seine Standpunkte lässt sich trefflich streiten: Andreas Müller zeigte sich in Heinsberg streitbar.
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In der Gesprächsreihe „Auf ein Wort mit...“ unserer Zeitung begrüßte Rainer Herwartz (2.v.r.), der Leiter der Heinsberger Lokalredaktion, den Berliner Jugendrichter Andreas Müller (r.) in den Räumen der Buchhandlung Gollenstede. Müller Buch „Schluss mit der Sozialromantik – Ein Jugendrichter zieht Bilanz“ bildete die Grundlage des Gesprächs.

Heinsberg. Als derzeit in Deutschland wohl bekanntesten Jugendrichter begrüßte Rainer Herwartz in seiner Gesprächsreihe „Auf ein Wort mit …“ Andreas Müller aus Berlin. Auch als Autor des aktuellen Buches „Schluss mit der Sozialromantik – Ein Jugendrichter zieht Bilanz“ stellte dieser sich den Fragen des Leiters der Lokalredaktion unserer Zeitung.

Dabei erfuhr das Publikum zunächst, dass sein Wunsch-Buchtitel „Springerstiefel, Cannabis und Depressionen“ gewesen wäre. „Springerstiefel, weil ich der erste in Deutschland war, der den Skins die Springerstiefel ausgezogen und sie als Waffe betrachtet hat“, erklärte Müller. Dann sei er der letzte Richter gewesen, der das Bundesverfassungsgericht zwecks Aufhebung des Cannabis-Verbots angerufen habe, und Depressionen, ja, die habe er bisweilen selbst, räumte er ein.

Dem Vermächtnis verpflichtet

Das führte Herwartz zu Kirsten Heisig, Kollegin von Müller und ebenfalls Buchautorin, die vor drei Jahren den Freitod suchte. Während seine Kollegin ein Sachbuch geschrieben habe („Das Ende der Geduld“), sei seines eher eine Autobiographie, verfolge aber auch das Ziel, „das Vermächtnis von Kirsten wieder in die Öffentlichkeit zu bringen.“ Dass er selbst „Richter Gnadenlos“ genannt werde, empfinde er als Beleidigung, „und das tut auch weh“, so Müller weiter. Sicherlich gebe es viele Richter, die noch gar keinen Freiheitsentzug verhängt hätten. „Aber wenn ich es nicht gemacht hätte, wie viele Opfer auf der Straße hätte ich geschaffen?“, fragte er in die Runde und erntete viel zustimmendes Kopfnicken.

Dass der bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer sein Buch als „Gruselliteratur“ bezeichne, sei nur „Panikmache“, so Müller weiter. Nicht gelten ließ er auch das „Dogma“, dass Arrest „böse Buben nur noch böser“ mache oder dass die Rückfallquote bei 70 Prozent liege. „Das sind die Theoretiker. Wir haben die Leute vor Gericht. Wir sehen sie täglich!“ Müller wurde lauter. „Ich fange schon wieder an mich aufzuregen!“

Jugendliche, die Straftaten begangen hätten, kämen heute doch viel zu spät zum Jugendrichter, erklärte Müller. In diesem Zusammenhang wünschte er sich jedoch, dass Arrestzeiten verlängert werden können. Ein Jugendlicher mit Drogenproblematik brauche nicht vier Wochen, sondern bis zu drei Monaten. „Durch Härte zur richtigen Zeit habe ich ganze Szenen in den Griff bekommen“, betonte er. Und das auch mit Kreativität, wie er Herwartz auf Nachfrage verriet. So habe einen Mädchen, das den Hitlergruß gezeigt habe, an einer Moschee-Führung mit jungen Türkinnen teilnehmen und mit ihnen Döner essen müssen, erzählte er, oder ein Junge zehn Wochen lang einmal in der Woche am Fußballtraining teilnehmen müssen. „… ist doch besser, wenn der seine Aggression gegen eine Pille haut.“

Dass es heutzutage sogenannte jugendliche Intensivtäter gebe, hänge damit zusammen, dass sich die Verfahren bei Polizei und Staatsanwaltschaft über Monate hinziehen würden, bis sie zum Richter kämen. Es gebe zudem zu viele Möglichkeiten der Diversion, was heißt, mit erzieherischen Maßnahmen ein Strafverfahren zu umgehen. Dabei müsse ein Jugendrichter besser noch ein Erziehungsrichter sein, damit nicht Jugendrichter und Familienrichter unabhängig nebeneinander agieren müssten. Erziehung müsse zeitnah erfolgen, so Müller.

„Im Grunde verletzt der Staat da derzeit seine Erziehungspflicht.“ Sicherlich müssten für eine Verbesserung der Situation Ressourcen geschaffen werden. Aber Deutschland sei eines der reichsten Länder der Erde, „und Sicherheit ist ein hohes Gut!“ So fordert Müller darüber hinaus eine Zentraldatei für Straftaten von Jugendlichen und eine strikte Überwachung der Weisungen von Jugendrichtern durch die Polizei.

„Ich habe die Wahrheit nicht für mich gefressen. Es sind meine Standpunkte“, räumte er abschließend ein, bevor Herwartz ihn noch einmal auf das Thema Cannabis ansprach. Sein eigener Bruder sei ein Opfer der „Cannabis-Kriminalisierung“, so Müller. Er sei heroinabhängig geworden, weil er den Knast nicht verkraftet habe. Vor zwei Monaten sei er gestorben. Kurz wurde es ganz still in der Buchhandlung. Alkohol und Cannabis müssten gleichgestellt werden, so Müllers Forderung. Die eingesparten Kosten der Kriminalisierung und die Steuereinnahmen könnten in Präventionsarbeit investiert werden.

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