Deutsch lernen ist schwierig: Warum ist der Apfel männlich?

Von: Johannes Bindels
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Bahattin Gemici bei seiner Lesung aus seinem Buch „Der unbekannte Nachbar“ in der Stadtbibliothek Heinsberg. Foto: Bindels

Heinsberg. Zur Lesung mit Bahattin Gemici, dem Autor des Buches „Der unbekannte Nachbar“, hatte die Anton-Heinen-Volkshochschule in die Stadtbibliothek in Heinsberg eingeladen. Mit seinen Kurzgeschichten entführte der Autor auf sympathische Art die wenigen Zuhörer in die Welt des „unbekannten Nachbarn“.

Bahattin Gemici ist in Ankara in der Türkei geboren und lebt seit 40 Jahren in Herten im Ruhrgebiet. Gearbeitet hat er 36 Jahre als Lehrer an einer Grundschule. Im Jahr 1989 veröffentlichte er sein erstes Buch mit Gedichten in deutscher Sprache. Seitdem sind zahlreiche Bücher mit Lyrik, Kurzgeschichten und Märchen sowohl in deutscher wie türkischer Sprache erschienen.

Dafür erhielt er deutsche wie türkische Literaturauszeichnungen und Preise. Seine Gedichte wurden im WDR-Rundfunk in der Reihe „Lyrik in NRW“, seine Kurzgeschichten in der Hörfunkreihe „Mitmenschen“ gesendet. „Die deutsche Sprache ist eine teure Sprache“, begann Gemici seine Lesung.

Viele Male habe er von Politikern gehört, dass das Deutschlernen die wichtigste Voraussetzung für eine gelungene Integration sei. Niemand von den neuen Mitbürgern sage, dass er nicht Deutsch lernen wolle. Was für die Kinder einfach im Umgang mit den Mitschülern ist, sei für die Erwachsenen viel komplizierter.

„Diese verflixten Artikel! Sie machen uns richtig verrückt. In der türkischen Sprache gibt es keine Artikel. Das ist viel einfacher“, lauten einige seiner ersten Sätze im Buch. Woran könne man sich orientieren, fragte er. Alle Obstarten haben den Artikel „die“, nur nicht „der“ Apfel. Warum ist der Apfel männlich? Welchen Artikel hat das Wort „Radiergummi“? Das habe er seine Lehrerkollegen gefragt. Und jeder sagte etwas anderes. Mein Gott, wenn ihr selber die Artikel nicht richtig kennt, wie schwer sei dann das Erlernen der deutschen Sprache, schreibt er.

Migration und Integration sei Schwerstarbeit und Fehler würden jederzeit gemacht. Das habe er selbst erlebt. Ein zweiseitiger Text in Türkisch hätte ins Deutsche übersetzt werden müssen. Für jede Seite sei ein Preis von 25 Euro ausgehandelt worden. Dann hätte er aber 75 Euro zahlen müssen.

Als Begründung erfuhr er, dass nach der Übersetzung drei Seiten daraus geworden seien, vor allem wegen der vielen Artikel, die es ja in Türkisch nicht gebe. „Ich bin nicht gekommen“ heiße auf Türkisch „Gelmedim“. Aus einem Wort sind plötzlich vier geworden. „Und so was kostet mich 25 Euro“, lautet eine Erkenntnis in seinem Buch.

Der Blick auf die Migrationsleistung, die Trennung, Unbekanntes, Unsicherheit, Fremdes und inneres Aufgewühltsein bedeute, ist jedoch in seinen Kurzgeschichten oft von stillem Humor begleitet. Ein Humor, der auch ein wenig augenzwinkernd auf die Irrtümer zurückblickt und sie menschlicher und erträglicher macht.

Das Menschliche, das Mitgefühl und auch der kritische Blick auf das Miteinanderumgehen gelingen Bahattin Gemici besonders eindrucksvoll in seiner Lyrik. Verdichtete Erfahrung ist ihm darin gelungen. Er ließ auch daran die Zuhörer teilnehmen und las das Gedicht „Versöhnung“ vor: Wer sich selbst hasst, hasst auch die anderen. So muss ich mich erst mit mir versöhnen.

Mit einer türkischen Weise, die er auf seiner mitgebrachten Mandoline spielte, verabschiedete er seine Zuhörer in ebenso bemerkenswerter Weise aus einem gelungenen Abend.

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