Deutsch-französische Freundschaft: Familie Kügler aus Myhl

Von: Daniel Gerhards
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Ein gutes Beispiel für die deutsch-französische Freundschaft: Familie Kügler aus Myhl. Mutter Isabelle und Vater Thomas erziehen ihre Söhne Frederic (l.) und Pascal (r.) zweisprachig. Foto: Gerhards

Wassenberg-Myhl. Die Begegnung fand vor drei Jahren statt. Familie Kügler aus Myhl war im Sommerurlaub im Périgord. Sohn Pascal ging mit einem deutschen Freund, der mit der Familie nach Frankreich gereist war, durch den kleinen Ort Fanlac spazieren. In dem Ort hatte die Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg schreckliche Dinge angerichtet.

Eine Résistance-Zelle ausgehoben und in einem Château Kommunisten und andere den Nazis unliebsame Personen interniert. Fanlac ist ein Ort mit einer belasteten Geschichte. Die beiden Jungen begegneten bei ihrem Spaziergang einer alten Dame, die merkte, dass die Jungen deutsch sprachen. Sie stellte ihnen ein paar Fragen. Das Gespräch endete mit dem Satz: „Es ist nett, dass Ihr hergekommen seid.“

Es war nur eine kleine, alltägliche Begegnung. Aber sie kann beispielhaft dafür stehen, dass aus der Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich eine Freundschaft geworden ist. Und beispielhaft für diese Freundschaft kann auch die Familie Kügler aus Myhl stehen. Mutter Isabelle ist Französin, sie stammt aus Lyon und lernt im Flugzeug von London nach Düsseldorf ihren späteren Mann Thomas kennen. 1991 zieht sie zu ihm nach Deutschland. Ein Kulturschock sei das nicht gewesen. Sie sei schon als Kind nach Deutschland gereist. Und ihr Großonkel, der mit den alliierten Befreiungstruppen nach Rottenburg am Neckar kam, heiratete schon 1948 eine deutsche Frau.

Mittlerweile haben Isabelle und Thomas Kügler zwei Söhne, die bilingual aufgewachsen sind. Frederic, 18 Jahre, und Pascal, 15 Jahre, nehmen an Austauschprogrammen teil und Familie Kügler hat selber schon mehrfach Austauschschüler zu Hause aufgenommen. Im Hause Kügler ist der europäische Gedanke mehr als eine abstrakte Idee. Er ist Realität.

Wegen ihrer vielen Reisen nach Frankreich, wegen ihrer familiären Verbindungen ins Nachbarland und wegen ihrer Arbeit als Sprachdozentin an der Volkshochschule erlebt Isabelle Kügler immer wieder selbst, wie es um das deutsch-französische Verhältnis steht. Die Freundschaft zwischen den Einwohnern der beiden Länder sei im Grunde eine tolle Sache.

Und überwiegend seien die Deutschen nett zu den Franzosen. Die Küglers können viele Beispiele dafür nennen, dass sich die Menschen für das interessieren, was auf der jeweils anderen Seite der Grenze geschieht. Aber es gebe auch Enttäuschungen. „Manche Leute werden unfreundlich oder aggressiv, wenn sie meinen französischen Akzent hören“, sagt Isabelle Kügler. „Aber das sind Ausnahmen.“ Und manchmal sei es schwierig, Gasteltern für Austauschprogramme zu finden. Irgendwie tickten die Deutschen und die Franzosen unterschiedlich. Aber so ist das eben manchmal bei Freunden.

Wenn Thomas und Isabell Kügler über das deutsch-französische Verhältnis sprechen, dann reden sie nicht nur über die kleinen alltäglichen Begegnungen. Sie reden auch über Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Und darüber, wie die Freundschaft entstand – mit einer Geste: Der französische General und Staatsmann, der sein Leben lang gegen die Deutschen gekämpft hatte, lud den deutschen Bundeskanzler in sein privates Landhaus nach Colombey-les-deux-Églises ein. Eine ungeheuerliche Idee. Aber der Funke sprang über. Vielleicht auch, weil Adenauer kleine Geschenke für das Personal mitbrachte. „Er wollte, dass die einfachen Leute Deutschland mit etwas Nettem verbinden“, sagt Thomas Kügler.

Es folgten Staatsbesuche, der Élysée-Vertrag, eine Umarmung und ein Bruderkuss. Adenauer und de Gaulle hatten den Grundstein für die deutsch-französische Freundschaft gelegt.

Es ist eine Freundschaft, die auch durch die vielen Städtepartnerschaften gepflegt wird. Familie Kügler ist im Partnerschaftskomitee Wassenberg-Pontorson- Highworth aktiv. Und für sie sei es jedes Mal eine Freude zu sehen, wie gut sich die Menschen beim Austausch verstehen: „Da sind immer viele ältere Leute dabei, die drei Sprachen sprechen: Deutsch, Platt und über andere Leute kallen. Aber sie verbringen in Pontorson zwei Abende in französischen Familien und haben dabei einen riesigen Spaß“, sagt Thomas Kügler. Da funktioniert die Verständigung mit Händen und Füßen.

Familie Kügler hofft, dass all das, was in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg zwischen den Nachbarn aufgebaut wurde, am Tag der Präsidentschaftswahl in Frankreich nicht wieder zerstört wird. Denn die aussichtsreiche Kandidatin Marine Le Pen vom rechtsgerichteten Front National droht für den Fall ihres Wahlsieges mit Abschottung. „Ich hoffe Le Pen gewinnt nicht. Das wäre schlecht für Europa, die Demokratie und die Menschen“, sagt Isabelle Kügler. Le Pen gewinne ihre Stimmen aus drei Lagern, sagen die Küglers, die die Politik in Frankreich eng verfolgen: Aus Faschisten. Aus Menschen die frustriert sind, weil es ihnen wirtschaftlich schlecht geht. Und aus dem Lager, das gegen die Regierung protestieren will.

Traditionell verpassen die französischen Wähler so mancher Politik im ersten Wahlgang einen Denkzettel. Bei der Stichwahl entschied sich die Mehrheit bisher immer für den Weg der Vernunft. Diesmal auch? So zu denken, ist gefährlich. Marine Le Pen sei geschickter, gebe sich bürgerlicher und sei deshalb gefährlicher als ihr zuweilen plump agierender Vater Jean-Marie Le Pen, der den Front National lange geführt hat, sagt Isabelle Kügler. „Hoffentlich wachen wir am Tag nach der Wahl nicht mit einem Kater auf“, sagt Thomas Kügler. So wie beim Brexit. Da habe auch niemand gedacht, dass dieses Ergebnis möglich sei.

Im kommenden Jahr feiert die Partnerschaft Wassenberg-Pontorson Jubiläum

Die Städtepartnerschaft zwischen Wassenberg und Pontorson feiert im kommenden Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Vom 10. bis 13. Mai 2018 soll es dazu ein Programm in Wassenberg geben. Einzelheiten werden aktuell erarbeitet. Anlässlich des Jubiläums möchte das Partnerschaftskomitee Wassenberg-Pontorson-Highworth auch einen Kalender für das Jahr mit Motiven aus den drei Partnerstädten herausgeben.

Die Europatage finden in diesem Jahr in Pontorson statt. Deshalb reist eine Gruppe aus Wassenberg vom 25. bis 28. Mai in die französische Partnerstadt.

Das Partnerschaftskomitee setzt sich auf der Grundlage der Partnerschaftsverträge zum Ziel, persönliche Kontakte zwischen Bürgern der Regionen der Partnerstädte Wassenberg, Pontorson in Frankreich und Highworth in England zu pflegen und die freundschaftlichen Beziehungen zu festigen und weiter zu entwickeln. Den Schüler-, Kultur-, Sport- und Jugendaustausch möchte das Komitee besonders stark fördern.

Pontorson ist eine französische Gemeinde mit 4393 Einwohnern im Département Manche in der Region Normandie. Zu den Sehenswürdigkeiten gehört die Kirche Notre Dame aus dem 11. und 12. Jahrhundert, sie wurde auf Grund eines Gelübdes von Wilhelm dem Eroberer von den gleichen Leuten wie der Mont Saint-Michel erbaut. Im romanischen und frühgotischen Stil beherrscht die Kirche ihre Umgebung durch ihre mächtige Erscheinung und durch den von zwei romanischen Türmchen und verschiedenen Skulpturen geschmückten Eingangsbereich. Mont Saint-Michel ist etwa neun Kilometer von Pontorson entfernt.

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