Der westliche Punkt Deutschlands: Ein Besuch

Von: Daniel Gerhards
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Am östlichsten Punkt des Kreises Heinsberg sind die RWE-Schichtleiter Peter Cremer und Jürgen Fröhlich ... Foto: Gerhards, stock/Weisflog
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... für die Reparatur eines gigantischen Braunkohlebaggers verantwortlich. Foto: Gerhards, stock/Weisflog
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Der westlichste Punkt des Kreises ist auch der westlichste Punkt Deutschlands ... Foto: Gerhards
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... und mittlerweile eine Touristenattraktion. Viele der Besucher kommen per Rad dort hin. Foto: Gerhards, stock/Weisflog

Kreis Heinsberg. Es ist der Abend des 30. August 2013, es geht um eine Million Euro. Wer schafft es zum Jauch auf den Stuhl? Die Kandidaten müssen die nördlichste, östlichste, südlichste und westlichste Gemeinde Deutschlands zuordnen. Ein Klacks? Von wegen. Alle scheitern. Günther Jauch blickt in verzweifelte Gesichter und zückt die Karte mit der nächsten Frage. Und im Selfkant? Da freut man sich.

Der Westzipfel ist mal wieder in aller Munde. Das ist Werbung, die der westlichste Punkt Deutschlands gebrauchen kann. Touristen sollen kommen, in einen Ort, den kaum einer kennt: nach Selfkant-Isenbruch, zum Rodebach, an die Grenze zu den Niederlanden.

Wir haben den westlichsten Punkt besucht. Und auch den nördlichsten, südlichsten und östlichsten – aber nicht bezogen auf die Bundesrepublik, sondern auf den Kreis Heinsberg. Die Orte im äußersten Westen und Osten prägen das Bild von unserer Region. Die Grenze und Braunkohle – damit und davon leben die Menschen im Kreis Heinsberg schon seit langer Zeit.

Zwischenstopp im Geisterort

Auf dem Weg zum östlichsten Punkt im Kreis Heinsberg, der mitten im Braunkohletagebau Garzweiler liegt, halten wir in einem Geisterort. Immerath ist einer dieser Orte, über die bald nur noch in der Vergangenheitsform geredet werden wird. Ganze Straßenzüge sind verlassen. Sie wirken nicht nur so. Sie sind verlassen. Die Fenster sind mit Brettern verrammelt. Dieser Ort hat den Kampf ums Überleben längst verloren. Die wenigen Menschen, die noch in Immerath wohnen, sind so etwas wie die letzten Ausschläge auf dem EKG des Ortes. Der Grund für dieses langsame Ende ist vom Ortsrand aus zu sehen: der Tagebau.

Wir fahren hinein in die 33 Quadratkilometer große Grube. Selbst im Geländewagen ist die Fahrt holprig. Mit einem normalen Auto würde man sofort steckenbleiben. Deshalb ist der Tagebaubetreiber RWE Power der größte Abnehmer für Geländewagen in Deutschland – nach der Bundeswehr.

Die Umgebung ist völlig fremdartig. Wirkt sie nun wie eine verlassene Mondlandschaft oder wie ein riesiger Sandkasten? Liebt man den Tagebau, weil er viele Familien ernährt, oder hasst man ihn, weil er ein Loch in die Heimat reißt? Die Antwort muss jeder selber geben.

Wir fahren immer weiter hinein in den Tagebau, zu Peter Cremer. Er repariert einen der sieben Bagger in Garzweiler. Und das ist viel spektakulärer, als es sich anhört.

In Isenbruch geht derweil ein Ehepaar über den Steg am Rodebach zu dem roten Pfahl, der genau auf der Grenze zu den Niederlanden steht, am westlichsten Punkt eben. Der Steg, der Pfahl, ein Parkplatz, Informationstafeln – so sieht Deutschland im allertiefsten Westen aus.

Das ist noch nicht allzu lange so. Bis ins vergangene Jahr stand dort nur ein Grenzstein herum, am Bachufer, von einer Hecke überwachsen. Aber demnächst soll noch mehr entstehen. Das erfahren wir im Rathaus. Bürgermeister Herbert Corsten würde gerne einen möglichst grenzüberschreitenden Wohnmobilstellplatz bauen und eine Blockhütte auf die Grenze setzen, in der Niederländer und Deutsche heiraten können. „Wir leben im Herzen Europas. Daraus müssen wir einen gemeinsamen Nutzen schöpfen“, sagt Corsten. Genug Platz für solche Projekte ist da: 7500 Quadratmeter Land gehören dort der Gemeinde. Was noch fehlt, ist das nötige Kleingeld.

Mit den niederländischen Nachbarn aus Sittard und Echt-Susteren arbeite man auch an einem Grenzpark Westzipfel, der Gemeinsamkeiten herausstellen soll. Aber all diese Pläne sind noch Zukunftsmusik.

Über die Zukunft macht sich Peter Cremer in diesem Moment keine Gedanken. Er konzentriert sich auf die Gegenwart. Denn er hat das Sagen auf der Baustelle im Tagebau. 48 Leute sind mit der Reparatur beschäftigt. Sie einzuteilen, muss kompliziert sein. Allein schon, weil an dem 50 Meter hohen Bagger niemals übereinander gearbeitet werden darf. Cremer: „Wenn eine Sechs-Millimeter-Mutter von oben runter fällt und einen Mitarbeiter trifft, dann sitzt der auf dem Po.“ Trotz Helm. Sicherheit scheint sehr wichtig zu sein, Cremer redet immer wieder darüber.

Die Arbeiter sind an einer Achse eines Baggerfahrwerks beschäftigt. Teile ausbauen. Das geht nur, weil Hydraulikpressen den Bagger anheben. Vier dieser Pressen heben den Fuß des 7800 Tonnen schweren Baggers an. Jede kann 800 Tonnen in die Höhe drücken. Gerade sind nur 1900 Tonnen nötig. Ein Kinderspiel.

Das eigens in den Boden gebaute Fundament für die Pressen, die wochenlange Vorbereitung, der Stillstand des Baggers – all das ist nötig, weil eine Rotgussschale kaputt ist. Ein Messingteil an der Achse, das mit der Zeit verschleißt. Diesmal ist es sogar gebrochen. Würde man den Schaden nicht beheben, wäre irgendwann die ganze Achse kaputt. Und der Bagger käme nicht mehr vom Fleck.

Ein etwa 40 Zentimeter großes Bauteil, das den 50 Meter hohen Bagger lahmlegt? Kann man das so sagen? „Ja, ohne Füße geht es nun mal nicht“, sagt Peter Cremer. Dann muss er mal wieder nach seinen Leuten schauen, Fragen beantworten. Auf so einer Baustelle ist eben vieles eilig. Je länger der Bagger stillsteht, desto teurer für das Unternehmen.

Die Kosten waren auch beim Erlebnisraum Westzipfel immer wieder Thema: 500 000 Euro hat es gekostet, den westlichsten Punkt aufzumöbeln. 80 Prozent finanzierte die Gemeinde über Fördergelder. Der Bund der Steuerzahler bezeichnete das Projekt als „bemühte Inszenierung eines Punktes irgendwo im Nirgendwo“. Diese Kritik habe Corsten geärgert, sagt er. Aber am Ende war es wieder nur Werbung – so wie die falsch beantwortete Jauch-Frage.

„Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es das Geld wert ist“, sagt Corsten. Was könne man im Selfkant denn sonst großartig vermarkten? Wenn sich eine solche Chance biete, müsse man zupacken. Prognostiziert waren 10 000 Besucher pro Jahr, die 583.000 Euro im Selfkant ausgeben. Solche Zahlen lassen sich schwer nachprüfen. Aber Corsten denkt, dass die 10.000-Besucher-Marke problemlos geknackt wird. Vielleicht bringt das Projekt den Tourismus im Selfkant wirklich in Schwung, vielleicht macht es die kleine Gemeinde bei Urlaubern bekannt? Dann könnte es eins der wichtigsten Projekte des Jahrzehnts werden.

Für Schichtleiter Peter Cremer ist die Reparatur des Baggerfahrwerks schon eher Routine. Genau wie die Arbeit im Tagebau. Die Umgebung ist für ihn zur Normalität geworden. Was ihn reizt, ist die technische Herausforderung. Wie zum Beispiel im Jahr 2012 der Austausch eines ganzen Schaufelrades. „Das macht man nur einmal im Leben“, sagt er. Cremer arbeitet sein ganzes Berufsleben im Bergbau. 1972 hat er seine Ausbildung zum Betriebsschlosser begonnen und sich hochgearbeitet.

Seine Verbindung zu RWE ist also eng. Aber er kann auch die Kritik nachvollziehen, die der Tagebau auf sich zieht. Cremer stammt aus Kerpen-Manheim. Seine Familie wurde für den Tagebau Hambach umgesiedelt. Er teilt also das Schicksal vieler Familien aus Immerath, Borschemich oder Keyenberg. „Das betrifft die Leute. Wenn alte Menschen noch einmal umsiedeln müssen, sind die nicht erfreut.“ Aber wenn man über lange Zeit weiß, dass der Umzug kommt, sei die Sache vielleicht weniger schlimm, meint er. Cremer ist nach Waldfeucht-Haaren gezogen. Er wohnt gar nicht so weit vom westlichsten Punkt entfernt.

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