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Der Weltmeistervogel: Züchter Schüngeler holt den Titel

Von: Sonja Essers
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Stolzer Züchter mit preisgekröntem Vogel: Werner Schüngeler hat mit seiner weißen Hauben-Kanarie bei der Weltmeisterschaft in Porto den ersten Platz belegt. Foto: Sonja Essers

Hückelhoven-Brachelen/Hilfarth. Alles begann Ende der 1980er Jahre mit einem männlichen, weißen Kanarienvogel. In seinem Käfig im Wohnzimmer von Werner Schüngeler fühlte sich das Tier, das keinen Namen besaß, pudelwohl. Dass dieses Exemplar sich durch ein besonders schönes Gefieder und seine Gestalt von anderen Tieren seiner Gattung abhob, war Schüngeler zunächst nicht klar.

„Ein Bekannter hat mich damals darauf aufmerksam gemacht und meinte, dass ich mir doch noch ein Weibchen zulegen sollte“, sagt der 72-Jährige. Gesagt, getan: Die beiden Tiere verstanden sich auf Anhieb gut und bereits nach wenigen Monaten waren die ersten drei Jungen geschlüpft. „Das war für mich ein Aha-Erlebnis“, sagt er. Wie erfolgreich Werner Schüngeler einmal als Vogelzüchter sein würde, ahnte er bei seinem Debüt vor fast 30 Jahren noch nicht. Seit wenigen Wochen darf sich der Vogelliebhaber, der mittlerweile zwischen 80 und 100 Tiere sein Eigen nennt, sogar Weltmeister nennen.

Sauberes Wasser, genügend Futter

Wer Werner Schüngeler besucht, merkt schnell, wie viel Vogelfachwissen der Rentner besitzt. In diesen Tagen steckt er mitten in der Zuchtsaison. Was das für ihn bedeutet? Mehrere Stunden am Tag verbringt er damit, seine Lieblinge zu füttern und zu beobachten. Ist das Wasser sauber? Reicht das Futter? Werden die Jungen von ihrer Mutter ausreichend versorgt? Diese Fragen bestimmen momentan Schüngelers Alltag.

„Man muss jeden Tag für seine Vögel da sein“, sagt Schüngeler, dem schon zu Beginn seines Züchterdaseins klar war, wie viel Arbeit das bedeuten kann. Drei Jahre lang habe er überlegt, ob er sich vergrößern und im Garten einen großen Käfig, eine Voliere, bauen soll. „Vogelzüchter leiden unter einer ganz besonderen Krankheit. Sie bekommen den Hals nicht voll“, sagt Schüngeler und lacht.

Während er seinen ersten Wurf versorgte, holte er sich bei einem Hückelhovener Vogelzuchtverein Tipps von anderen Züchtern. Vor 18 Jahren wechselte Schüngeler dann in den Vogelverein Gut Hohl Hilfarth 1952. „Der Hückelhovener Verein war eher ein Sittich-Verein, aber ich wollte etwas über Kanarien wissen“, sagt Schüngeler. Doch auch zu seinem ehemaligen Verein bestehe noch ein guter Kontakt. „Ich besuche dort auch noch regelmäßig die Ausstellungen“, sagt er.

Konkurrenz spiele in der Vogelzucht keine große Rolle. „Alle Züchter helfen sich untereinander. Einen Konkurrenzgedanken gibt es nicht, bei uns heißt das Motto: Der Bessere gewinnt“, sagt Schüngeler. Eine andere Option gebe es in der Vogelzucht nicht, schließlich sei der Nachwuchs rar gesät. „Bei uns ist es wie in allen anderen Vereinen auch, mit dem Unterschied, dass 60-Jährige bei uns schon zum Nachwuchs zählen“, sagt Schüngeler.

Nachdem der Vogelliebhaber beim Gut Hohl Hilfarth startete, übernahm er noch im selben Jahr den Posten des Kassierers, den er auch heute noch innehat. Doch nicht nur Vereinsmeisterschaften stehen seitdem Jahr für Jahr auf seinem Programm. Auch Teilnahmen an Kreis- und Landesmeisterschaften sowie den Deutschen Meisterschaften folgten. Mit Erfolg. Zahlreiche Urkunden, Medaillen und Pokale füllen einen ganzen Schrank.

Nervös ist der Profi trotzdem vor jeder Meisterschaft. „Wenn ich in diesem Jahr gute Vögel habe, dann heißt das nicht, dass die nächste Generation genauso gut wird“, sagt er. Die Paarung sei eben eine Wissenschaft für sich. „Und es ist auch eine Kunst, seine Vögel richtig zu versorgen, nur dann hat man auch Erfolg.“

Erfahrungen in Sachen Weltmeisterschaft hatte der Rentner bis dato allerdings nur als Zuschauer gesammelt. In Frankreich, Italien und Spanien besuchte er bereits Weltschauen. Die Entscheidung, an dem internationalen Wettbewerb teilzunehmen, reifte in den vergangenen drei Jahren. „Ich habe immer gesagt, dass ich es versuche, wenn ich gute Chancen habe – und das entwickelte sich in den vergangenen Jahren in diese Richtung“, sagt Schüngeler.

Zu seiner Premiere auf der Weltschau in Porto trat er mit acht Tieren an. Vier von ihnen gingen in die Einzelwertung, die anderen vier traten im sogenannten Stamm an und wurden als Gruppe gewertet. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Mit einer weißen Hauben-Kanarie holte er den Weltmeistertitel. Und mit seinem Stamm und einem anderen Einzelvogel wurde er Vizeweltmeister.

Der Gewinner-Vogel überzeugte unter anderem mit Haube, Typ, Farbe, Gefieder und Kondition. „Das ist das höchste Ziel, das ein Züchter erreichen kann. Es war ein großer Wunsch von mir, und ich habe es geschafft, aber man muss auch ein bisschen Glück haben“, sagt Schüngeler.

Besonders spannend ist nicht nur der Ablauf einer Weltmeisterschaft, sondern auch der Transport der Tiere. In diesem Jahr konnten die Besucher 23 000 Vögel bewundern, davon kamen 1200 Tiere aus Deutschland. Sie erreichten ihr Ziel in Portugal jedoch nicht mit dem Flugzeug, so wie ihre Besitzer, sondern mit dem Auto. An sechs Sammelstellen in Deutschland gaben die Züchter ihre Lieblinge einige Tage vorher ab. Dort wurden sie zunächst von Tierärzten untersucht und erhielten dann ihren Platz in den dafür vorgesehenen Transportboxen. Bei den Deutschen Meisterschaften hingegen sind die Züchter selbst für den Transport der Tiere verantwortlich.

Aufzucht der Jungen

Ob er im kommenden Jahr erneut an der Weltmeisterschaft teilnimmt, weiß Werner Schüngeler noch nicht. Erst einmal steht für den stolzen Züchter in den kommenden Monaten eine ganz andere Tätigkeit auf dem Programm: Er widmet sich der Aufzucht seiner frisch geschlüpften Jungen.

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