Kreis Heinsberg - Der Startschuss für die Chirurgie und Tod für Tausende

Der Startschuss für die Chirurgie und Tod für Tausende

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:

Kreis Heinsberg. Die Zeit läuft heute nicht mehr, sie galoppiert. Der Takt, der dem Leben von außen vorgegeben wird, ist so schnell geworden, dass viele Dinge, die gestern noch vertraut und uns lieb und teuer waren, heute fremd erscheinen.

Dabei hatten sie vor noch nicht langer Zeit eine große Bedeutung. Im Rückblick sind sie für den Einzelnen mit vielen Erinnerungen, teilweise auch noch mit Gefühlen behaftet. In einer kleinen Serie wollen wir an solche Dinge, die einst bedeutsam waren und heute aus dem Alltag verschwunden sind, erinnern.

An viele Dinge erinnern wir uns gerne zurück. An andere nicht. An eine Äthernarkose zum Beispiel. Allein beim Gedanken an eine Anästhesie mit diesem Gas wird mir vor Angst ganz schlecht. Dabei habe ich selbst mit meinen nicht einmal 30 Lenzen nie eine erlebt.

Dafür kann ich mich aber noch genau daran erinnern, wie mich eine „moderne“ Narkose regelrecht geschafft hat. Ich erinnere mich daran, wie ich als 15-Jährige im kalten Operationssaal des Krankenhauses lag, um meinen entzündeten Blinddarm entfernen zu lassen. Neugierig und fasziniert schaute ich dem Anästhesisten zu, wie er den Inhalt einer kleinen, halbvollen Spritze durch einen durchsichtigen Schlauch in meine Venen drückte. Und ich mich noch fragte, ob so wenige Milliliter des Narkotikums mich wirklich weghauen soll, schließlich….

Ich schaffte es nicht, den Gedanken zu Ende zu bringen.

Das nächste, an das ich mich erinnern kann, war die schreckliche Übelkeit, die mich aus meinem traumlosen Schlaf weckte. Noch heute graut es mir vor dem Gedanken an eine Narkose. Dabei ist eine Narkose, die Patienten heute bekommen und wie ich sie als 15-Jährige hatte, echter Luxus.

Das habe ich vom Fortschritt der Medizin Verwöhnte mir zumindest erzählen lassen – von Mama, Papa, Oma, der netten Nachbarin. Denn: Wer bis Mitte der 60er Jahre unters Messer musste, kam in den „Genuss“ des Äthers. Und jeden, den ich während der Recherche nach der Äthernarkose fragte, hatte kaum ein gutes Wort für sie übrig.

Ja, die Zeit galoppiert: Für diese Art der Narkose haben viele heute nur noch Naserümpfen übrig – doch noch vor 150 Jahren, einem winzigen Wimpernschlag auf der Zeitleiste der Weltgeschichte, war diese Art die Narkose ein Meilenstein in der Medizin, praktisch der Inbegriff des medizinischen Fortschritts.

Bereits seit Menschengedenken wurde mit experimentiert, um das Leiden und die Schmerzen der Menschen zu lindern. Der Chirurg Alfred Armand Velpeau hielt es noch im 19 Jahrhundert, nur wenige Jahre vor der „Entdeckung“ des Äthers für die Medizin für ausgeschlossen, schmerzfrei operieren zu können.

Und so war es nicht Velpeau, sondern der Bostoner Zahnarzt William Morton, der zum ersten Mal den Äther für eine Narkose nutzte und damit die Chirurgie für immer veränderte. Morton verabreichte dem Patienten das Narkotikum mittels eines Ätherinhalators, einer Glaskugel, die einen mit Äther getränkten Schwamm enthielt und oben mit zwei Öffnungen versehen war. Und so war es ein Zahnarzt, der die rasante Weiterentwicklung der Chirurgie bis in die heutige Zeit, in der die Verpflanzung menschlicher Herzen möglich ist, erst ermöglichte. Und das nur, weil er nicht glauben wollte, dass Menschen bei einer Zahnbehandlung oft unmenschliche Schmerzen erleiden müssen. 1846 verblüffte Morton die Menschen mit der ersten öffentlich durchgeführten Äthernarkose. Zum ersten Mal war eine Schmerzausschaltung während eines chirurgischen Eingriffs möglich, die Patienten mussten keine Folterqualen bei Operationen mehr erleiden. Und damit wurde eine ganz neue Art des Operierens möglich.

Die Äthernarkose bedeutete zwar großen medizinischen Fortschritt, hatte alsbald aber auch viele Gegner. Denn: sie hatte viele Risiken und Nebenwirkungen.

Für viele war das Einschlafen genauso schlimm wie das Aufwachen. Denn beides war mit Halluzinationen, starker Übelkeit und häufig auch mit Komplikationen wie etwa Herzrhythmusstörungen verbunden. Und mit der Narkose war auch immer die Angst verbunden, nicht mehr aufzuwachen, denn tatsächlich wachten viele Patienten aus ihrer Narkose nicht mehr auf.

Die Sterblichkeitsrate von 90 Prozent vor etwa 100 Jahren konnte inzwischen auf 0,005 Prozent gesenkt werden. Denn ab 1950 setzte eine stürmische Entwicklung zahlreicher neuer Anästhetika ein.

Diese sind besser gereinigt, wirken gezielter und ihre Wirkdauer ist besser überschaubar Die Angst vor der Narkose bleibt bei vielen Menschen aber.

Auch heute noch ist das Aufwachen nach einer Narkose für viele Menschen nicht schön. Doch können Chirurgie-Patienten froh sein, nicht mehr auf diese Art bewusstlos und schmerzfrei gemacht zu werden. Eine Narkose ist heute um vieles ungefährlicher als die frühere Äthernarkose.

Und auch wenn wir den Äther nicht vermissen – wir sollten doch froh sein, dass es ihn überhaupt einst gab.

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