Der Schäfer hat keinen Platz für Romantik

Von: Monika Baltes
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Auch wenn Schäfer Florian Schmidt vielleicht seinen Traumjob gefunden hat. Mit Romantik hat seine Arbeit wenig zu tun. Foto: Baltes

Wegberg-Wildenrath. Aussteigen. Ruhe finden. Dem Stress entfliehen. Die eigene Zufriedenheit entdecken. Das Gedankenkarussell wird durch ein idyllisches Bild in Gang gesetzt. An einem sonnigen Wintertag – dem ersten seit langer Zeit – ist Schäfer Florian Schmidt mit seiner Herde auf einem Feld zwischen Dalheim und Wildenrath angekommen.

Drei Hirtenhunde, Ben, Sepp und Ron, bleiben dicht an seiner Seite und beobachten die Herde aufmerksam, aber es gibt keinen Grund, einzuschreiten. Friedlich grasen 550 Mutterschafe und 80 Ziegen. Amüsiert lächelnd über diese verträumten Vorstellungen erklärt „der Flori“ im melodischen Singsang eines Pfälzer Dialektes: „Romantik ist nicht, das ist ein Knochenjob.“ Vergangene Woche sei er nicht nur seiner Herde, sondern auch mit einer dicken Grippe unterwegs gewesen. „Das war extrem unromantisch.“

Florian Schmidt ist in der Nähe von Koblenz geboren und wollte immer schon etwas mit Tieren und Landwirtschaft machen. Seinen Beruf (der heute Tierwirt, Fachrichtung Schäferei heißt) hat er in dreijähriger Ausbildung gelernt. Seit 15 Jahren besteht seine Hauptaufgabe darin, im offenen, allgemein zugänglichen Land Futterplätze zu finden, die Herde zusammen zu halten und vor Gefahren zu schützen. Ja, natürlich sei das seine Herde, auch wenn sie ihm nicht gehört.

Er ist Angestellter der Schäferei Franz Eikermann aus Gangelt-Hohenbusch.

„Und an diesen Job bin ich über eine ganz normale Zeitungsannonce gekommen“, räumt er gleich wieder einmal mit den romantischen Vorstellungen von Aussteigern, die auf der Wanderschaft ihre Bestimmung zum Schäfer finden, auf. Zurzeit zieht er mit der Herde quer durch den Kreis Heinsberg in Richtung Köln, immer auf der Suche nach guten Futterplätzen. 15 bis 20 Kilometer täglich sind keine Seltenheit. „Das kann aber auch wesentlich mehr werden. Wenn es keine geeigneten Felder gibt, oder die Herde dem Bauern nicht willkommen ist, heißt es weiterziehen.“ Im Sommer hat die Herde der Schäferei Eikermann ihren festen Standort in der Teverner Heide. Landschaften, die nicht durch Schafe beweidet werden, würden innerhalb kurzer Zeit mit Bäumen und Sträuchern zuwachsen. Deshalb gebe es feste Verträge mit dem Kreis Heinsberg.

„Landschaftspflege ist neben dem Lammfleisch unsere Haupteinnahmequelle, für die Wolle gibt es keinen Markt mehr.“ Auch die Zeiten, als der Schäfer nachts am Lagerfeuer bei den Tieren wachte, sind längst vorbei. „Nachts werden die Tiere eingezäunt und ich fahre nach einem langen Arbeitstag nach Hause.“

Die Herde beschützen muss er hauptsächlich vor Hunden, die nicht an der Leine geführt werden. „Hundebesitzer machen sich keine Vorstellung davon, wie der Jagdinstinkt eines Hundes durch eine Herde geweckt wird“, ärgert sich der Schäfer.Während der Hundehalter noch versichere „der tut nix“, hetze der Hund die Tiere schon wild herum. „Und Schafe brauchen ihre Ruhe“.

Nachsichtiger ist er mit gutgemeinten Ratschlägen von Beobachtern. Den Hinweis, dass ein Tier hinke oder womöglich krank auf der Weide liege, quittiert er mit freundlichem Lächeln. „Glauben die wirklich, ich wüsste das nicht? Ich bin Hüter und Führer der Herde!“ Angenehme und unangenehme Begegnungen begleiten seinen Weg. „Eine lange Anfahrt nehmen Autobesitzer in Kauf, um in einer entsprechenden Waschstraße mit rotierenden Original-Lammfelllappen ihr Auto waschen zu lassen und wenn ein Schaf an ihrem Auto vorbeigeht, steigen sie entsetzt aus und suchen nach Kratzern.“ Da fehlt im jegliches Verständnis. Inzwischen ist ein silberner Kastenwagen vorgefahren. „Ah, der Chef – wir ziehen weiter.“ Ein, zwei Kommandos und die Hunde machen sich auf den Weg. In wenigen Sekunden hat sich Herde zu einem ordentlichen, dichtgedrängten Rechteck formiert und zieht in Richtung Straße.

Für den staunenden Beobachter ein faszinierendes Schauspiel. „Ich bilde meine Hunde selber aus, denn niemand gibt einen guten Hütehund ab“, erklärt Florian Schmidt und stellt sich an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung setzt. Viele Menschen werden heute noch in den Genuss des beschaulichen Bildes kommen. Eine Schafherde, drei Hunde, ein Schäfer. Und das Gedankenkarussell wird sich drehen: Aussteigen. Ruhe finden ...

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