Depressionen überwunden: Jetzt hilft Manuela Stahl anderen

Von: Laura Beemelmanns
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Manuela Stahl will als Betroffene Betroffenen helfen. Foto: Beemelmanns

Kreis Heinsberg. „Es ist eine Krankheit, die man den Betroffenen nicht ansieht“, sagt Manuela Stahl. „Es gibt kein besonderes Minenspiel, so dass ein Unbeteiligter erkennen könnte, was in seinem Gegenüber vorgeht.“ Sie habe jahrelang funktioniert, gearbeitet, war freundlich, hat den Haushalt geschmissen und ihre Kinder versorgt.

 „Du setzt eine Maske auf, funktionierst, und siehst nach außen hin völlig normal aus.“ Ihr hat es niemand angemerkt – zumindest keiner ihrer Arbeitskollegen. Bis zu dem Tag, an dem sie einfach nicht mehr konnte.

Manuela Stahl ist 52 Jahre alt und litt unter Depressionen, ohne es zu ahnen. „Im Nachhinein, als ich wusste, was das ist, habe ich festgestellt, dass ich mindestens drei Episoden hatte, bevor ich in der Klinik war.“ Sie litt unter Schlaflosigkeit, hatte phasenweise Angst, Auto zu fahren, „von heute auf morgen“, sagt sie, und fühlte sich antriebslos. Sie stellte sich oft die Frage, ob ihr ein Arzt helfen könne, doch sie hatte Angst.

Angst davor, ausgelacht oder missverstanden zu werden. „Man fühlt sich schlecht, kann es aber nicht einordnen. Ich wollte einfach nur, dass es aufhört.“ Inzwischen weiß sie, dass es ein unspezifisches Krankheitsbild ist, jeder könne andere Symptome haben. Bei ihrer vierten Episode ahnte sie, dass es nicht einfach eine antriebslose Lebensphase sei.

Sie begab sich in Behandlung, zunächst nur ambulant. Dann jedoch ging es nicht weiter. „Ich rief von der Arbeit aus in der Klinik an und sagte, dass ich nun bereit sei.“ Sofort wurde sie krank geschrieben, eine Woche später schon stationär aufgenommen – für fünfeinhalb Monate. Im Anschluss daran war sie noch vier weitere Monate lang tagesstationäre Patientin in der Gangelter Einrichtung Maria Hilf. Es war der Moment, in dem sie ihre Maske ablegen konnte. „Solange ich in der Öffentlichkeit war, habe ich mein Befinden ausgestellt, Zuhause habe ich meinen Stimmungen nachgegeben, saß oft stundenlang auf der Couch und habe die Decke angestarrt.“

Es ist ein Schicksal, das viele teilen. Manuela suchte und fand Hilfe. Heute geht es ihr gut. Sie wurde pensioniert. Dass sie ihren Alltag so frei gestalten könne, helfe ihr. „Die letzte Episode liegt einige Zeit hinter ihr. „Ich bin jetzt stabil, muss nicht mehr zur Therapie und konnte einige der Medikamente schon absetzen“, sagt sie. Sie wisse nun mit ihren Depressionen umzugehen. „Ich lebe jetzt ganz ruhig, kann meine Grenzen sehen und gehe aus der Situation raus, wenn es mir zu viel wird.“

Manuelas Schicksal ist kein Einzelschicksal und oft finden Menschen mit Depressionen nur einen Ausweg. Jährlich nehmen sich über 10000 Menschen in Deutschland das Leben. 90 Prozent aller Selbsttötungen stehen im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung, am häufigsten mit einer Depression.

Das war für Manuela Anlass genug, auch nach der Therapie Hilfe zu suchen. Sie recherchierte im Internet und wurde auf die deutsche Depressionsliga aufmerksam, meldete sich dort als Mitglied an und zierte sogar schon als eine von vielen Betroffenen das Cover des Sterns. Sie steht ganz offen zu ihrer Krankheit und setzt sich nun dafür ein, anderen zu helfen. Sie hält Vorträge in der Gangelter Einrichtung Maria Hilf, klärt über die Depressionsliga auf und erläutert, warum diese so hilfreich sein kann. „Die Liga kann helfen, da es ein niedrigschwelliges Angebot ist“, sagt sie.

Wer Fragen hat, kann so anonym wie nur möglich per Email oder telefonisch Kontakt aufnehmen. „Wenn man Anzeichen hat, die man nicht deuten kann, kann man dort nachfragen.In der Liga helfen Betroffene Betroffenen.“ Die Ziele seien, Betroffene schneller in Behandlung zu bringen, die Stärkung des Selbstbewusstseins und die Verbesserung der medizinischen und therapeutischen Versorgung. Auf der Webseite gebe es eine Kliniksuche und eine Datenbank zur Suche von Selbsthilfegruppen.

Denn „es gibt zwischen vier und sechs Millionen behandlungsbedürftige Depressionen in Deutschland“, weiß Thomas Müller-Rörich, erster Vorsitzender der deutschen Depressionsliga. Das Ziel sei, ausreichend aufzuklären. „Wir zählen zurzeit 320 Mitglieder“, sagt Müller-Rörich, „die Liga wurde erst im Jahr 2009 gegründet.“ Um auf sich aufmerksam zu machen, wurden zudem alle 51000 Hausärzte in Deutschland angeschrieben, um auch in den Praxen vor Ort auf die Hilfe der Liga aufmerksam zu machen, die sie leisten könne.

Manuela hat ihre Mitgliedschaft sehr geholfen. „Es ist sinnvoll jemanden zu suchen, der auch schon eine Depression hatte“, sagt sie. Jemand, der aus Erfahrung spreche, könne die Gefühle und Sorgen besser verstehen. Heute steht sie auf der anderen Seite, tritt als „Mutmacher“ auf, wie sie selbst sagt. Und sie rät dazu, in jedem Fall einen Arzt aufzusuchen. Niemand habe sie ausgelacht, ganz im Gegenteil. Man hat ihr geholfen, wieder das Leben zu führen, das sie liebt – ein lebenswertes.

Wer ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte, kann sich per Email unter ela6060@gmx.de oder unter 0170/967-5295 melden.

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