Den familiären Wurzeln auf der Spur

Von: Ingo Kalauz
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Das Bild von der Kinderkommunion von Gertrud Lengersdorf aus Hilfarth um das Jahr 1904 zeigt vorne (v.l.) Maria „Gertrud“, eine Freundin von Gertrud, Mutter Anna „Maria Katharina“, die Schwester Elisabeth; hinten: die Schwester Adele (Adelheid); Stiefvater Hilgers Wilhelm , der von Beruf Händler war, sowie Bruder Peter „Josef“.
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Hubert Henseler arbeitet seit rund zwei Jahren am Stammbaum der Hilfarther Familie Lengersdorf. Foto/Repro: Kalauz

Hückelhoven-Hilfarth. Nein, wie ein Junkie sieht Hubert Henseler nicht aus. Aber er ist einer. Kein Junkie, der an der Nadel hängt, das nun wirklich nicht. Hubert Henselers Sucht ist die Ahnenforschung. Seine „Droge“ ist seit mehr als zwei Jahren die Familie Lengersdorf.

„Wenn ich so gegen 17 Uhr von meinem Arbeitsplatz in Übach-Palenberg nach Hause komme, gehe mit dem Hund eine Runde – und dann verziehe ich mich in der Regel so bis 22 Uhr in mein Kämmerlein, setze mich an den Computer und arbeite an dem Buch über die Ursprünge, Hauptzweige und Nebenzweige der Familie Lengersdorf aus Hilfarth. Am Wochenende manchmal bis Mitternacht“, sagt er. Und was sagt seine Frau dazu, die sieht ihren Mann doch praktisch so gut wie gar nicht? „Meine Mutter war eine geborene Lengersdorf“, sagt Hubert Henselers Ehefrau und stellt den Kaffee auf den Tisch. Damit ist dann alles gesagt: Der Gatte hat grünes Licht für die Erstellung des Stammbaumes der Familie.

„Ja stimmt, das hat schon Suchtcharakter, was ich hier mache“, sagt der geborene Hilfarther Hubert Henseler und breitet ein riesiges Blatt im Format DIN-A 1 über den Tisch aus: den grafischen Stammbaum der Familie Lengersdorf aus dem Rurort Hilfarth. Ganz oben an der Spitze des sich nach unten weit verzweigenden Liniengeflechtes angesiedelt ist dort „Jahn Lengersdorf + Ida Beeck, 30. 3. 1658“ zu lesen. „Heute gibt es rund 70 Lengersdorfs in Hilfarth“, sagt Hubert Henseler.

„Hubert Lengersdorf ist mit 94 Jahren der älteste noch lebende Lengersdorf in Hilfarth. Mit den Enkelkindern ist es die zwölfte Generation der Familie Lengersdorf“. Wenn man alle lebenden Lengersdorfs zusammentrommeln würde, „dann wäre der Saal Sodekamp voll“, da ist Henseler sich sicher.

Als Ahnenforscher lernt man auch viel über die Geschichte nicht nur des Ortes selbst, sondern über die Wandlungen der Gesellschaft allgemein kennen. „Nehmen wir als Beispiel Peter Heinrich Lengersdorf“, sagt Hubert Henseler. „Der ist 1911 nach Amerika ausgewandert, weil er hoffte, dort Arbeit zu finden.“ Hat er offenbar auch: Peter Heinrich Lengersdorf ist in Philadelphia als Florist in Erscheinung getreten. „In Philadelphia gab es damals eine große deutsche Gemeinde“, weiß der Ahnenforscher. Und warum ist er sicher, dass Peter Heinrich Lengersdorf aus Hilfarth dort gelandet ist? „Die Einwanderer wurden alle auf Ellis Island registriert. Ich habe das einfach in den PC eingegeben.“ So unkompliziert geht Recherche mit der Technik von heute. Vor wenigen Jahren noch war die Ahnenforschung ein vergleichsweise sehr mühevolles, immer aber ungeheuer langwieriges Hobby: „Informationen gab es bis vor kurzem nur über die Taufregister der Kirchengemeinden, deren Kirchenbücher oder aus den Sterbeurkunden.“

Aber zurück zu Peter Heinrich Lengersdorf: Der hat in Philadelphia zwar Arbeit gefunden, glücklich geworden ist er dort allerdings offenbar nicht: 1920 ist er wieder als Bürger in Hilfarth registriert. Nach dem großen Krieg war auch in Deutschland die Wirtschaft wieder angesprungen, es war nicht schwer, im Jahr 1920 auch an der Rur einen Job zu finden. Ganz offenbar leichter jedenfalls, als mit dem Heimweh zurecht zu kommen.

Übrigens hatten nicht nur in Hilfarth die Menschen Beinamen, teilweise ist das heute ja noch so: „Joon eens bee Vince Hein die Mang hole...“; oder: „Ademme Jupp ees werr an de Rur am Batte...“; oder: „Het Juene Nöll die Eppele all jebräht..“; oder: „Marianne Hein mot komme, die Lamp jeht net aan...“ Natürlich kennt Henseler die Bedeutung dieser Beinamen aus dem Effeff: „Bei Vince Hein handelt es sich um den auch heute noch aktiven und bekannten Korbmachermeister Heinrich Henßen. Ademme Jupp war der Korbmacher Josef Königs, der außerdem laufend, aber insbesondere bei Hochwasser damit beschäftigt war, mit Flechtarbeiten aus Weidenzweigen Landabbrüche der Rur zu verhindern, deshalb Batte. Mit Juene Nöll ist der Bauer Arnold Vieten gemeint, der die Einkellerungskartoffeln noch nicht geliefert hat. Und bei Marianne Hein handelt es sich um den ersten Hilfarther Elektriker Heinrich Holten, der gerufen werden muss, da es Probleme mit dem elektrischen Licht gibt. Ohne diese Beinamen hätte man die Familien gar nicht voneinander unterscheiden können.“ Hubert Henseler, man sieht‘s, kennt „seine“ Hilfar-ther Pappenheimer.

Bei der Suche nach der Antwort auf die Ursprünge dieser Beinamen wird der Ahnenforscher dann zum Soziologen. Die Welt in den Ortschaften war bis zur Auto-Mobilisierung und teilweise auch noch lange Zeit danach sehr begrenzt. Auch bei der Heiratssuche hatten junge Leute wenig Möglichkeiten, über größere Entfernungen Freundschaften zu pflegen. Heirat im engen dörflichen Umfeld war die Regel. Und dass viele Familien sehr eng miteinander verwandt und verwandtschaftlich weit verzweigt waren, die Folge. Häufige Familiennamen waren zu dieser Zeit Hensen und Classen. Diese Namen kannte man in vier verschiedenen Schreibweisen: Mit einem „s“, mit zwei „s“; mit „hs“ und mit „ß“. Viele Familien hatten aber nicht nur den gleichen Familiennamen. Zusätzlich war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Enkel oder die Enkelin immer den Vornamen der Großeltern bekam mit der Folge, dass es beispielsweise einen Heinrich Hensen nicht nur in einer Familie, sondern in zwei oder drei Familien jeweils zweimal gab. Man erkennt: Ahnenforschung ist ein weites Feld...

Mit der Familie Lengersdorf aus Hilfarth hat der passionierte Ahnenforscher Hubert Henseler nach zwei Jahren Recherche und unzähligen Stunden Arbeit seinen Frieden geschlossen: Das Buch mit einer Unmenge Kopien von Originaldokumenten, Fotos aus diversen Familienalben und anderen fast schon antiquarischen Raritäten ist so gut wie abgeschlossen. „Reich werden kann ich damit sicher nicht“, sagt Henseler vielsagend lächelnd. 25 Vorbestellungen hat er bisher vorliegen. Viel Platz nach oben also...

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