Das Sterben der Feldraine

Von: Norbert F. Schuldei
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Kreis Heinsberg. Die Zeit läuft heute nicht mehr, sie galoppiert. Der Takt, der dem Leben von außen vorgegeben wird, ist so schnell geworden, dass viele Dinge, die gestern noch vertraut und uns lieb und teuer waren, heute fremd erscheinen. Dabei hatten sie vor noch nicht langer Zeit eine große Bedeutung.

Im Rückblick sind sie für den Einzelnen mit vielen Erinnerungen, teilweise auch noch mit Gefühlen behaftet. In einer kleinen Serie wollen wir an solche Dinge, die einst bedeutsam waren und heute aus dem Alltag verschwunden sind, erinnern.

Die Zeit ist ein Dieb. Sie hat uns die blau blühenden Kornblumen genommen, sie hat die weiße Kamille mitgehen lassen, und sie hat auch den rot leuchtenden Klatschmohn vereinnahmt – das Bunt an den Rändern der im Sommer hoch stehenden Kornfelder ist weg.

Natürlich war es nicht die Zeit selbst, die die Dinge hat verschwinden lassen, es ist der Gang der Zeit, der die Veränderung mit sich ins Gepäck stopft; es ist die Entwicklung der Landwirtschaft im Laufe der Jahre und Jahrzehnte, der die Feldraine auffrisst und verschwinden lässt. Selbst als Wort aus dem Sprachschatz...

Biologen tragen eine Vielzahl von Argumenten vor, die die Bedeutung der Feldraine für den natürlichen Lebensraum von Hecken, Sträuchern, Blumen und Tieren ins rechte Licht rücken. Feldraine, stellen sie wehmütig fest, konnten sich auf schlecht nutzbaren Flächen als wertvolle Lebensräume der Tier- und Pflanzenwelt halten oder neu entwickeln. Feldraine trennten Weiden von Ackerland, markierten Besitzgrenzen und sicherten natürliche Geländekanten, klagen sie.

Umweltschützer, Biologen mit politischem Hintergrund also, stoßen ins gleiche Horn, wenn sie feststellen: Die Technisierung und Rationalisierung in der Landwirtschaft, der immer intensiver betriebene Einsatz von Pestiziden, bislang billige Rohstoffe und die Abwendung vom Selbstversorgerprinzip ließen Feldraine zu unproduktiven Bestandteilen werden, die leider oftmals ersatzlos beseitigt würden. Daraus ergebe sich ihre heutige Gefährdung.

Das freilich trifft nicht den Kern der Sache, wirft nur ein Streulicht auf das eigentliche Problem. Denn die Feldraine stehen für Vieles, das dem Fortschritt und damit dem wachsenden Lebensstandart zum Opfer fällt, ihr Verschwinden ist ein nicht mehr sichtbares Zeichen für den Preis, den uns der Wohlstand abverlangt. Immer mehr bisher Alltägliches und damit Vertrautes verschwindet aus unserem Leben – und wir nehmen das erst im zeitlichen Abstand oft von Jahren wahr.

Die bunt blühenden und wild wachsenden Blumen, die es fast nirgendwo mehr gibt und die wir, wenn wir beim Radfahren oder beim Wandern im Sommer sie ganz vereinzelt doch noch erblicken, bestaunen – als wären sie nicht von dieser Welt, als seien sie vor wenigen Jahren eine Selbstverständlichkeit gewesen und uns daher nicht aufgefallen.

Welch Bedeutung die Dinge für uns und für unser Leben haben, merken wir oft erst, wenn sie nicht mehr sind. Die Dinge haben für uns dann keine Bedeutung, wenn sie keine Geschichte haben; das gilt auch für die Blumen und Sträucher, die einst am Wegesrand zu finden waren.

Vor der Wirklichkeit kann man die Augen verschließen, nicht aber vor der Erinnerung. Und Leben ist auch Erinnerung.

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