Das letzte Dorf am Loch

Von: Helmut Wichlatz
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Josef Gormanns und die übrigen Anwohner zeigen sich solidarisch und favorisieren eine Politik der kleinen Schritte. Mit den gelben Schleifen setzen sie ein Zeichen. Foto: Norbert Schuldei

Erkelenz. In einigen Orten entlang des Tagebaugebietes in Erkelenz sieht man gelbe Plastikschleifen an den Häusern, wenn man mit dem Rad oder dem Auto dort entlang kommt. Mit den Schleifen wollen die Anwohner auf ihre Situation aufmerksam machen. Denn in den kommenden Jahren wird ihr Leben vom nahenden Tagebau beeinträchtigt. Bis 2045 wird der Boden, auf dem sie leben, „entkohlt“.

 Am Ende bleibt ein riesiges Loch, das dann eines Tages – vielleicht 2100 – zu einem riesigen See umgestaltet worden sein soll.

Das Endergebnis der Rekultivierung im Tagebaugebiet wird wohl keiner der derzeit Lebenden erleben. Doch umgehen müssen die Bewohner von Venrath, Kaulhausen, Kückhoven und Katzem mit dem, was der Tagebau mit sich bringt, jetzt. Lärm, Verschmutzung und nicht zuletzt den Verlust der Heimat und des Immobilienwertes.

„Irgendwann sind wir das letzte Dorf am Loch“, fasst Josef Gormanns aus Venrath die Zukunftsaussichten der Tagebaurandbewohner zusammen. Die betroffenen Umsiedler müssten zwar ihre angestammte Heimat aufgeben und wegziehen, doch die Bewohner der Ortschaften am Tagebaurand bleiben und bekommen keine Entschädigung für ihre materiellen wie ideellen Verluste. Die Menschen werden zunehmend unsicherer. Wie lange kann man noch warten, bevor man sich selbst schadet? Die Angst geht um, dass bald die Häuser nichts mehr wert seien um keine Käufer finden würden, wenn man doch aus den betroffenen Ortschaften fortziehen wolle. So kann man die Stimmung auf den Punkt bringen, die sich langsam in den betroffenen Ortschaften breit macht. Gegenüber den Umsiedlern habe man eindeutig die „Arschkarte“, erklärt Gormanns.

Diese Meinung geht langsam um in Teilen der betroffenen Bevölkerung. Die ersten Bewohner der Ortschaften denken schon darüber nach, wegen des Tagebaus wegzuziehen. Derzeit sei das Vereinsleben in seinem Heimatort Venrath noch in Ordnung. Zum Beispiel das Trommlerkorps leiste eine gute Jugendarbeit, so Gormanns. Rund die Hälfte der Nachwuchsmusiker stamme aber aus den (noch) umliegenden Ortschaften. Die Schützen und der Karneval können sich ebenfalls nicht beklagen, denn ihre Veranstaltungen leben auch zum Teil von auswärtigen Besuchern.

Doch was ist, wenn diese aufgrund der unattraktiven Lage der Orte ausbleiben? Ebenfalls leiden wird die Landwirtschaft, denn die nutzbaren Flächen werden zukünftig rar. Die Lage am Rand des Sees, die die Enkel oder Urenkel einmal genießen könnten, sei auch kein Trost. Denn der Wasserspiegel werde einmal rund 40 Meter unter dem Rand des Lochs liegen, was auch nicht wirklich attraktiv sei. Also alles in allem keine rosigen Aussichten, die da auf die Menschen zukommen.

Deshalb wird die Forderung laut, dass auch die indirekt vom Tagebau Betroffenen einen rechtlichen Status erhalten, der ihnen Anrecht auf Entschädigungen sichert. Die Haltung der Stadt bezeichnet der Venrather, den viele Erkelenzer aus dem Sitzungskarneval kennen, als „aufgeschlossen“, doch könne sie auch nichts tun. Immerhin kommt Bewegung in die Sache, denn RWE Power hat Gespräche mit den Betroffenen angeboten. Mehr könne man nicht erwarten.

„Der Tagebau ist beschlossene Sache, und wir werden ihn nicht stoppen können“, räumt Gormanns realistisch ein. „Denn Druck ausüben können wir nicht.“ Ihm gehe es nicht um eine Diskussion über Energiepolitik. Das sei eine Nummer zu groß für sie. „Wir haben klare Forderungen und sind bereit zu einer Politik der vielen kleinen Schritte“, fasst er die Haltung der Betroffenen zusammen. Das kürzlich an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gerichtete Schreiben der Erkelenzer CDU sei ebenso wie das Engagement von Bürgermeister Peter Jansen in der landesweiten Initiative „Innovationsregion Rheinisches Revier“ ein Schritt in die richtige Richtung.

Dass das Thema bei den Bürgern angekommen sei, sehe man an eben jenen gelben Bändern, die an vielen Häusern hängen. Die Aktion hat in Wanlo ihren Ursprung und wurde im Sommer von den Vertretern der Dorfgemeinschaften und der IG Umsiedlung aufgenommen. Konkrete Aktionen seien auch schon in Planung, so Gormanns. Im Winter ist eine Erörterung der Lage mit allen Beteiligten am Runden Tisch geplant. Bis dahin werden sicherlich immer mehr gelbe Bänder an den Häusern wehen.

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