Das Gedächtnis einer Stadt bewahren

Von: Daniel Gerhards
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Haltbar für die nächsten Jahrzehnte: Alte Akten aus dem Erkelenzer Stadtarchiv wurden entsäuert. Foto: Daniel Gerhards
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Alte Akten fast wie neu: Alice Habersack lässt Dokumente aus dem Erkelenzer Stadtarchiv entsäuern, damit sie nicht zerfallen.

Erkelenz/Heinsberg. Alice Habersack legt ein dickes Buch auf den Schreibtisch in ihrem Büro. Die Schriftstücke in dem Band sind alt – das sieht man dem Papier schon aus einiger Entfernung an. Habersack schlägt eine Seite auf. Oben rechts steht ein Datum: 5. Dezember 1909. Das Dokument ist also mehr als 105 Jahre alt. Und es ist noch immer lesbar. Es handelt sich um eine Rechnung des Glaser-, Anstreicher- und Tapeziergeschäfts Jakob Kamper aus Erkelenz. Archiviert im Erkelenzer Stadtarchiv.

Alice Habersack ist kommissarische Leiterin des Archivs. Und eine ihrer Aufgaben ist, dafür zu sorgen, dass diese alten Unterlagen lesbar bleiben. Wenn man die Rechnung von Jakob Kamper anfasst, dann merkt man, dass dieses Dokument bereits auf weitere Jahrzehnte im Stadtarchiv vorbereitet ist. An den Fingern spürt man eine Substanz. „Das ist Magnesiums“, sagt Alice Habersack. Der Stoff wurde benutzt, um die Akten haltbar zu machen.

55.000 Blätter, 117 Amtsbücher

Ende des vergangenen Jahres ließ das Erkelenzer Stadtarchiv rund 55.000 Blätter aus Akten der Stadt Erkelenz von 1850 bis 1972 und 114 Amtsbücher entsäuern. Diese Archivalien bestehen wie viele andere im Stadtarchiv aus saurem Papier.

Der Hintergrund: Im 19. Jahrhundert stieg der Papierbedarf erheblich. Mit der Erfindung der sogenannten Holzschliffmethode konnte zwar Papier in großer Menge hergestellt werden, aber dieses Papier reagiert mit der Zeit sauer. In den 1980er Jahren wurden außerdem leicht saure Bindemittel verwendet.

Die Konsequenzen: Wenn man nichts unternimmt, zerbröselt das Papier, und die Informationen sind verloren. Zum Beweis holt Alice Habersack einige Akten aus den 1950er Jahren aus einer Mappe. Ein Sonderdruck des Amtsblatts für die damals besetzte Zone.

Das Papier ist dünn, gelb, trocken, brüchig. Alice Habersack macht mit einem PH-Stift einen Strich auf die Akte. Der Strich wird gelb. Das Papier ist sauer. Höchste Zeit, dass sie etwas unternimmt. „In 20 oder 30 Jahren wären die Informationen weg, wenn man nichts unternimmt“, sagt sie. 20 oder 30 Jahre, in solchen Zeiträumen muss als Archivar denken, um das Gedächtnis einer Stadt zu bewahren.

Um den Verfall zu verlangsamen, muss eine sogenannte Entsäuerung der Akten stattfinden. Dabei wird ein alkalischer Puffer eingebracht, der die Säure neutralisiert. Da eine solche Substanzerhaltung aufwendig und kostspielig ist, werden nur Akten zur Entsäuerung gegeben, die vorher bewertet worden sind. Das heißt, dass Habersack und ihre Mitarbeiter geprüft haben, ob die Akten aufbewahrt werden müssen. Alte Akten, die nicht archivwürdig sind oder bei denen die Aufbewahrungsfrist abgelaufen ist, landen im Papierkorb.

Die Entsäuerung der Akten aus dem Erkelenzer Stadtarchiv hat 49.900 Euro gekostet. Die Stadt bekam dafür von der Landesinitiative Substanzerhalt und dem Landschaftsverband Rheinland Zuschüsse in Höhe von 70 bis 85 Prozent. Am Ende zahlte Erkelenz‘ Kämmerer rund 7400 Euro.

Um weitere Archivalien vor dem Verfall zu schützen, sollen in diesem Jahr noch mehr Akten aus dem Stadtarchiv entsäuert werden, zum Beispiel aus der Registratur der ehemaligen Gemeinde Immerath.

Für die Zukunft könne die Verwaltung vorsorgen, um den Archivaren das Leben zu erleichtern. Denn modernes Papier ist nicht per se vor dem Verfall geschützt. Das hänge vom Papier ab. Ganz schlecht sei recyceltes Papier. Ein gutes Papier altere gut.

Deshalb sei es wichtig, Dokumente, die lange archiviert werden müssen, auf hochwertigem Papier zu drucken. Das sei zwar etwas teurer, dafür spare man sich später die Kosten für Entsäuerung und Restauration, sagt Habersack.

Das Problem des sauren Papiers hat das Erkelenzer Stadtarchiv nicht exklusiv. Viele Archive haben damit zu kämpfen und lassen das Papier bearbeiten. Für das Rheinland wurden mit Förderung der Landesinitiative Substanzerhalt seit 2006 mehr als 8 Millionen Einzelblätter entsäuert. Für ganz NRW waren es mehr als 16 Millionen. Hinzu kommt Papier aus der sogenannten Blockentsäuerung. Das waren 8,5 Tonnen für das Rheinland im Jahr 2014.

Der Kreis Heinsberg habe allerdings aktuell keine Probleme mit saurem Papier. Das liege daran, dass das Kreisarchiv „nicht über einen besonders großen Altbestand“ verfüge, sagt Pressesprecher Ulrich Hollwitz. Der Kreis sei erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Kommunalbehörde geworden. Vorher seien alle Akten ins Landesarchiv gegangen.

Außerdem seien die alten Bestände des Kreisarchivs schon vor Jahrzehnten behandelt und dauerhaft gesichert worden, sagt Hollwitz. Dabei handele es sich zum Beispiel um alte Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert. Mittlerweile habe man einen großen Teil der Bestände auf Mikrofilm festgehalten.

Alles elektronisch zu archivieren, komme für Alice Habersack nicht in Frage. Dann wäre man das Problem des bröseligen Papiers zwar los, digitalisierte Akten machten aber auch Schwierigkeiten, sagt sie. CDs und DVDs seien nicht ewig lesbar.

Außerdem müsse man ein Dateiformat nutzen, „das man auch in 500 Jahren noch öffnen kann“. Und wer kann heute schon sagen, welches das sein soll. „Wir haben in den 1980er Jahren Formate genutzt, die man heute nicht mehr öffnen kann“, sagt Alice Habersack. Und die Speicherkapazitäten müssten ja auch erstmal vorhanden sein. „Alles zu digitalisieren, ist auch keine Lösung“, sagt Habersack.

Viele der alten Papierakten füllen zwar die Regale des Archivs. Hervorgeholt würden sie aber selten. Ab und an für Forscher, Geschichtsinteressierte, manchmal auch für Schüler oder Mitarbeiter der Erkelenzer Stadtverwaltung. Wenn nun jemand in diesen alten Akten nachschlägt, dann wird er eine feine Substanz auf den Fingern spüren. Ein Zeichen dafür, dass das Papier noch lange nicht zerfällt.

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