„Corpus Delicti“: Ein Stück über Macht und Machtmissbrauch

Von: Johannes Bindels
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Der Staat demonstriert seine Macht: Mia (Linda Riebau) liegt am Boden. Sie ist das Opfer eines Systems, in dem eine kritische Haltung nicht vorgesehen ist. Das Rheinische Landestheater Neuss bringt das Stück „Corpus Delicti“ in der Oberbrucher Festhalle auf die Bühne. Foto: Johannes Bindels
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Mia wird weggesperrt und zum „Einfrieren auf unbestimmte Zeit“ verurteilt.

Heinsberg. Vor wenigen Tagen erst als Premiere aufgeführt, erlebten die Zuschauer in der Oberbrucher Festhalle die Inszenierung des Schauspiels „Corpus Delicti“ der Autorin Juli Zeh. Dem Ensemble des Rheinischen Landestheaters Neuss gelang eine dramaturgisch überzeugende Auseinandersetzung mit hoch aktuellen Fragen.

Wie wird der Mensch in wenigen Jahrzehnten leben? Welche Auswirkungen werden die heutigen Technologien auf die Gesellschaft haben? Und: Welcher Staats- und Herrschaftsform werden die Menschen sich dann gegenüber sehen?

Das „Corpus Delicti“ ist einerseits das Szenario einer in das Jahr 2057 verlegten Geschichte um Mia Holl – brillant, eindringlich und überzeugend gespielt von Linda Riebau – und ihren Bruder Moritz (Josia Krug), den ein Staatssystem, welches sich als Gesundheitsdiktatur installiert hat, wegen falscher Verdächtigungen in den Freitod getrieben hat.

Das „Corpus Delicti“ ist aber andererseits auch der ewige Diskurs des einzelnen Menschen mit seiner Vorstellung von Freiheit und Lebenssinn mit der Macht der Funktionsträger eines Staats- und Gesellschaftssystems, welches durch Überwachung und Manipulationen der Geheimdienste eiskalt das System mit seinen Regeln durchzusetzen vermag.

Der Gesundheitswahn verpflichtet alle Bürger in diesem Staat zu Gesundheit und keimfreiem Leben. Die Einhaltung der staatlich verordneten Trainingseinheiten wird im Namen der „Methode“ – dem Synonym für das Staatssystem – streng kontrolliert vom Methodenschutz, dem Synonym für den Staatsschutz, personifiziert in Heinrich Kramer (als ebenbürtiger Part zu Linda Riebau ebenso überzeugend gespielt von Andreas Spaniol), der „schwarzen“ Eminenz.

Die Naturwissenschaftlerin Mia Holl lebt systemkonform. Wer krank wird, hat gegen Regeln verstoßen und sich damit schuldig gemacht. Moritz hat Leukämie, erhält im Rahmen seiner Therapie aber die fremde DNA eines Spenders und wird aufgrund dessen für einen Sexualmord zu Unrecht verurteilt. Mia gerät in den Fokus der staatlichen Mächte, als sie die Unschuld ihres Bruders zu beweisen versucht. Ihr wird der Prozess gemacht, weil die Kritik am Staat sie verdächtig macht.

Zwar signalisiert die weiße Kleidung der Richterin Sophie (Karin Moog), des Verteidigers Lutz Rosentreter (Rainer Scharenberg) und des Staatsanwalts Bell (Richard Lingscheidt) die scheinbare Reinheit des Rechtsstaates. Und doch wird erkennbar, dass die Akteure der Justiz die gnadenlosen Vollstrecker und Handlanger eines politischen und von der öffentlichen Meinung getragenen Systems sein können, wie aktuelle Ereignisse der Gegenwart den Bezug offensichtlich machen.

Weil Mia die staatlichen Vorschriften und Vorgehensweisen – und seien sie noch so fragwürdig –hinterfragt, wird sie vom Gericht zuletzt als schwerer Fall auf „Einfrieren auf unbestimmte Zeit“, dem Synonym für das Todesurteil, verurteilt im Namen des Systemerhalts. Assoziationen zu Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ sind naheliegend. „Corpus Delicti“ ist eine Parabel für das Ausloten der Grenzen von individueller Freiheit und staatlicher Einschränkung, von Zivilcourage und notwendigem Widerstand gegen die Tendenzen totalitärer Staatsstrukturen, von Macht und Machtmissbrauch, von Konformität und Hinterfragen von Werten und Systemen. Tiefe und Vielschichtigkeit kommen in einprägsamen Sätzen zum Ausdruck: „Wer keine Seite wählt in einem System, ist ein Außenseiter“ und „Wahrheit sieht man nur aus den Augenwinkeln, wenn man den Kopf dreht, ist sie verschwunden“ oder „Wer kein Gewissen hat, muss ein Gespür für politische Notwendigkeiten haben“. Sätze, die den Zuschauer zum Nachdenken auffordern. Nicht zuletzt ist der philosophische Diskurs erkennbar. Welche Ethik kommt zum Tragen: „Gesinnungsethik“ oder „Verantwortungsethik“? Bin ich Mitläufer oder übernehme ich Verantwortung für mein Tun?

Fesselnd vorgetragen

Einfachheit und Klarheit des Bühnenbildes erleichterten die Konzentration auf die Dialoge, die vom Ensemble überzeugend und fesselnd vorgetragen wurden. Über allem schwebte in ständiger Anwesenheit als verbindendes wie abstrahierendes Element die Figur der „idealen Geliebten“ (Johanna Freya Iacono-Sembritzki). Ton und Video-Sequenzen fügten sich dramaturgisch geschickt zur Unterteilung der Szenen ein. Für die gelungene Präsentation erhielt das Ensemble den verdienten Beifall.

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