Wassenberg - Claudius: Der Wandel eines freien Geistes

Claudius: Der Wandel eines freien Geistes

Von: Johannes Bindels
Letzte Aktualisierung:
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Robert Scholtes (l.) und Wolfgang Wittmann spinnen im Wechsel von literarischen Auszügen und musikalischen Interpretationen einen roten Faden. Foto: Johannes Bindels

Wassenberg. Der Mond ging erst zum Schluss auf. Zuvor hatte das Publikum das große Vergnügen, den literarisch-musikalischen Ausführungen zum Menschen Matthias Claudius von Wolfgang Wittmann und Robert Scholtes zu folgen.

In angemessenen Schritten ermöglichte das Duo in der Begegnungsstätte mit seinem Programm einen Einblick in das Leben eines vielschichtigen und widersprüchlichen Dichters der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Auf Einladung der Bücherkiste Wassenberg präsentierten die Künstler ihren feingesponnenen roten Faden im Wechsel von literarischen Auszügen und musikalischen Interpretationen zu ihrem Programm: „Und was ist mit dem Mond, Herr C.? – Fragen an einen konservativen Freigeist.“

Rezitierend wie ein Minnesänger und seine Erzählkunst wie ein Märchenerzähler aus Tausend und einer Nacht einsetzend, faszinierte Wolfgang Wittmann die Zuhörer für den Menschen Matthias Claudius. Klug und pointiert verband er persönliche Episoden des Dichters mit den literaturgeschichtlichen Fakten. Claudius, 1740 geboren in Reinsfeld, Holstein, und aus einer Pfarrerfamilie stammend, tat sich schwer mit seiner Berufswahl. Weder die Aussicht, als Pfarrer sein Dasein zu bewältigen, noch das Studium der Rechtswissenschaft hätten ihn begeistert. Passend dazu erfolgte durch Wittmann die Wiedergabe der Verssatire „Der nützliche Gelehrte“ von Claudius, in der er mit einer Anspielung auf Sisyphos und die ewige Steinwälzerei seine Abneigung zum Gelehrtentum äußerte.

Robert Scholtes, Musiklehrer an der Kreismusikschule und Dozent an der Music Academy Aachen, agierte als kongenialer musikalischer Partner und Stichwortgeber. Fiktive Fragen an Matthias Claudius stellend, wanderte das Duo durch die Biografie des Dichters.

Mit Hilfe des Zeitgenossen Friedrich Gottlieb Klopstock verdingte sich Claudius zunächst als Redakteur in Hamburg, bevor er nach Wandsbek aufs Land zog, dort die 17-jährige Anna Rebekka Behn heiratete und bei seinem Mäzen Heinrich Carl von Schimmelmann in dessen Zeitung Wandsbecker Bothe als Redakteur eine Anstellung fand.

Passend dazu wählte Wittmann das Claudius-Gedicht „Ich bin ein Bote und sonst nichts mehr“ sowie das Gedicht „Phidile“, in dem er aus der Perspektive eines jungen Mädchens dessen erotische Gefühle verarbeitet.

Die literarische Qualität des Programms wurde nicht nur deutlich in der überzeugenden Auswahl der Claudius-Texte, sondern besonders in den vergleichenden Gegenüberstellungen von Texten und Gedichten von Goethe – „Der Rezensent“ – und Heine – „Das Sklavenschiff“ –, die das Werk Claudius‘ in das kritische Umfeld der Literaturgeschichte stellten. Das geschah ergänzend ebenso auf der musikalischen Ebene, in der die gebotene Auswahl von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach über Franz Schubert bis zur modernen Jazz-Vertonung reichte. In den musikalischen Passagen wurde dem Publikum Raum und Zeit gegeben, der literarischen Botschaft nachzuhängen. Die Interpretation des Songs „Nobody knows the Trouble I´ve seen“ zum Thema Sklaventum im Stile einer Barmusik hatte schon dialektische Qualität.

Den Spiegel vorgehalten

Matthias Claudius‘ Wandel von einem freigeistig Suchenden, der sich wagte, mit seinem Gedicht „Der Schwarze in der Zuckerplantage“ seinem Mäzen von Schimmelmann, der auch Sklavenhandel betrieb, den Spiegel vorzuhalten, zu einem reaktionären Ablehner der Aufklärung und angepassten moralisierenden Erbauungsliterat zu beschreiben, war das Verdienst des Duos. Das Kriegslied-Gedicht „‘s Krieg!“, in dem Claudius den Krieg als grausam und leidvoll schilderte, ist ebenso bekannt wie sein Abendlied.

Wenn am Anfang als Einstieg der Klingelton von Wittmanns Smartphone „Der Mond ist aufgegangen“ trällerte, so endete ein vergnüglicher Abend nach 17 lyrischen und prosaischen Texten mit dem vollständig vorgetragenen Lied. Und wer beim Titel an die Parodie von Dieter Hildebrandt erinnert wurde, weiß, dass Matthias Claudius punktuell bis in die Gegenwart wirkt.

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