Wassenberg - Christbaumkauf: Oh Tannenbaum, jetzt wirst du abgehaun

Christbaumkauf: Oh Tannenbaum, jetzt wirst du abgehaun

Von: Nicola Gottfroh
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Ein Baum, der gut in ein Foyer passen würde – oder in das Wohnzimmer der Familie Wolters. Weihnachtsbaumverkäufer Josef Nüsser führt Heike Wolters zu ihrem Traumbaum. Foto: Gottfroh
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Ein Baum, der gut in ein Foyer passen würde – oder in das Wohnzimmer der Familie Wolters. Weihnachtsbaumverkäufer Josef Nüsser führt Heike Wolters zu ihrem Traumbaum. Foto: Gottfroh

Wassenberg. Heike Wolters sieht den Wald vor lauter Weihnachtsbäumen nicht. Oder vielmehr: Sie findet ihren Traumbaum vor lauter Nadeln nicht. Inzwischen dreht sie die fünfte Runde über das gut 10.000 Quadratmeter große Areal von Weihnachtsbaumverkäufer Josef Nüsser. Und vermutlich hat sie jeden der etwa 10.000 Bäume bereits unter die Lupe genommen. „Es hat einfach noch nicht klick gemacht“, erklärt sie.

So wie ihr geht es vielen Familien beim Kauf des Weihnachtsbaumes. Bis das Prunkstück in der guten Stube steht, ist es ein meist langer und nicht selten beschwerlicher Weg. Nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu buschig, aber auch nicht zu kahl darf er sein. Der Maßstab, den viele Familien an ihren Tannenbaum ansetzen, ist gewaltig. Perfekt soll er sein – nicht mehr und nicht weniger.

Diese Erfahrung hat auch Josef Nüsser gemacht. Seit 1979 verkauft er in Wassenberg Weihnachtsbäume. Seit einigen Tagen hat sein Weihnachtsbaumverkauf Hochkonjunktur – die potenziellen Käufer kommen im Minutentakt. „Die Kunden sind sehr wählerisch“, erzählt er. Vor allem achteten sie auf Qualität und Frische. Und groß müssten die Bäume sein. „Vor allem die Nordmanntanne, weil die am wenigsten rieselt; dicht gefolgt von der Blaufichte und der serbischen Fichte“, sagt er.

Aber Josef Nüsser kennt nicht nur die Wünsche der Kunden, er weiß auch, wie sich die Christbaumkäufer auf der Beutejagd verhalten. Er erkennt die verschiedenen Typen sofort: die Unschlüssigen, die Entscheidungsfreudigen, die Frühreservierer, die Last-Minute-Käufer und auch die, bei denen der Weihnachtsbaumkauf auch schon einmal in einem handfesten Familienkrach endet. „Dem einen ist der Baum zu groß, dem Partner ist die Tanne zu klein. Einer ist ihr zu schief gewachsen, der nächste ist ihm an der Seite zu kahl.“ Er hat so etwas schon „live“ erlebt.

Von solchen kleinen Dramen kann auch Andrea Gunther ein Lied singen. Auch in ihrer Familie ist das als weihnachtlich-romantisch geplante Baumkauf-Event schon einmal in einer vorweihnachtlichen Auseinandersetzung geendet.

„Wenn man mit der ganzen Familie unterwegs ist und jeder seinen persönlichen perfekten Baum findet und den dann auch kaufen möchte – ja dann kann die gütliche Einigung schon mal schwierig werden. Es sei denn, man kauft alle vier“, sagt sie und lacht. Um Streit vorzubeugen und die ganze Baumsuche etwas zu beschleunigen, ist sie diesmal ohne Anhang gekommen. „Damit habe ich die alleinige Entscheidungsgewalt“, erklärt sie und grinst. Und nach nur 25 Minuten hat sie ihren Traumbaum gefunden, gekauft und verladen.

Rekordzeit. Zumindest verglichen mit der Zeit, die Heike Wolters für den Weihnachtsbaumkauf investiert. Denn sie sucht noch immer – inzwischen aber mit Hilfe von Josef Nüsser. „Groß soll er sein. Sehr groß. Und schön dicht und buschig“, erklärt sie. Nüsser führt sie vorbei an einer gewaltigen Tanne, die wohl eher in eine Kirche passt als in ihr Wohnzimmer, wie Heike Wolters lachend kommentiert. Die Riesentanne hatte Nüsser aber gar nicht im Sinn, er biegt auf dem Weg scharf ab – und dann stehen sie vor ihm. Vor Heike Wolters Traumbaum. Nüsser weiß eben, was seine Kunden wollen. Satte 3,20 misst die Douglasie – ein ganzes Stück muss das „Bäumchen“ noch gekürzt werden, damit es ins Woltersche Wohnzimmer passt. Doch für die Hausherrin ist die Sache geritzt. Ob die Familie mit dem Tannenbaum zufrieden ist, interessiert nun auch nur noch am Rande.

„Der Weihnachtsbaumkauf ist mein Ding. Da lasse ich kein anderes Familienmitglied ran. Zwar habe ich in den vergangenen Jahren auch schon mal einen auf den Deckel bekommen, wenn der Familie meine Wahl nicht passte. Aber in diesem Jahr – da bin ich sehr zuversichtlich – werden alle zufrieden sein.“

Im Gegensatz zu Heike Wolters lässt sich die Ehefrau von Christoph Vossenkaul und Mutter des kleinen Janniks (8) von der Optik des Familienweihnachtsbaumes gerne überraschen. Und so hat sie Mann und Sohn auch dieses Jahr alleine zu Nüsser geschickt. „Es ist schon Familientradition, dass die Kinder zusammen mit mir den Baum aussuchen“, sagt Christoph Vossenkaul. „Die Mama vertraut uns da“, sagt Jannik stolz. Und auch er hat hohe Ansprüche, das erkennt der Beobachter direkt. Der Kleine sucht zielstrebig nach den größten und am schönsten gewachsenen Bäumen. „Ich suche uns einen ganz großen Baum – mit vielen Ästen“, erklärt er. Mutter Vossenkaul kann sich also sicher sein, dass ihre beiden Männer nicht mit einer Krüppelkiefer heimkommen.

Nur wenige Meter von dem gut gelaunten Vater-Sohn-Duo entfernt brodelt es trotz der nassen Kälte der Dezemberluft. Von Weihnachtsstimmung ist nichts zu spüren. Der Grund dafür: Weder Mutter, noch Tochter Müller (der wahre Namen der Familie wird aus Gründen des vorweihnachtlichen Friedens an dieser Stelle nicht genannt), möchte einer der vielen Bäume, die Vater Müller präsentiert, gefallen. Als Letzterer genervt das Handtuch wirft und beleidigt zum Auto marschiert, raunt die Mutter der Tochter zu: „Es reicht doch schon, wenn dein Vater auf dem Kopf kahl ist – da brauchen wir nicht noch einen Baum mit einer lichten Spitze.“ Von dem in diesen Tagen viel besungenen Frieden überall ist in diesem Moment bei der Familie Müller wenig zu spüren.

Doch als die Damen eine Viertelstunde später ihren Traumbaum zum Auto tragen und Vater Müller stolz ihre „Beute“ präsentieren, kann auch der wieder lachen. Schließlich ist Weihnachten das Fest der Liebe und des Friedens – zumindest dann, wenn man sich nach so mancher Baumkrise unterm Weihnachtsbaum wieder versöhnt.

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