Wassenberg/Münster - Burkhard Spinnen: Buch über Demenz mit Lizenz zum Klagen

Burkhard Spinnen: Buch über Demenz mit Lizenz zum Klagen

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
13758729.jpg
Burkhard Spinnen nennt Dinge beim Namen: „Demenz ist eine furchtbare, widerliche Krankheit.“ Foto: Hermann Köhler

Wassenberg/Münster. Burkhard Spinnen kennt Wassenberg-Effeld. Seine Großeltern wurden dort geboren. Spinnen selbst wuchs in Mönchengladbach auf, wohin seine Großeltern um 1920 gezogen waren – „um dort umgehend zu verarmen“, wie er sagt. Denn der Großvater starb kurz darauf.

Zuvor hatte er noch ein Haus gekauft und sich selbstständig gemacht. Er starb und seine Familie blieb auf allem sitzen.

Spinnen lebt heute als freier Autor mit seiner Familie in Münster. Der 60-Jährige hat zahlreiche Bücher geschrieben und noch mehr Preise dafür erhalten. 14 Jahre lang saß er in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, viele davon als Vorsitzender. Als Jugendlicher besuchte er oft die Cousins und Cousinen seiner Mutter in Wassenberg und als er den Führerschein hatte, wurde er dazu verdonnert, seine Großmutter nach Effeld zu fahren.

Auch mit seiner Mutter hat der Schriftsteller sich vor einigen Jahren noch mal auf den Weg nach Wassenberg gemacht. Sie wollte ihm zeigen, wo sein Großvater herkam. Aber es gab nichts mehr zu sehen. Es war zu lange her. Aber was ist lang? Ein Gefühl für Zeit hat seine Mutter nicht mehr. Sie ist dement. In diesem Monat wird sie 94 Jahre alt.

„Wir werden ihr gratulieren“, sagt Burkhard Spinnen. Und er sagt: „Es ist ein Fluch.“ Kein Beschönigen, kein Abmildern. Das ist nicht seine Sache, das ist nicht seine Sprache. Die klingt anders. Und weil Burkhard Spinnen ein Autor ist, der aus seiner Lebensfülle schöpft, hat er ein Buch geschrieben über seine Mutter und ihre „Verrücktheit“. Ein altertümliches Wort. Das passt.

„Tatsache ist, dass eine Verrücktheit nicht zu beschreiben ist“, sagt er. Es sei nicht so, wie bei einem Magengeschwür oder einem Beinbruch. Das sei bei jedem ähnlich, Demenz sei bei jedem anders.

Er hat das Buch trotzdem geschrieben und den Versuch gewagt. Warum? Weil ihn Ratgeber mit Titeln wie „Frieden schließen mit Demenz“ so kolossal ärgern. Sie verstärkten bei Angehörigen den Druck, es irgendwie „hinkriegen“ zu müssen, sagt er. „Aber man kann in die Situation kommen, in der man absolut gar nichts mehr hinbekommt.“

Ihm geht es um die Angehörigen, um die, die bleiben, wenn der demente Mensch geht, erst in seine eigene Welt und dann irgendwann ganz. Einen dementen Angehörigen zu haben, sei eine prima Grundlage für eine psychosomatische Erkrankung. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, meint der Autor. Da könne, nein, müsse noch mehr getan werden. Bei Spinnen gibt es die Lizenz zum Klagen. Die Situation, in der man als Angehöriger stecke, sei „wirklich beschissen“.

Ende Januar steigt Burkhard Spinnen wieder in seinen Wagen, um nach Wassenberg zu fahren, dem Ort, an dem der Bruder seines Großvaters als hoher Nazifunktionär eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Seine Mutter hat er nicht dabei, wohl aber sein Buch. Am Mittwoch, 25. Januar, liest der Münsteraner in der Aula der GGS Wassenberg, Kirchstraße 27, als Gast der Bücherkiste daraus vor.

Es gibt Rezensenten, die schwärmen: „Burkhard Spinnen findet die richtigen Worte, um das Unbeschreibliche zu beschreiben.“ Sie warnen aber auch. „Diese Worte tun weh.“ Um 19 Uhr geht es los.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert