Bürgermeisterkandidaten: Ein Schlagabtausch ohne Frontalangriffe

Von: Daniel Gerhards
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Aufschlussreiche Gespräche über die Zukunft in Selfkant: (von links) Hein Gottfried Fischer, Jan-Frederik Kremer, Matthias Hannen, Moderator Rainer Herwartz und Herbert Corsten diskutierten im Rathaus in Tüddern mehr als zwei Stunden lang über die Themen, die die Gemeinde bewegen. Dabei kamen auch die Zuschauer zu Wort. Foto: agsb

Selfkant. Einen klaren Sieger hat der Schlagabtausch nicht hervorgebracht. Die vier Bewerber um den Chefsessel im Tüdderner Rathaus stellten sich beim Forum unserer Zeitung am Donnerstag den Fragen von Moderator Rainer Herwartz, Redaktionsleiter unserer Zeitung. Amtsinhaber Herbert Corsten (CDU) setzte darauf, seine Erfolge aufzuzählen, der gemeinsame Kandidat der Opposition Jan-Frederik Kremer sprach davon, die Politik in Selfkant an einer übergeordneten Strategie ausrichten zu wollen, die vermisse er aktuell.

Neben den beiden von den Parteien unterstützten Kandidaten treten auch die freien Bewerber Hein Gottfried Fischer aus Gangelt und der Niederländer Matthias Hannen an.

Die Wahl am 13. September ist eine Abstimmung, die politisch viel verändern kann. Angesichts der Pattsituation im Gemeinderat hat der Bürgermeisterposten in Selfkant noch mehr Gewicht als ohnehin schon. 14 CDU-Stadtverordneten stehen 14 Ratsmitglieder der Opposition (SPD, Pro Selfkant, FDP und Grüne) entgegen. Da ist klar, wer das Zünglein an der Waage ist: der Bürgermeister. Amtsinhaber Corsten stimmt regelmäßig mit der CDU, das bedeutet, dass die Christdemokraten faktisch über eine Mehrheit verfügen. Setzt sich der Oppositionskandidat Kremer durch, dann ändern sich die Verhältnisse grundlegend.

Keine „schmutzige Wäsche“

Trotz aller Rivalität griff Kremer (28) als aussichtsreichster Herausforderer den Amtsinhaber nur selten frontal an. Ihm ging es scheinbar eher darum, zu zeigen, was er im Selfkant bewegen möchte. „Schmutzige Wäsche“ wolle er nicht waschen. Einig sind sich beide, dass etwas gegen das Ausbluten der Ortskerne getan werden muss. Immer mehr Neubaugebiete und zusätzlich große Einzelhändler, die sich außerhalb der Dorfzentren niederlassen, sorgten dafür, dass Ladenlokale und Wohnhäuser in den Zentren leerstehen.

Corsten (65): „Wir werden die Zentralisierung des Einzelhandels nicht aufhalten können“, aber im jüngst bewilligten Städtebauförderprogramm gebe es Mittel für Privatleute, die ihre Häuser renovieren möchten. Davon könnten die Ortskerne profitieren, sagte er. Kremer war der Meinung, dass die Gemeinde schon früher auf diesen Zug hätte aufspringen müssen. Fördergelder zur „Revitalisierung“ von Ortskernen gebe es schon lange. Allerdings habe es die Gemeinde verpasst, die Hauseigentümer darüber zu informieren, welche Mittel sie abrufen können.

Corsten präsentierte zudem den Plan, eine Einrichtung für betreutes Wohnen in der Nähe des Nahversorgungszentrums in Tüddern bauen zu wollen, ein Antrag eines Investors liege vor. Kremer warnte davor, zu viele solcher Einrichtungen zu bauen, es gebe bereits eine Überversorgung im Kreis. Damit die Zimmer in den Wohneinrichtungen nicht leer bleiben, solle man sich mit den anderen Kommunen absprechen und herausfinden, wie hoch der Bedarf ist.

Uneinig waren sich Corsten und Kremer auch beim Thema Finanzen. Corsten hatte zu Beginn des Jahres mit den Stimmen der CDU die Grundsteuer erhöht. Kremer argumentierte, dass von den Mehreinnahmen nur ein geringer Teil bei der Gemeinde hängen bleibe, weil sich durch die höheren Einnahmen die Schlüsselzuweisungen vom Land verringerten. Und die höheren Steuern machten den Kauf von Immobilien in den Ortskernen noch unattraktiver, zudem schreckten sie Firmen ab, die sich in Selfkant niederlassen könnten.

„Wir haben viele Gewerbegebiete, aber nur wenige Unternehmen, die von außen hierher kommen“, sagte Kremer. Das liege aber nicht nur an den Steuern, sondern auch daran, dass sich der Selfkant nicht gut genug als Wirtschaftsstandort vermarkte. Man finde auf den Internetseiten der Gemeinde und des Kreises keine Informationen zur Wirtschaftsförderung in Selfkant – ein echtes Manko, findet Kremer. Dabei müsse man die eigenen Vorzüge bloß herausstellen: Glasfaserinternet, freie Flächen, Lebensqualität. Damit könne man punkten. Seine Rechnung ist einfach: Kommen mehr Unternehmen, sprudeln die Steuern.

Corsten hielt dagegen, dass die Kommune beim Thema Finanzen aktuell auf einem guten Weg sei: Die Pro-Kopf-Verschuldung liege bei gerade einmal 66 Euro, und im laufenden Jahr habe man noch keine neuen Kredite aufnehmen müssen. Die Hausaufgaben sind gemacht, findet Corsten.

Auch beim Thema Vereinsförderung spielt das liebe Geld eine Rolle. Corsten sagte, dass er Fördermittel für Neubauten und Sanierung von bestehenden Bürgerhäusern abgreifen wolle. Kremer sieht dahinter kein Konzept. Man müsse sich erst einmal Gedanken darüber machen, wie man die Immobilien später unterhalten will, wie sich die Vereinsstrukturen entwickeln, wie diese Häuser in den kommenden Jahren genutzt werden. Erst dann solle man aktiv werden.

In solche Entscheidungen müsse man die Bürger stärker einbeziehen als bisher, sagte Kremer. Er stehe für Transparenz und „echte Bürgerbeteiligung“. Bei größeren Investitionen wolle er sich nicht nur auf die Expertise von Rat und Verwaltung verlassen, sondern auch auf den Sachverstand der Bürger bauen. Im Rat strebe er breite, parteiübergreifende Mehrheiten an, Corsten betonte mehrfach, dass er sich nur auf die CDU verlassen könne.

Matthias Hannen (62) sagte, dass Selfkant einen Bürgermeister brauche, der „über den Parteien“ steht. Er wolle weg von der Parteipolitik, die habe wenig erreicht und beantworte die Fragen der Einwohner nicht. „Mich haben viele Fragen erreicht, ich habe mich gewundert, dass die Menschen keine Antworten bekommen“, sagte er.

Erfahren, gesund und weise

Hein Gottfreid Fischer (72) wolle sich in erster Linie für ein Mehrzweckjahresbad einsetzen. Das solle unter anderem der sinnvollen Freizeitgestaltung, dem Spaß und der Volksgesundheit dienen. Fischer möchte in einem solchen Bad Wohltätigkeitsveranstaltungen stattfinden lassen und Bürger zur ehrenamtlichen Mitarbeit bewegen.

Auch die bereits defekte Toilette am brandneuen Westzipfelpunkt ist ihm Dorn im Auge, über das WC habe er bereits ein Lied geschrieben. Fischer beschrieb sich selbst unter anderem als erfahren, entspannt, gesund und weise.

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