Erkelenz - Buch soll Menschen eine Mahnung sein

Buch soll Menschen eine Mahnung sein

Von: kalauz
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Intensive Recherche im Stadtarchiv: Wilfried Peisen hat mit akribischer Arbeit ein Buch über die Totalzerstörung von Erkelenz kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges zusammengestellt. Foto/Repros (2): kalauz
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Das Alte Rathaus wurde während des Krieges mehrfach von Brand- und Sprengbomben getroffen.

Erkelenz. An diesem Freitag sitzt Hermann Göring in einem seiner Herrenhäuser, den morphingeschwängerten Blick auf eines der zahlreichen Kunstwerke, die ihm Hildebrand Gurlitt im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ verschafft hat, gerichtet.

Der Junkie hat den Marschallstab beiseite gelegt und telefoniert gerade mit Wernher von Braun, der in Peenemünde an der Wunderwaffe schraubt. Die soll für den „Endsieg“ sorgen, versandet dann freilich im Bodden der Ostsee. Zweieinhalb Jahrzehnte später soll von Braun mit einer Saturn-Rakete Erfolg haben und Amerikaner damit auf den Mond schießen.

An diesem Freitag sind die amerikanischen Truppen bis auf Sichtweite von Westen her an Erkelenz herangerückt. Nach einem aufgefangenen Funkspruch gibt der Stadtkommandant um 10 Uhr bekannt, dass mit einem Angriff aus der Luft auf Erkelenz gerechnet werden müsse. Die ersten Bomben würden wahrscheinlich gegen 11.30 Uhr auf die Kernstadt fallen.

An diesem Freitag krault der ehemalige österreichische Gefreite seine deutsche Schäferhündin Blondie im Führerbunker unter der Wilhelmstraße in der Reichshauptstadt das matt glänzende Fell. Der „GröFaZ“, der größte Feldherr aller Zeiten, wie er von seinen SS-Vasallen ergebenst genannt wird, hat gerade einer Reihe von Kindern, die von der Grundschule an die Front gejagt wurden, das Eiserne Kreuz an die Revers geheftet. Wenige Tage nur noch, und Adolf Hitler wird dem Tier wie sich selbst die Kapsel geben.

An diesem Freitag bleibt der für 11.30 Uhr angekündigte Luftangriff der Amerikaner auf Erkelenz wie bei vielen Alarmierungen zuvor zunächst aus. Aber die Flugzeugen kommen dann doch noch an diesem Tag: Der Angriff beginnt mit fast dreieinhalbstündiger Verspätung um 14.20 Uhr, als niemand mehr damit rechnet. Etwa 90 viermotorige Bomber fliegen in zwei Wellen aus Richtung Schwanenberg auf die Stadt zu. Wenige Minuten später liegt Erkelenz in Schutt und Asche: die Kirchen, die Stadthalle, das Gericht, die Badeanstalt, das Krankenhaus, die Schulen, die Kindergärten.

Dieser 23. Februar 1945 wird als Schwarzer Freitag in der Chronik der Stadt Eingang finden.

Viele tatkräftige Unterstützer

„Nach diesem Freitag stand kaum ein Stein noch auf dem anderen“, sagt Wilfried Peisen. „Nur der Turm von St. Lambertus ragte aus den Schuttmassen ringsum heraus.“ Wilfried Peisen ist kein Zeitzeuge, er ist ein Kind der Nachkriegszeit. Aber der Erkelenzer hat sich intensiv mit diesem Tag, als auch in Erkelenz der Tod vom Himmel fiel, beschäftigt. Es gab nach diesem Angriff zwar offiziell nur vier Tote in der fast menschenleeren Stadt – sie war schon viele Tage zuvor evakuiert worden. Im damaligen Kreis Erkelenz wurden wenige Wochen später, am 8. Mai, dem Ende des Krieges, 300 Tote durch Bomben, 1312 Gefallene und 974 Verwundete gezählt. Und die Stadt Erkelenz war vernichtet.

Wilfried Peisen hat ein Buch über die Zerstörung seiner Heimatstadt gemacht: „Erkelenz – Die Totalzerstörung“ hat er es genannt. Mehr als anderthalb Jahre hat er im Stadtarchiv montags bis donnerstags recherchiert, hat Fotomaterial gesichtet, hat rund 300 Bilder gescannt, unzählige Texte gemailt, viele Unterlagen gesichtet. „Sehr geholfen und immer unterstützt hat mich dabei die Stadtarchivarin, Diplom-Archivarin Karoline Meyntz“, sagt Wilfried Peisen.

Aber auch in Erwin Horn, einem ehemaligen Archiv-Mitarbeiter, Hubert Rütten und Rainer Merkens vom Heimatverein der Erkelenzer Lande sowie im früheren Stadtarchivar Theo Görtz fand Peisen tatkräftige Hilfe bei der Zusammenstellung seines Bildbuches mit Texten aus dem „Westdeutschen Beobachter“, dem Parteiblatt der NSDAP für das Rheinland. Es war damals die auflagenstärkste Zeitung im Reichsgau Köln-Aachen und wurde auch rund um den Lambertiturm viel und gern gelesen.

Denn auch in Erkelenz hatten die Nationalsozialisten nach der so genannten Machtergreifung am 30. Januar 1933 rasch Tritt gefasst: NSDAP-Kreisleiter Kurt Horst sorgte dafür, dass der Johannismarkt zum „Adolf-Hitler-Platz“ und der „Führer“ zum Ehrenbürger gemacht wurden. Schon im April 1933 hatte die Nazi-Partei in Erkelenz einen Boykott gegen jüdische Geschäfte organisiert. Wilfried Peisen hat ein Foto aus dem Dunkel des Archivs ans Licht gekramt, auf dem die Schaufenster eines Geschäftes an der Kölner Straße verrammelt sind und „Deutsche kauft nicht bei Juden!“ auf die Scheiben geschmiert ist. Rechts und links stehen martialisch zwei SA-Männer in gewichsten Stiefeln, Koppel und Schlägermütze auf dem akkurat gescheitelt und rasierten Schädel.

Neben den propagandistisch gefärbten Meldungen aus dem „ganz normalen“ täglichen Leben sind die Anzeigen, die Peisen ausgegraben hat, aufschlussreich: „Mehr Milch – mehr Butter. Baut Zwischenfrucht sofort nach der Getreidefrucht! Eingesäuerte Zwischenfrucht ist Eiweißbutter für hohe Milchleistungen. Das Letzte leisten.“ Auch die Landwirtschaftskammer verstand sich auf Durchhalteappelle. Im Kintopp an der Aachener Straße, dem Union-Theater, lief zur Erbauung der auch im katholischen Erkelenz kriegsmüden Bevölkerung „ein Film mit tieferer Bedeutung“. Titel des Ufa-Streifens: „Die keusche Geliebte“. In der Spätvorstellung gab‘s dann „Sommer, Sonne, Erika“ zu sehen.

Wilfried Peisen hat ein Buch zusammengestellt, das zwangsläufig Bilder voller Trümmer, Fotos von Not und Elend, Bilder der Zerstörung zeigt. „Ich bin überrascht, wie viele junge Menschen sich für diese Zeit interessieren“, sagt Peisen. Ja, er wolle sein Buch auch als Mahnung sehen. „Und auch als Aufruf zur Wachsamkeit“, sagt er. Aus der Geschichte lernen sollte eine Selbstverständlichkeit werden.

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