Kreis Heinsberg - „Brehms Tierleben“ gehörte lange Zeit zur Basisbibliothek

„Brehms Tierleben“ gehörte lange Zeit zur Basisbibliothek

Von: Norbert F. Schuldei
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„Brehms Tierleben“ gehörte noch bis vor kurzem neben dem Duden und dem Brockhaus zur bildungsbürgerlichen Basisbibliothek.

Kreis Heinsberg. Die Zeit läuft heute nicht mehr, sie galoppiert. Der Takt, der dem Leben von außen vorgegeben wird, ist so schnell geworden, dass viele Dinge, die gestern noch vertraut und uns lieb und teuer waren, heute fremd erscheinen. Dabei hatten sie vor noch nicht langer Zeit eine große Bedeutung.

Im Rückblick sind sie für den Einzelnen mit vielen Erinnerungen, teilweise auch noch mit Gefühlen behaftet. In einer kleinen Serie wollen wir an solche Dinge, die einst bedeutsam waren und heute aus dem Alltag verschwunden sind, erinnern.

Das erste Buch, das ich las, als ich dieser Kulturtechnik gerade Herr war, das war „Mümmelmann“ von Hermann Löns. Mummelmann ist ein alter Hase, der in der Heide lebt. Das war die mir bis dahin bekannte, das war „meine Welt“. Auf einer Treibjagd in der Feldmark von Knubbendorf bringt er einen Jager durch die Kunst des Hakenschlagens vollig aus dem Konzept, so dass er statt des Hasen seinen Nachbarn in der Schutzenkette trifft. Nach diesem Jagdunfall ziehen die Jager ab. Um Mitternacht „ “ kommen die Hasen zusammen, um Mummelmann, den „Heldenhasen“, zu ehren. Das fand ich schon klasse, cool würde man heute sagen, damit konnte ich mich voll identifizieren. Als Achtjähriger.

Zu der Zeit, also in den frühen 1960er Jahren, gehörten drei Bücher in die bildungsbürgerliche Basisbibliothek: Der Brockhaus, der Duden und Brehms Tierleben. Ich habe diese zoologische Volksenzyklopädie (die „allgemeine Kunde des Thierreiches“ erschien erstmals 1863) von meinem Großvater geerbt („Meinem lieben Vater von seinem Sohn, Weihnachten 1950“ steht als Widmung ganz am Anfang). Mein Opa hat mir oft daraus vorgelesen.

Und merkwürdig: Die Tiere hatten auch dort, wie in all den Geschichten, die ich kannte – neben dem „Mümmelmann“ von Löns, hauptsächlich die Märchen „Rotkäppchen“, „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ oder „Die Bremer Stadtmusikanten“ von den Brüdern Grimm, später in der Quinta dann das „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling – alle Tiere in diesen Geschichten hatten menschliche Züge.

Und auch bei dem 1829 geborenen und 1884 gestorbenen Herrn Brehm, der ja immerhin Zoodirektor in Hamburg und Gründer des Berliner Aquariums war, bei diesem also wissenschaftlich gebildeten Mann, haben die Tiere irgendwie menschliche Züge; überall gibt es in seinen sehr bildhaften Beschreibungen Parallelen zur Menschenwelt.

Über den Igel zum Beispiel schreibt der Herr Brehm in seinem „Tierleben“: „Ein kleiner, kugelrunder Bursche mit merkwürdig rauem Pelz, arbeitet sich aus dem Laube hervor, schnuppert und lauscht und beginnt sodann seine Wanderung mit gleichmäßig trippelnden Schritten. Kommt er näher, so bemerkt man ein sehr niedliches, spitzes Schnäuzchen, gleichsam eine nette Wiederholung des gröberen und derberen Schweinsrüssels vorstellend, ein Paar klare, freundlich blickende Äuglein und einen Stachelpanzer, welcher die ganzen oberen Teile des Leibes bedeckt, ja auch an den Seiten noch weit herabreicht...“

Noch heute, mit Rationalismus reichlich gefüttert und mit wissenschaftlichen Fakten genügend gestopft, bin ich von den Brehm‘schen Tierbeschreibungen fasziniert. Damals muss das auf mich gewirkt haben wie eine Art Grimm‘scher Relativitätstheorie – erklärt in der „Sendung mit der Maus“ von heute. Wissenschaft für alle verständlich gemacht.

Es gibt Stellen aus „Brehms Tierleben“, die mein Großvater mir vorenthalten hat – wohl mehr mit pädagogisch-moralischem Hintergedanken als aus wissenschaftlich-rationalem Zweifel heraus. Das Kapitel über die „Regenpfeifervögel“ allgemein und den Unterabschnitt über die Tauben im Besonderen. Da heißt es nämlich: „Ihre Anmut wird gewiss niemand in Abrede stellen wollen, und auch an ihrer Zärtlichkeit gegen den Gatten kann sich ein gleichgesinntes Gemüt erfreuen, da das Schnäbeln nun einmal an unser Küssen erinnert; die gerühmte eheliche Treue der Tauben ist jedoch keineswegs über jede Missdeutung erhaben und von einer hingebenden Anhänglichkeit gegen die Kinder wenigstens bei vielen nichts zu bemerken... es liegen Beobachtungen vor, welche kein günstiges Zeugnis abgeben für ihre eheliche Treue... ihr Fortpflanzungstrieb ist zwar nicht so ausgeprägt wie bei den Hühnern, aber immerhin noch sehr heftig...“

Nun ja. Es klingt für heutige Ohren zugegeben etwas betulich, schon im Kindergartenalter ist da eine ganz andere Ausdrucksform an der Tagesordnung. Und : Kinder haben heute im Vorschulalter ein Wissen angehäuft, auf das wir als Abiturienten eine Bank gesetzt hätten.

Aber mal ganz ehrlich: Wenn Naturschützer stolz von frisch angesiedelten und wieder im heimischen Wald herumschleichenden Wölfen berichten – wer möchte schon mit denen heulen? Bei Brehm sind die Tiere Persönlichkeiten. In seinem „Thierleben“ entdeckt man auf jeder Seite Parallelen zur Menschenwelt. Putzig bisweilen und naiv – aber immer unterhaltsam. Aber wer hat schon noch den „Brehm“ - der bis in unsere Tage übrigens mehr als 200 Auflagen erlebte - im Bücherregal stehen?

Bildung funktioniert heute anders. Digital, intermedial und so. Da ist für die „Thierleben“-Enzyklopädie des Alfred Brehm kein Platz.

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