Braunkohle zwingt die Natur an den Tropf

Von: disch
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Die Schwalmquelle liegt etwas versteckt in einem Waldgebiet bei Geneiken südlich von Wegberg: Sie ist allerdings nicht natürlich, sondern künstlich. Über kilometerlange Leitungen wird Wasser aus dem Wasserwerk Wanlo dorthin geführt und in den Quellbereich eingespeist, nachdem die Schwalmquelle trocken gefallen war.

Kreis Heinsberg / Viersen. Der drohende Heimatverlust mit den erzwungenen Umsiedlungen für Tausende Menschen war und ist immer ein gewichtiges Argument der Kritiker von Garzweiler II. Die Sorgen um die Natur, vor allem um die Feuchtgebiete im Bereich des Naturparks Schwalm-Nette, haben ebenfalls zu sehr viel Kontra gegen die Tagebauplanungen geführt.

Im Rahmen vom „Monitoring Garzweiler II“ sollen die im Zusammenhang mit diesem Braunkohletagebau stehenden wasserwirtschaftlichen und ökologischen Gegebenheiten beobachtet werden, um die Wirksamkeit von Maßnahmen zu kontrollieren. Es gibt über 3000 Grundwassermessstellen und circa 400 sogenannte Dauerquadrate zur Pflanzenbeobachtung. Wie bei einem Frühwarnsystem sollen so negative Entwicklungen erkannt werden. Im jüngsten Jahresbericht wurde zusammenfassend festgestellt, dass auch 2012 durch Garzweiler II „keine unerwarteten Auswirkungen“ aufgetreten seien. Allerdings sind die Zahlen, die dieser Bericht enthält, durchaus als Beleg für die Schlagworte von der „Natur am Tropf“ zu werten.

Die Braunkohle kann nur im ­Trockenabbau gewonnen werden. Deshalb wird das Grundwasser mit Hunderten Sümpfungsbrunnen im und um den Tagebau permanent abgepumpt. Die sümpfungsbedingte Grundwasserabsenkung hat sich mit dem Schwenken von Garzweiler II gen Westen in Richtung Schwalm, Niers und Rur ausgeweitet, so ist dem Monitoring-Bericht zu entnehmen. Um die Grundwasserstände in den Feuchtgebieten zu halten, wozu RWE ­Power verpflichtet ist, sind im Jahr 2012 insgesamt circa 72 Millionen Kubikmeter Wasser eingeleitet oder ver­sickert worden. Diese Wassermenge entspricht in etwa dem Jahresverbrauch in der gesamten Stadt Köln. Genutzt wird von RWE vor allem das gehobene Grundwasser. Es wird in den Wasserwerken Jüchen und Wanlo aufbereitet und über Rohrleitungen in die Feuchtgebiete transportiert; auch am Nysterbach wurde ein Wasserwerk eingerichtet. Ab 2030 soll das „Ökowasser“, wie RWE es nennt, mit Wasser aus dem Rhein ergänzt werden, weil dann die Sümpfung zurückgehen soll. Zur Einleitung und Versickerung gibt es ein umfangreiches Instrumentarium: drei Wasserwerke, 150 Kilometer Rohrleitungen, 13 Kilometer Sickergräben, 150 Sohlschwellen, 60 Direkteinleitstellen, 90 Sickerschlitze sowie 182 Sickerbrunnen und Lanzeninfiltrationsanlagen.

 

 

„Der Naturpark ist bedroht“

Wie schätzen Zweckverband ­Naturpark Schwalm-Nette, Kreis Heinsberg und RWE Power die Lage ein? Greifen aktuell noch alle Gegenmaßnahmen? Ist der Naturpark weiterhin gefährdet? Welche kritischen Punkte sehen sie für die Zukunft? Was wäre, wenn der Tagebau plötzlich gestoppt würde?

„Der Naturpark Schwalm-Nette ist vom Braunkohletagebau bedroht“, lässt Michael Puschmann, Geschäftsführer des Zweckverbandes in Viersen, keine Zweifel aufkommen. Das Projekt berge Gefahren. „Der Abbau würde weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Ökologie des Naturparks Schwalm-Nette haben. Doch es wurden und werden Gegenmaßnahmen getroffen, die nach jetziger Erkenntnis greifen und die Bedrohung in Grenzen halten.“ Diese Maßnahmen müssten für die kommenden Jahre und Jahrzehnte weiter durchgeführt, ständig überprüft und gegebenenfalls nachgebessert werden. „Ein spontaner Stopp des Tagesbaus würde an den laufenden Gegenmaßnahmen nichts verändern“, so Puschmann. „Die Versickerungsmaßnahmen müssten weitergeführt werden.“ So stelle sich dies aus ökologischer Sicht dar, aus wirtschaftlicher Sicht gebe es weitere Aspekte, „die jedoch von anderer Stelle bewertet und zukunftsorientiert eingestuft werden müssen“.

Alle Ziele des Braunkohlenplans – die sich nicht nur auf das Gebiet des Naturparks, sondern auch auf betroffene Biotope (wie Nysterbachtal) außerhalb des Naturparks im Einzugsgebiet der Sümpfungsmaßnahmen beziehen – „werden nachweislich eingehalten“, erklärte Ulrich Hollwitz, Pressesprecher des Kreises Heinsberg. Der Kreis sei sowohl als Untere Wasserbehörde wie auch als Untere Landschaftsbehörde beteiligt. Die Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen von RWE Power sei „gut“. Nach heutiger Einschätzung könne man sagen, dass „die Gegenmaßnahmen greifen“. Das Unternehmen RWE Power stehe aber „auch nach der Beendigung des Tagebaus noch über Jahrzehnte in der Verantwortung“. Der Kreis gehe davon aus, dass die Nachsorge gewährleistet sei und zwar so lange, bis der natürliche Grundwasserstand in der Abbauregion wieder erreicht werde. „Mit einem vorzeitigen Stopp des Abbaus würden natürlich neue Planungen, vor allem ein neuer Abschlussbetriebsplan notwendig werden.“ Auch da werde der Kreis darauf drängen, dass die jahrzehntelange Nachsorge durch den Bergbaubetreiber gewährleistet bleibe.

Zu der Frage, was wäre, wenn der Tagebau in der Tat plötzlich gestoppt würde, nahm Landrat Stephan Pusch persönlich Stellung: Die Einzelheiten würden sich zwar nicht abschließend beantworten lassen, so Pusch. „Viel wichtiger erscheint mir – und da teile ich die Meinung des Erkelenzer Bürgermeisters Peter Jansen – dass die Politik, vor allem die Landesregierung, eine klare Ansage treffen muss, wie es mit dem Tagebau Garzweiler II unter den veränderten energiepolitischen Vorzeichen weitergeht.“ Die derzeitige Diskussion reiße alte Wunden bei den betroffenen Bürgern auf, die längst noch nicht verheilt gewesen seien. Die Landespolitik dürfe weder die Ängste der Menschen in der Abbauregion ignorieren noch mit den Existenzen der Menschen in der Region spielen. Pusch warf die Frage nach der Firmenverantwortung auf. „Es sind Fragen zu beantworten. Unter anderem die Frage, wie die Tagebaufolgen durch das Land und durch RWE behandelt werden.“ Dies sei neben den berechtigten Sorgen der Betroffenen, die wissen wollten, ob es nun mit der Umsiedlung weitergehe oder nicht, auch eine Frage der Strukturpolitik. „In dem Moment, wo der Tagebau beendet wird, ob nun wie geplant 2045 oder früher, tritt der Kreis Heinsberg in eine neue Phase des Strukturwandels ein. Mit einem großen See und einigen landwirtschaftlichen Flächen ist es dann nicht getan. Und auch daher erwarte ich eine klare Positionierung seitens des Landes und der Landesregierung.“

„Gefährdung nicht zu befürchten“

Manfred Lang, Pressesprecher von RWE Power, erklärte auf Anfrage: „Das seit mehr als zehn Jahren unter Federführung des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums durchgeführte Monitoring bestätigt, dass die existenzerhaltenden Maßnahmen mit Blick auf den Naturpark Schwalm-Nette in vollem Umfang greifen.“ Dabei werde nicht nur für eine korrekte Wasserhaltung in diesem Gebiet gesorgt, sondern auch den jahreszeitlichen Schwankungen in der Natur Rechnung getragen. „Das Ergebnis kann man an der bunten Vielfalt von Flora und Fauna in der Region ablesen. Selbst seltene Arten fühlen sich in dem Naturpark heimisch“, so Lang. RWE Power sorge mit seinen eigens für den Naturpark Schwalm-Nette errichteten „Ökowasserwerken“ für den richtigen Zufluss an Wasser. Dies geschehe über spezielle Verrieselungen oder direkte Einleitung in die vorhandenen Wasserläufe. „Daher können wir auch für die Zukunft dieser Region nur einen positiven Ausblick geben. Eine Gefährdung des Naturparks ist sicher nicht zu befürchten.“

RWE Power steht laut Lang nach wie vor zur Braunkohle im rheinischen Revier, „denn sie ist unser einziger heimischer und subventionsfreier Energieträger. Im Übrigen trägt der Strom aus unseren modernen Kraftwerken dazu bei, dass die Versorgungssicherheit zu jeder Zeit gewährleistet ist. Auch wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht.“ Das bedeute auch: „Alle Maßnahmen, wie der Betrieb unserer Ökowasserwerke, werden ohne Abstriche weiterlaufen und den Naturpark auch in Zukunft mit ausreichend Wasser versorgen.“

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