Brassertstraße: Alte Siedlungshäuser weichen Neubauten

Von: kalauz
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Hier rücken bald die Bagger an: Die Siedlungshäuser Nummer 41 bis 95 an der Brassertstraße müssen einem Neubauprojekt Platz machen. Foto: kalauz

Hückelhoven. Man darf getrost davon ausgehen, dass es ihnen relativ schnuppe war: Aber die Kumpels, die in der Siedlung oben unter dem Wasserturm ihr Zuhause hatten, sie hatten die wohl schönste Wohnlage in ganz Hückelhoven.

Hausnummern 41 bis 95

Aus dem Küchenfenster schweifte der Blick bei guten Wettern über das Flusstal der Rur weit über das Land bis in die Eifel. Aber sie waren ja nicht da, um die schöne Lage zu genießen, sie lebten dort, weil sie ein paar Schritte weiter unten am Schacht 3 Tag für Tag runter in den Berg fuhren, um die Kohle ans Tageslicht zu fördern.

1926 wurde die Siedlung an der Brassertstraße mit den Hausnummern 41 bis 95 erbaut. Es sind acht Einzelhäuser, in der Regel eingeschossig. Geplant hat die Siedlung der gebürtige Schweizer Emil Emanuel Strasser, der in den turbulenten Zeiten der Weimarer Republik von den Eigentümern der Zeche Sophia-Jacoba zum Baudirektor in Hückelhoven bestellt worden war. Und er konzipierte die Häuser damals so, wir sie noch heute da oben stehen: Kleine Wohnräume mit Schlafkammer, Küche, Kammer – einen Kühlschrank konnten sich Malocher damals noch nicht leisten – und einem großen Garten. Dort bauten die Werktätigen mit der Hacke und dem Spaten in der Hand unter freiem Himmel auch als Ausgleich für die Knochenarbeit unter Tage Gemüse und Kartoffeln, Obst und anderes Grünzeugs an. Selbstversorger nannte man das damals.

Die Zeit schreitet unaufhaltsam voran, die Zeche ist längst dicht. Da, wo die Kumpels zur Schicht einfuhren, ist heute ein Museum untergebracht, die Häuser der Siedlung oben stehen teilweise schon länger leer. Jetzt sollen sie abgerissen werden. An ihre Stelle wird ein Neubauprojekt mit 92 Wohneinheiten und Parkmöglichkeiten entstehen.

Die schlechte Bausubstanz der Häuser und das – von 90 Jahren allerdings sehr fortschrittliche – Siedlungskonzept der Häuserzeile lässt eine Grundsanierung wohl nicht zu. Jedenfalls hat die Stadt nach dreijährigen Verhandlungen mit der Eigentümergesellschaft Vivawest als Nachfolgegesellschaft von Sophia-Jacoba das Neubauprojekt jetzt auf den Weg gebracht.

Fehlendes Konzept bemängelt

Im Stadtrat gaben auch die Politiker grünes Licht – wenngleich einige Bauchschmerzen dabei hatten und sich eine größere öffentliche Diskussion über das Schicksal der Siedlung gewünscht hätten. Die Grünen etwa hätten gerne einen Workshop gesehen, denn schließlich verschwinde dort „eine wunderschöne Silhouette“; die SPD sprach von einem fehlenden Gesamtkonzept für die Siedlung.

Nach den ausliegenden Plänen werden an der Brassertstraße demnächst acht teilweise dreigeschossige Einzelgebäude in drei Komplexen stehen. Die Wohnungen sollen eine Größe von 50 bis 100 Quadratmetern haben. Was die Bewohnerstruktur angeht, wird sich die Siedlung grundlegend ändern: Sozialer Wohnungsbau ist in dem neuen Wohnkomplex nicht vorgesehen.

Was die neuen Bewohner mit den alten Kumpels verbinden wird, ist der wunderschöne Blick über das Tal der Rur rein in die Eifel. Der hat sich in den vergangenen 100 Jahren kaum verändert.

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