Erkelenz-Lövenich - Borschemich: Das Ende eines Dorfes in 54 Minuten

Borschemich: Das Ende eines Dorfes in 54 Minuten

Von: Helmut Wichlatz
Letzte Aktualisierung:
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Heimat im Film festgehalten: Horst Drews hat mit seiner Kamera die Umsiedlung in Borschemich dokumentiert.

Erkelenz-Lövenich. Wenn Horst Drews die CD mit seinem Film einlegt, meint man, er wolle Werbung machen für einen Urlaubsort. Die Kamera hat die schönsten Seiten des Ortes festgehalten und macht Lust auf einen Besuch. Untermalt werden die Bilder mit freundlicher Musik, gerade wie aus einem Werbefilm der Fremdenverkehrsbranche. Der Ort heißt Borschemich, und da er ohne den Zusatz „neu“ auskommt, weiß man, dass es ihn nicht mehr gibt. Er muss der Braunkohle weichen und was von dem einst ansehnlichen Dorf steht, ist ein trostloser Rest, der auch bald vom Erdboden verschwunden sein wird.

Horst Drews und seine Frau Rita leben in Lövenich und haben das langsame Sterben des Nachbardorfes seit 2013 mit der Filmkamera begleitet. Besonders beeindruckend war der Abriss der Kirche St. Martinus, den auch viele Borschemicher und Erkelenzer verfolgten. „Der Schnee lag wie ein Leichentuch über der Kirche, als die Bagger anrückten“, erinnert sich Drews. Zum Ende hin sei die Stimmung vor Ort angespannt gewesen. Trotzdem harrte er aus und filmte die letzten Momente der Kirche und wie die Kirchturmspitze herunterbrach. Diese Szene stellt den Höhepunkt seiner Dokumentation dar, die ohne Worte auskommt.

54 Minuten lang lassen Drews und seine Frau Rita die Bilder für sich sprechen. Denn sie wollen weder kritisieren noch anklagen. „Wir habe die Umsiedlung festgehalten und den Neuanfang“, sagt Drews. Seit fünf Jahren waren die beiden Lövenicher mit ihrer Kameraausrüstung dabei.

Die ersten Bilder von Borschemich wirken wie Werbeaufnahmen für einen idyllischen Ort, in dem alles noch in Ordnung scheint. Unterlegt sind die Bilder mit Musik, die ebenfalls nichts Böses erahnen lässt. Doch mitten im Film kippt die Stimmung und die Bilder werden drastischer. Nach einer Kamerafahrt von St. Martinus auf den Ort sieht man bereits den großen Bagger, der sich bedrohlich nah an den Ort heranschiebt und ihn dann „auffrisst“.

Was Horst Drews filmt, hat Qualität. Denn wenn er sich der Aufgabe annimmt, dann auch ordentlich, wie er sagt. So wuchs die filmische Ausrüstung von der Super-8-Kamera der frühen Jahre schnell zur digitalen Kamera mit Stativ. „Wenn ich einen Schwenk mache, dann soll der nicht verwackelt sein“, sagt der Hobbyfilmer.

Die Ergebnisse seiner Arbeit landen bei Ehefrau Rita auf dem Tisch – oder genauer: auf dem Computer. Denn sie ist für den Schnitt und die Tonspur zuständig. So hat sie sich mit der Zeit einiges an Fachwissen über Schnitt und Filmmontage angeeignet. Zum Rosten ist da keine Zeit.

Neben der Umsiedlung Borschemichs haben die Eheleute Drews auch schon die Umsiedlung Immeraths, den Entwidmungsgottesdienst und die Einweihung der neuen Kirche filmisch festgehalten. Der Film endet damit, dass und wie das Leben in Immerath weitergeht – in Form des ersten Schützenfestes am neuen Standort. „Ein Ort zieht um“ lautet der sachliche Titel des Films, der keine anklagenden Untertöne kennt.

Kopien seines Films „Der Ort Borschemich muss für immer gehen“ hat Drews auch dem Heimatverein der Erkelenzer Lande und der katholischen Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt. „Es ist wichtig, dass sich junge Menschen später ein Bild davon machen können, wie die Orte einmal vor der Umsiedlung ausgesehen haben“, sagt er.

Neben der Dokumentation der Umsiedlungen in Erkelenz gilt das filmische Interesse der Eheleute Drews auch Heimatthemen wie Windkraft oder Ausflugszielen in der Region. Im Urlaub in Österreich zeigen sie gerne die Ergebnisse ihres Schaffens. „Die Leute waren ganz erschüttert, als sie den Borschemich-Film gesehen haben“, sagt Rita Drews. „Dass man hier so mit der Heimat umgeht, konnten sie nicht verstehen.“

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