Bogenschießen: Mit aufmerksamer Gelassenheit ins Ziel

Von: Andrea Schever
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Alle haben das gleiche Ziel: das „Gold“ der Zielscheibe. Torsten Breuer, Dieter Bürgers, Nikolai Bürgers, Michaela Bürgers (v.l.) konzentrieren sich bei jedem Schuss. Foto: Andrea Schever
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Torsten Breuer blickt in die Ferne und peilt sein Ziel konzentriert an.

Wassenberg-Myhl. Für einen Moment ist es ruhig: Die Füße stehen parallel, der Rücken ist gerade, ein paar tiefe Atemzüge. Wenn sich Torsten Breuer vorbereitet und zum Schuss ansetzt, senken die anderen ihre Stimmen und nehmen Rücksicht. Stecken alle Pfeile in den Zielscheiben der Silberpfeile, löst sich die Spannung.

Und alle machen wieder ihre Späße, ganz so wie vor dem Schuss. Was den Charme des Bogenschießvereins „Silberpfeil Myhl“ ausmacht, ist das familiäre Verhältnis der Mitglieder untereinander. Jeder packt mit an, jeder hilft jedem und für einen herzlichen Scherz ist immer Zeit.

Das kommt nicht von ungefähr: „Wir haben teilweise ganze Familien im Verein, die das als einen Familiensport betreiben“, erzählt Heinz-Josef Theissen, Vorsitzender der Silberpfeile. Auch wenn es in Wettkämpfen um Punkte geht, sei niemand beim Training verbissen: „Es geht uns mehr um den Spaß, als um den Wettkampf.“

Die Geschichte des Vereins begann mit einer Hand voll bogenbegeisterter Freunde: Sie gründeten 1978 den BSC Silberpfeil Myhl e.V.. In Eigenarbeit und mit viel Herzblut bauten sie rasch das Vereinsheim in der Sankt-Johannes-Straße auf. Dort schießen die Schützen seitdem – aus dem Fenster heraus. Die Zielscheiben stehen im Freien, 18 bis 25 Meter hinter dem Vereinsheim. Mittlerweile ist der Verein auf mehr als 30 Mitglieder gewachsen, ein Drittel davon sind Jugendliche, die regelmäßig vorbeischauen und ihren Bogen spannen.

Während ein Schießneuling seinen Bogen hebt und auszieht, beobachtet Jürgen Förster dessen Rücken. Er drückt sanft mit der Hand auf Höhe der Schulterblätter, sodass der Schießende sich gerade aufrichtet. „Du musst gerade stehen!“, rät er ihm. Der Jugendbetreuer wirft beim Training immer ein Auge auf die Schützen und verbessert gegebenenfalls die Körperhaltung. Erfahrenere Mitglieder helfen Anfängern stets weiter.

Den Anfang macht jeder Schütze bei den Silberpfeilen in einer intensiven Einführungsphase. „Dann stehen wir bei jedem Pfeil daneben und erklären, helfen, geben Ratschläge“, sagt Theissen. Nach einigen Wochen, wenn sich etwas Routine und Treffsicherheit abzeichnet, lässt man den Neulingen mehr Freiraum. Ganz alleine gelassen werden die Neulinge aber nicht.

Der Bogenschießverein gehört auf deutscher Seite dem Rheinischen Schützenbund an, wegen der Nähe zur niederländischen Grenze und der Freundschaft zu dortigen Vereinen, traten die Silberpfeile auch dem Limburgischen Bogenschießverbund „Gezellig Samenzijn“ bei. Als einziger deutscher Verein unter 26 niederländischen nehmen die Schützen regelmäßig an dortigen Turnieren teil.

In Deutschland kommt der Sport kaum über ein Nischendasein hinaus. Ganz anders ist das in den Niederlanden: „Dort ist das Bogenschießen eher ein Massensport“, sagt Heinz-Josef Theissen. Während Sportler auf deutscher Seite oft weit fahren müssen, um zu trainieren, findet sich in Limburg fast in jedem Dorf eine Sportgruppe.

Hierzulande steckt das Bogenschießen zwar noch in den Kinderschuhen. Dabei ist es eine uralte Jagdtechnik. Die ältesten gesicherten Funde sind etwa 12 000 Jahre alt und zeugen von der Einfachheit, aber auch Bewährtheit der Instrumente. Mit Pfeil und Bogen konnten Jäger aus sicherer Entfernung ihre Beute erlegen und Soldaten im Kriegsfall ihre Gegner abwehren. Auch wenn der Bogen heute kaum noch für diese Zwecke verwendet wird, hat die Faszination für das Präzision und Konzentration erfordernde Gerät nicht abgenommen.

Das moderne Sportschießen hat jedoch nur noch wenig mit der ursprünglichen Form zu tun. Bei Recurve- und Compound-Bögen haben sich die Baumeister immer mehr einfallen lassen, um den Bogen und seine Handhabung zu modifizieren. Mit dem Tab, einem Fingerschutz, wird die Sehne des Bogens umschlossen und ausgezogen. Visiere und Stabilisatoren erleichtern das Zielen.

Und gegen von der zurückschnellenden Sehne verursachte blaue Flecken hilft ein Armschutz. Für Anfänger gar nicht so einfach, da die Muskeln bei jedem Ziehen an der Sehne ungewohnt belastet werden. Wenn man dann noch einen Moment länger festhalten muss, bis das Ziel sicher anvisiert ist, fängt man schnell an zu zittern.

Ehrgeiz und Konzentration

Aber Training zahlt sich aus: „Man merkt selber, dass das von Mal zu Mal besser klappt. Ehrgeiz ist beim Bogenschießen wichtig“, sagt Theissen. Genauso wichtig wie der Ehrgeiz ist die Konzentration. Denn nur, wenn man alles andere beiseiteschiebt und sich auf das Zusammenspiel von Körper, Geist, Bogen und Pfeil einlässt, findet der Pfeil den Weg ins „Gold“ – so nennt man den innersten Kreis der Zielscheibe. Bogenschießen ist eben doch Kopfsache. Dass man alles andere vergisst, bestätigt auch Michaela Bürgers aus Erkelenz, deren Mann Dieter und Sohn Nicolai mit ihr zusammen schießen: „Man kann so richtig gut abschalten und entspannen.“

Heinz-Josef Theissen findet, dass der Sport für fast alle Altersklassen geeignet ist: „Zehn Jahre ist ein gutes Alter, um anzufangen“, nach oben hin sei alles offen. „Ich kenne Schützen, die mit knapp 90 Jahren noch mit dem Bogen schießen.“ Der Sport stärkt die Rücken- und Lungenmuskulatur und trainiert eine aufmerksame Gelassenheit. Bogenschießen wird daher schon in der Physio- und Psychotherapie eingesetzt. Aber vielen Sportlern gehe es in erster Linie um den Spaß am Bogenschießen, sagt Theißen.

Dann senkt er die Stimme, blickt zur Schusslinie und wartete darauf, dass die anderen ihre Bögen heben. Die Sehne spannt sich, das Ziel wird anvisiert und der Pfeil schießt davon: mitten ins Gold.

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