Begas-Haus: Mit einem roten Faden durchs Museum

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
11617939.jpg
Die Nagelfigur von Johann II., genannt der Streitbare, steht im Foyer des Begas-Hauses. Warum Bürger Geld dafür zahlten, um einen Nagel in ihren Schild schlagen zu dürfen, wird bei Führungen erzählt. Foto: Begas-Haus/Anne Gold

Heinsberg. „Ein bisschen furchtbar war das.“ Naja, vielleicht sogar ein schrecklich großes Bisschen furchtbar. Es war nur ein leichtes Antippen an eine Kante, aber es genügte, um die ganze aufwendige Postkarten-Kunstinstallation zu vernichten.

Wie ein Dominospiel waren sie versetzt hintereinander aufgestellt und ebenso unaufhaltsam wie ein Dominospiel folgte die Zerstörung. Die Glasscheiben, die die Karten schützten, brachen. „Das war vielleicht ein Scheppern.“

Heute kann Alexandra Simon-Tönges darüber schmunzeln. Aber damals, als sie eine Gruppe Museumsbesucher durch ein Museum mit zeitgenössischer Kunst lotste, musste sie einen kühlen Kopf bewahren. „Ist jemand verletzt?“ Das war ihre erste Frage. Niemand? Okay. „Bitte kommen Sie hier rüber.“ Sie achtete darauf, dass niemand in die Scherben trat, schaute nach dem Hausmeister und dem Museumswärter, überlies es ihnen, nach dem Unglücksvogel zu fanden, der die fatale Ecke berührt hatte. Und dann – machte sie weiter, führte die Besucher weg vom Ort der tausend Scherben. Denn die Besucher sind ihre Baustelle.

Für einen Museumsführer gehören solche Erlebnisse zur unangenehmen Sorte. Von der anderen Sorten, den angenehmen, den lustigen, den überraschenden kann Simon-Tönges mehr Geschichten erzählen. Die gibt es einfach öfter.

Im Begas-Haus, Museum für Kunst- und Regionalgeschichte Heinsberg, kann so ein Unglück eher nicht passieren. Die Skulpturen sind fest verankert, die Bilder an den Wänden gesichert, die archäologischen Funde stecken hinter Glas. Hier kann höchstens ein Besucher vom Klapphocker kippen – vor Begeisterung oder weil es mal wieder länger dauert, als die angekündigte eine Stunde.

Die Themen und Fragen, die die Museumsführer bei der Schulung im Museum für Kunst- und Regionalgeschichte hatten, waren dann auch ganz andere. Zum Beispiel: Was mache ich, wenn ich eine Schülergruppe vor mir habe? Wie viele historische Persönlichkeiten und Titel sollte man erwähnen? Wie erkennt man, dass jetzt eine Abkürzung durch die Geschichte gefragt ist? Denn speziell um die Heinsberger Regionalgeschichte ging es bei dem aktuellen Workshop. Dass es bisher eher selten historische Führungen durch das Begas-Haus gab, lag daran, dass es nur wenige gab, die sich ebenso gut wie die Museumsleiterin oder der vorherige Kustos Wolfgang Cortjaens mit den ausgestellten Exponaten und der Geschichte Heinsbergs auskannten.

Und das wiederum liegt daran, dass diese eine besonders schwierige ist. Im Gegensatz zu großen Städten, erklärt Dr. Mechthild Isenmann, änderten sich die territorialen Machtverhältnisse in Heinsberg alle paar Jahre. Denn Heinsberg war lange ein Grenzbereich und Grenzbereiche seien naturgemäß interessant für die unterschiedlichsten Mächte. „Das macht es schwierig, die Geschichte zu erklären, aber es macht es auch spannend.“

Museumsleiterin Rita Müllejans-Dickmann hat die Historikerin und Kunsthistorikerin Mechthild Isenmann eingeladen, die Museumsführer des Hauses fit zu machen. Die Kölnerin ist ein Profi in Sachen Museumsführungen. Sie selbst kann durch etliche Museen Deutschlands und der Grenzregion führen. Geschichtsvereine, Akademien, politische Gremien oder auch Privatleute buchen sie. Sie weiß, wie wichtig es ist, nicht nur zu wissen, an welchem Artefakt oder Bild oder welcher Skulptur man die Arbeitsweise eines Künstlers oder die Besonderheit einer Epoche am besten erklären kann, sondern auch, wo der Reisebus am besten parken kann und wo die Toiletten sind.

Wo die Toiletten im Begas-Haus sind, wissen die Damen und der eine Herr, die Mechthild Isenmann an diesem Freitag lauschen, genau. In Sachen Begas-Haus sind sie bereits Experten. Sie alle haben außerdem einen akademischen Hintergrund, die meisten haben Geschichte oder Kunstgeschichte studiert. „Man muss dafür brennen, um es richtig zu vermitteln“, sagt Renate Kries, die bereits seit der Neueröffnung des Begas-Hauses durch die Räume an der Apfelstraße führt. Ihnen allen macht es nichts aus, vor einer großen Gruppe zu reden, im Gegenteil. Hilda Ortis aus Berberen tut dies sogar in mehreren Sprachen.

Wenn sie die Führung übernimmt, dann verstehen das spanische, italienische, englische und französische Besucher. Helga Behrendsen liebt es, Kindergruppen Geschichte und Kunst nahe zu bringe, ob nun in Heinsberg oder in Linnich: „Kinder sind so schön spontan.“ Ein Gelingt-immer-Rezept für Museumsführer gibt es nicht. „Jede Gruppe ist individuell, da muss man nach einer halben Stunde auch mal umstricken und abkürzen“, meint Barbara Jakobs, Mitarbeiterin des Begas-Hauses. Es sei wichtig, einen roten Faden zu haben, sagt Mechthild Isenmann. Der Kampf gegen die Zeit sei dabei das größte Problem. Man wisse so viel, wolle so viel, aber anderthalb Stunden seien das Maximum.

Das Schönste ist, wenn die Zuhörer nachher sagen: „Das hätten wir ohne sie gar nicht gesehen“, sagt Alexandra Simon-Tönges.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert