Bagger fressen sich Tag für Tag weiter vor

Von: Norbert F. Schuldei
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Noch schleift Wilfried Lörkens die Blätter für den Rasenmäher in seiner Werkstatt. Abner er muss sich schon ziemlich schnell Gedanken darüber machen, welche Werkzeuge er beim Auszug aus Haus Paland in Borschemich mitnehmen will: Die Bagger rücken unaufhaltsam vor. Foto: Schuldei
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Ein Sicherheitsdienst soll dafür sorgen, dass in den leer stehenden Häusern des Ortes kein Schindluder betrieben wird. Foto: Schuldei
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Die schweren Abrissmaschinen leisten schon jetzt ganze Arbeit: Ein Haus nach dem anderen wird in Borschemich dem Erdboden gleich gemacht. Foto: Schuldei

Erkelenz-Borschemich. Es ist mucksmäuschenstill, wenn man das Ortsschild hinter sich lässt und an der mächtigen alten Linde herum auf die Kirche zusteuert. Kein Mensch ist zu sehen, an den Häusern sind die Fenster am helllichten Tag mit Rollläden verrammelt, der Löwenzahn wächst grün und blüht gelb aus den Mauerritzen hervor. Ein Idyll. Ein Idyll? Nein!

Ein Hauch von Morbidem liegt schwer über dem Ort und scheint lastend auch auf den blauroten Schriftzug des verbliebenen Bankinstitutes zu drücken. Motorsägen heulen plötzlich auf, verstummen wieder und kreischen erneut in die Stille hinein: Hinter der Hecke, die sich rund um Haus Paland, diesem satten Gemäuer, das seit mehr als 400 Jahren Wind und Wetter, Frieden und Krieg und anderen Unbilden trotzt, wird Gebüsch geschnitten.

Im Blaumann, die Hände und Arme von Motorenöl schwarz verschmiert, kommt der Hausherr durch ein hölzernes Tor aus dem Dunkel über die frisch gemähte Wiese gemessenen Schrittes näher. „Ja, Rheinbraun hat die Leute geschickt, um hier ein wenig Ordnung reinzubringen“, ruft Wilfried Lörkens schon von weitem zu. Das, sagt er, sei ja wohl auch normal, „schließlich gehört denen das Land und der Wald da schon“. Der Grund und Boden hinter dem Tor, da, wo wir jetzt stehen, das gehört dem Energieriesen noch nicht, das ist noch immer Eigentum von Wilfried Lörkens.

Er ist einer der letzten Alt-Borschemicher, die noch nicht vor den drohend nahen und sich täglich immer weiter vorfressenden Baggern des Braunkohletagebaus Garzweiler II geflohen sind und sich an anderer Stelle, zehn Kilometer entfernt, nahe dem Stadtkern Erkelenz, ein neues Borschemich, ein neues Zuhause aufgebaut haben. „Ich bleibe so lange hier, bis es gar nicht mehr anders geht“, sagt Lörkens.

Das Aus auch für ihn kommt spätestens 2015: Dann ist vertraglich zementiert, dann muss Borschemich, der einst stolze 550 Einwohner zählende Ort mit der mächtigen Linde als Mittelpunkt, menschenleer sein. „Bis auf eine Handvoll sind ja jetzt schon alle weg“, sagt Lörkens. Er weiß, dass ihm auch keine Wahl bleibt, dass mit jedem Tag der Abschied näher rückt aus der mächtigen Burg, die seit rund 180 Jahren im Besitz der Familie Lörkens ist, wo er geboren und groß geworden ist, dort, wo seine Tochter aufgewachsen ist und der Ort auch, wo die Eltern gestorben sind. „Die haben sogar schon mit Enteignung gedroht. Das ist natürlich völlig überzogen“, sagt er. Fügt aber im gleichen Atemzug hinzu: „Ich muss jetzt was machen, das ist mir schon klar.“

Ja, er hat sich in Borschemich (neu), wie der Umsiedlungsort im offiziellen Schreibgebrauch der Stadt Erkelenz heißt, schon einen Bauplatz reservieren lassen. „Aber angefreundet habe ich mich mit der Sache noch nicht“, sagt er. „Schauen Sie sich doch mal um hier. Dafür gibt‘s keinen Ersatz.“ Das weitläufige Gelände, das trutzige Gemäuer; die Scheune, in der die Werkstatt von Zangen, Schraubenschlüsseln und -ziehern, Werkzeugkästen, Ölkannen, Benzinkanistern, Schläuchen, Bändern, Hämmern und Keilen fast überquillt; die beiden fast historischen Trecker, ein Deutz und ein Eicher, stehen da geschützt unter dem Dach – unmöglich, das alles mitzunehmen, damit umzuziehen. „Ich denke, ich werde auch am Neubau eine Halle oder eine Scheune haben. Ich werde dann so eine Art ein Nebenerwerbslandwirt“.

Seinen Job als Bankangestellter hat Wilfried Lörkens schon gekündigt, er ist in die Altersteilzeit getreten. „Als klar war, dass Borschemich abgebaggert wird, dass wir früher oder später unser Zuhause hier verlieren werden, da bin ich richtig, aber richtig krank geworden“, sagt er. Mittlerweile ist er nicht nur körperlich, er ist auch seelisch wieder auf dem Damm.

Und er zeigt sich kämpferisch, wenn es darum geht, dem Energieriesen RWE Power zumindest ein wenig die Stirn zu bieten. „Sehen Sie die Scheune hier direkt am Haus? Rheinbraun sagt: Die kann man doch abreißen. Danach bemessen die dann die Entschädigung“, sagt Lörkens. Aber? „Ich darf die gar nicht abreißen, die steht unter Denkmalschutz“. Differenzen solcher Art, sagt er, gäbe es zuhauf: Ist das Stück Land noch Baugrundstück, ist das schon Ackerland oder ist dies noch Gartenland? Danach bemisst sich die Entschädigung, da geht es um Quadratmeter Land und um Kubikmeter umbauten Raum – sicher ein wichtiger Punkt bei der Umsiedlung. „Aber“, sagt Wilfried Lörkens, und dabei werden seine Augen wässrig, „die Erinnerungen, das, was das Leben hier ausgemacht hat, das kann man nicht Geld ausrechnen, schon gar nicht aufwiegen“.

Das Haus gegenüber wird auch abgerissen? „Mal gucken, gestern stand‘s noch. Nee, ist schon weg.“ Er müsse jetzt bald anfangen neu zu bauen, sagt Lörkens. „Sonst schaffe ich das nicht mehr bis 2015“. Dann ist Ultimo für Borschemich. Unwiderruflich.

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