Autobiographischer Roman aus Myhl: „Mit Liebe hat das nichts zu tun“

Von: Nicola Gottfroh
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Claudia Mech hat in ihrem autobiographischen Roman „Mit Liebe hat das nichts zu tun“ die Geschichte ihrer Kindheit und den sexuellen Missbrauch durch ihren Großvater festgehalten. Foto: N.Gottfroh

Wassenberg-Myhl. „Ich lag nackt vor meinem Vater, der eigentlich mein Großvater war, und ich konnte nichts dagegen tun.“ Die Zeilen in dem Buch „Mit Liebe hat das nichts zu tun“ von der Claudia Mech machen betroffen, entsetzen und schockieren. Die Myhler Autorin ist gerade zwölf Jahre alt, als sich ihr Großvater, den sie Vati nennt und bei dem sie aufwächst, an ihr vergeht.

31 Jahre nachdem ihr Großvater sie das erste Mal angefasst hat, erzählt Mech in der Küche ihres Hauses in Myhl von den Jahren des Missbrauchs. Sie erzählt es so, wie andere Menschen über das Wetter reden. Ruhig, unaufgeregt, authentisch.

Und genau so hat sie auch ihre Geschichte niedergeschrieben. „Der Missbrauch hat mich nicht zerstört. Ich bin glücklicherweise ohne bleibende Schäden aus der Sache rausgekommen“, sagt die 43-Jährige überzeugt. Deshalb habe sie das Buch nicht geschrieben, um Geschehenes zu verarbeiten. „Der Verarbeitungsprozess ist schon vor Jahren gewesen“, sagt sie.

Vielmehr, so erklärt sie, ist ihr Buch die schriftliche Antwort auf die Frage ihrer Großmutter, wer denn eigentlich „damit“ angefangen habe. Ihr Mann oder die Enkelin. „Eigentlich, bedarf eine solche Frage keiner Antwort. Als meine Mutter im vergangenen Jahr diese Frage gestellt hat, hat es mir beinahe den Boden unter den Füßen weggezogen“, erklärt Claudia Mech. Sie habe es gerade noch geschafft, den Raum zu verlassen, bevor die Tränen kamen. „Für mich war das fast schlimmer, als der Missbrauch selbst.“

Allein aus diesem Grund, um der Mutter bzw. Großmutter das Unaussprechliche zu erklären, schrieb sie nieder, was sie durchgemacht hatte. Claudia Mech erläutert detailreich, wie der Großvater sie immer dann, wenn die Großmutter das Haus verließ, zu seinem Lustobjekt machte. Sie verleiht ihrem Frust darüber, dass ihre Großmutter nichts gemerkt haben will – obwohl sie ihren Mann sogar einmal beim Fummeln an der Enkelin erwischt hat – in den Zeilen Ausdruck. Und sie schildert, wie sehr sie sich dafür schämte, dass sie bei den Handlungen ihres Großvaters Lust empfand.

Obwohl sie zu Beginn des Schreibprozesses eigentlich nur eine Art langen Brief an ihre Mutter schreiben wollte, hat sie mit jeder Zeile, die sie mehr aufs Papier brachte, gemerkt, dass ihre Geschichte in Buchform anderen eine Hilfe und Stütze sein könnte. Gleichzeitig war ihr klar, dass jeder Mensch im Falle einer Veröffentlichung ihre Geschichte nachlesen könnte. Die Zweifel nahm ihr die Familie. „Meine Brüder und die meisten Mitglieder meiner Familie haben das Buch gelesen und mich bestärkt, es zu veröffentlichen“, sagt Mech. Gleich neun Verlage zeigten Interesse an dem Buch - wenige Monate nachdem sie die Arbeit an dem Buch abgeschlossen hatte, hielt sie das gedruckte Werk in den Händen.

Mehr Exemplare als gedacht, hat sie inzwischen schon verkauft. Viele Menschen wollen die Geschichte lesen. Auch die ältere ihrer beiden Töchter kennt das Buch der Mutter.

Auch wenn Claudia Mech aus dem Missbrauch kein Geheimnis macht. In dem autobiographischen Werk hat sie die Namen der Beteiligten – selbst den eigenen, sie nennt sich im Buch Stefanie – verfälscht. Das erschien ihr richtiger – schließlich ist Birgelen, der Ort an dem sie aufgewachsen ist, ein Dorf. Jeder könnte leicht die Protagonisten erkennen. „Außerdem ist das die Sache mit dem Persönlichkeitsrecht“.

Trotzdem: „Ich gehe ganz offensiv mit der Geschichte um. Wer mich kennt, weiß um wen es geht“, sagt Claudia Mech. Und bislang, so beteuert sie, habe sie viele positive Reaktionen auf das Buch und ihren Mut erhalten. Einzig eine Verwandte beäuge das Buch skeptisch, sie habe Angst, die Autorin könnte die inzwischen 89-jährige Großmutter, die bei Claudia Mech im Haus lebt, zu sehr verletzen. „Aber das tue ich nicht. Ich denke, sie ist jetzt auch froh, endlich die Wahrheit zu wissen – ich habe es ja schließlich für sie geschrieben“, sagt Mech.

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