Aus den Tagebüchern eines Widerständlers

Von: Anna Petra Thomas
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Karl und Maria Beumers lasen den Gästen in voll besetzten Kirchhovener Pfarrheim aus dem Buch und damit auch aus den Tagebüchern von Christian Schreinemachers vor. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg-Kirchhoven. „Das ist Christian beim Absprung als Fallschirmjäger 1941.“ Karl Beumers deutete auf das auf die Wand projizierte Foto hinter sich, das zugleich Titelbild seines neuen Buches ist: „Christians Jugendleben“. Und wieder war das Kirchhovener Pfarrheim mit Zuhörern gefüllt, als ihnen der Autor selbst, aber auch seine Frau Maria aus dem Buch vorlas.

Es basiert auf sieben Tagebüchern des 1919 im Kirchhovener Ortsteil Vinn geborenen Christian Schreinemachers, der 1941 auf Kreta sein Leben lassen musste.

Ihn „kann man als einen der ersten Gegner gegen die nationalsozialistischen Machthaber bezeichnen“, heißt im Vorwort des Buches. „Denn schon nach der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 folgte er seiner christlichen Überzeugung und wandte sich gegen die zunehmend erstarkende Hitlerjugend.“ Schreinemachers leitete bis zum Verbot 1938 die Kirchhovener Sturmschar, eine Gliederung des katholischen Jungmännerverbands.

70 Jahre Vergangenheit seit dem Ende des Krieges 1945 seien zwar eine lange Zeit, „aber für die Geschichte ist es ein Nichts“, erklärte Beumers in seiner Begrüßung. Aber „wer kann es heute den jungen Leuten noch erzählen, wenn die Zeitzeugen verstorben sind?“, fragte er und lieferte damit zugleich die Begründung für seinen unermüdlichen Einsatz, diese Geschichte aufzuschreiben.

Das Geschehene dürfe niemals vergessen werden und müsse auch an Kinder und Enkelkinder weiter vermittelt werden. Es gelte Aufklärungsarbeit zu leisten, um immer wieder neu auftretende Gruppierungen in der rechten Szene im Keim zu ersticken, betonte Beumers. Zwischen seinen überleitenden Worten las seine Frau Maria dann beeindruckende Auszüge aus Schreinemachers Tagebüchern vor und zeigte alte Fotos. Nicht minder beeindruckend waren alte Filmsequenzen über die Hitlerjugend und von einer Romreise der Sturmschärler im Jahr 1935.

Schreinemachers habe in einer Zeit gelebt, „in der wir nicht leben möchten“, erklärte Bürgermeister Wolfgang Dieder in einem Grußwort während der Präsentation. „Aber Erinnerungen sind für uns eine wichtige Form des Lernens.“ Dann wandte er sich direkt an Beumers kleine Enkeltochter Julia: „Ich würde mich freuen, wenn du das Buch deines Opas lesen würdest und wenn es auch in Schulklassen gelesen würde.“ Die Erinnerung lebe dann besonders gut, wenn sie mit Einzelschicksalen wie dem von Schreinemachers verknüpft sei, so Dieder weiter.

Während sein Onkel nie etwas vom Krieg erzählt habe, wisse er doch auch um das Schicksal seines Vaters. Erst an Heiligabend habe er ihm erzählt, dass er den Abend 70 Jahre zuvor als 21-Jähriger in einer steifgefrorenen Zeltplane im Wald bei Kalterherberg verbracht habe.

Zu Wort kam dann Klaus Mühlstroh aus Karken, der mit Christian Schreinemachers in seiner Schulzeit am Heinsberger Gymnasium befreundet war. „Er war ein toller Kamerad.“

Er erzählte unter anderem davon, wie Schreinemachers den Schülern unterer Klassen vor allem bei den Hausaufgaben in Latein geholfen habe. Die Schulleiterin des Kreisgymnasiums, Annegret Krewald, lud Beumers spontan ein, mit seinem Buch auch in die Schule zu kommen.

„Er war kein Mitläufer. Er hat sich verweigert. Dadurch wird er zum Vorbild“, sagte sie über Schreinemachers. Für die Schule betrachte sie die jetzt veröffentlichte Geschichte des ehemaligen Schülers als Auftrag, weiter nach Antworten zu suchen. „Wie war es denn möglich, dass einer sich verweigerte? Woher nahm er die Kraft? Und wie hat er es durchgehalten?“ Da müsse noch mehr gewesen sein, andere Schüler und auch Lehrer. „Wir werden weitermachen“, versprach sie.

Es gebe nicht viele Dokumente dieser Art, würdigte Landrat Stephan Pusch die Arbeit von Beumers. Er hoffe, dass sein Buch jetzt in möglichst vielen Schulkassen Verwendung finde. „Es gehört unter die jungen Leute. Dafür sollten wir uns tatkräftig einsetzen“, erklärte er.

Zum Abschluss kündigte Beumers an, dass er bereits an einem neuen Buch arbeite, dass 2016 unter dem Titel „Durch die Zeit“ veröffentlicht werden solle. Hier sollen weitere Zeitzeugen zu Wort kommen, unter anderem Friederike Goertz aus Geilenkirchen, Freundin der in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten jungen Jüdin Anita Lichtenstein.

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