Hückelhoven - Auch im Ramadan steht keiner im Abseits

Auch im Ramadan steht keiner im Abseits

Von: Nicola Gottfroh
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Während des Ramadan dürfen Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Sie essen erst, wenn die Sonne untergegangen ist. Dann geht es oft gesellig zu: Familie, Freunde und Nachbarn sind zum gemeinsamen Essen eingeladen. Foto: dpa

Hückelhoven. Ismet Yavas gibt auf dem satten Grün des Rasens alles. Nach unzähligen Sprints dribbelt und kickt er den Ball über den Platz, bis der Schweiß fließt. Er zeigt Einsatz, ebenso wie die übrigen 21 Mannschaftskollegen. Zum Saisonstart wollen sie alle in Topform sein.

Denn die Spieler von Ay-Yildizspor haben ein klares Ziel vor Augen – den Aufstieg. Das erfordert vollen Einsatz und viel Kraft und Energie.

Doch während die meisten Teamkollegen Ismet Yavas‘ nach dem Training zur Flasche Wasser greifen und ihren Flüssigkeitshaushalt ausgleichen und damit dem Körper augenblicklich neue Energie geben können, bleibt Ismets Kehle trocken. So lange, bis die Sonne untergegangen ist. Denn derzeit ist Ramadan, der islamische Fastenmonat.

Gläubige dürfen dann von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weder Nahrung noch Flüssigkeit zu sich nehmen. Bei Ay-Yildizspor Hückelhoven hält sich rund ein Viertel der Mannschaft an die Regeln des Fastenmonats.

Kompromissbereitschaft

Ein zweischneidiges Schwert für Trainer Recep Kaya. Denn: Auf der einen Seite verlangt von seinen Spieler vollen Einsatz – aber auf die besondere Situation muss er auch Rücksicht nehmen. Das erfordert eine Menge Kompromissbereitschaft. „Natürlich erschwert der Ramadan die Vorbereitung auf die Saison“, sagt der 32-Jährige, der selbst fastet.

„Damit die Spieler nicht nach dem Training noch fünf Stunden warten müssen, bis sie etwas trinken dürfen, trainieren wir später am Abend“, sagt Kaya. Gegen 19.15 beginnt das Training- Wenn das dann um 21 Uhr vorüber ist, können die Spieler nach dem Duschen und der Heimfahrt schon fast am Essenstisch Platz nehmen. „Das ist mein Kompromiss. Kein Training morgens um sieben. Keins abends um halb sechs“, sagt Kaya.

Es ist die einzige Schonung für die Spieler. Denn das Training selbst werde von der Fastenzeit nicht beeinflusst. „Die Spieler müssen ja fit werden“, sagt er und fügt hinzu: „Es ist ja auch so: Die Spieler, die momentan fasten, machen das seit zehn, fünfzehn Jahren und länger. Nach all diesen Jahren gewöhnt man sich an dieses sich jährlich wiederholende Ritual. Der Körper gewöhnt sich daran und lernt, damit umzugehen.“ Bester Beweis dafür sei, dass er noch nie jemanden auf dem Fußballfeld kollabieren sehen habe – trotz dem Verzicht auf Flüssigkeit.

Allerdings müsse jeder Spieler selbst und selbstkritisch entscheiden, ob er Ramadan und Vorbereitung miteinander vereinbaren könne, so Kaya. Vielen ist da die körperliche Fitness vor dem Beginn der Spiele wichtiger: Der Großteil der Mannschaft verschiebt die Fastenzeit in diesem Jahr oder verschiebt lässt sie ganz ausfalleb. So wie Emre Bitim. „Ich will die Vorbereitung komplett durchziehen und richtig Kondition für die Saisonaufbauen. Und das geht besser, wenn ich nicht faste“, sagt der 25-Jährige.

Zudem sei es auch im Beruf eine Herausforderung, zu fasten. Beim Getränkeverpackungshersteller SIG Combibloc in Linnich arbeitet er in der Produktion. Dort sei es gerade im Sommer heiß und Konzentration sei das A und O bei dieser Arbeit mit Maschinen. Später im Jahr aber, so hat er sich vorgenommen, will er Ramadan nachholen. Auch das geht.

Über das Nachholen des Fastenmonats hat sich Ismet Yavas keine Gedanken gemacht. „Ich habe keine Probleme damit, Sport zu treiben und zu fasten“, sagt er. Natürlich sei es manchmal schwer – nicht nur wenn nach dem Sport der Durst rufe. Auch im Alltag gebe es Momente, die das Fasten schwierig machten. Heiße Sommertage zum Beispiel, an denen man gänzlich auf einen Durstlöscher verzichten muss.

Einige Kilometer vom Sportplatz entfernt wartet Cem T. (Name von der Redaktion geändert) schon beinahe ungeduldig darauf, dass die Sonne endlich untergeht. An Sport ist für ihn gerade nicht zu denken. Der 15-Jährige fastet zum ersten Mal. Die meisten muslimischen Jugendlichen fangen mit dem Ramadan ab der Pubertät an. Für Cem ist seine Premiere aber tatsächlich eine Belastungsprobe, wie er sagt. „Der Hunger ist anstrengend. Und ich habe riesigen Hunger tagsüber.“

Vor allem in den Schulpausen sei es richtig hart, wenn die anderen vor ihm ihre Pausenbrote essen. „Viele Klassenkameraden fragen zwar, ob es mir was ausmacht, wenn sie vor mir essen. Und man sagt, dass es das natürlich nicht macht – ich habe es mir ja selbst ausgesucht. Trotzdem ist das Zugucken für mich besonders schwer“, erklärt er.

Und trotzdem ist die Fastenzeit für ihn etwas ganz Besonderes. Schon seit Jahren habe er beim Ramadan mitmachen wollen, aber seine Eltern hätten ihm stets abgeraten. „Er war im Wachstum, sehr schlaksig und nicht kräftig genug“, betont seine Mutter Sarah. Nun aber ist er körperlich fit genug, die Belastungsprobe zu überstehen. „Nach den ersten Tagen fällt es mir schon täglich leichter“, sagt er.

Vor allem mit dem ungewohnten Tagesablauf habe er am Anfang zu kämpfen gehabt. „Heute Nacht saßen wir um kurz vor vier Uhr früh Esstisch, durften bis eineinhalb Stunden vor Sonnenaufgang essen“, erklärt Cem. Nach dem Gebet legt er sich wieder hin, bis es zur Schule geht. Sechs bis acht Unterrichtsstunden ohne Essen und Trinken. „Ich fühle mich manchmal, als fahre ich auf halber Kraft. Ich weiß jetzt, wie sich Menschen in anderen Teilen der Welt fühlen, wenn sie Hungern müssen“, sagt der 15-Jährige.

Am Anfang hätte er Kopfschmerzen gehabt und sich im Unterricht kaum konzentrieren können. Und auch Radfahren am Nachmittag oder Basketballspielen, das zu seinen Hobbys gehört, nicht drin gewesen. „Freunde von mir, die Ramadan aber schon mitgemacht haben, sagen aber, dass sich die Mattigkeit nach zwei Wochen gelegt hat“, sagt Cem. Darauf hofft er nun.

Aus der Küche dringt der Duft verschiedener Speisen, für Cem die Offenbarung. Und während sich die Gerüche intensivieren, klingelt es immer wieder an der Haustür, das große Esszimmer füllt sich mit immer mehr Menschen. „Die abendlichen Essen sind immer wie kleine Feste, zu denen wir Freunde einladen“, sagt Mutter Sarah. „Auf diese Weise schaffen es alle – und bestimmt auch ich, den Ramadan durchzustehen“, sagt Cem.

Auch an der Moschee in Hückelhoven duftet es nach einem guten, späten Essen. Die Spieler von Ay-Yildizspor Essen heute nach dem Training zusammen, Trainer Recep Kaya hatte seine Kicker und deren Familien dazu eingeladen. „Das ist das schöne am Ramadan – die Geselligkeit“, sagt Ismet Yavas.

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