Asylbewerber: Grenze ist nicht für alle verschwunden

Von: Rainer Herwartz
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Heinz Fiegen (links sitzend) und Josef Backhaus (links stehend) versuchen, den Asylbewerbern bei ihren Problemen zu helfen. Foto: Rainer Herwartz
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Die muslimischen Asylbewerber in Tüddern würden nur zu gern die nur rund 1000 Meter entfernte Moschee im niederländischen Broek besuchen. Doch das ist ihnen verboten. Foto: Rainer Herwartz

Selfkant-Tüddern. Der Ramadan, die Fastenzeit der Muslime, ging am Wochenende mit dem großen Fest des Fastenbrechens zu Ende. Auch in der Moschee im niederländischen Broek, die nur einen Steinwurf von Tüddern entfernt liegt. Für die rund 20 muslimischen Flüchtlinge und Asylbewerber, die derzeit in der alten Grundschule in Tüddern leben, so nah und doch so fern.

Denn teilnehmen durften sie nicht. Die Residenzpflicht, eine Auflage für in Deutschland lebende Asylbewerber und Geduldete, machte dies unmöglich. Eine Residenzpflicht für die Dauer des gesamten Asylverfahrens gibt es innerhalb der Europäischen Union nur in Deutschland. Dort ist sie für Asylbewerber im Asylverfahrensgesetz und für Geduldete im Aufenthaltsgesetz geregelt.

„Laut Gesetz dürfen wir die Grenze nicht übertreten“, sagt Mohamed, der seit acht Jahren in Deutschland lebt und sich gemeinsam mit der schon in Deutschland geborenen Fatima Dakkoun bereit erklärt hat, für die meist jungen Flüchtlinge als Dolmetscher zu fungieren. Sie stammen vor allen aus Syrien, Albanien, dem Kosovo, Mazedonien und Georgien. Jeder Asylbewerber, der der Residenzpflicht zuwider handele, begehe einen Gesetzesverstoß. Mohamed selbst habe dies erfahren müssen, als er 2007 mit dem Bus nach Aachen über die niederländische Transitrecke gefahren und entdeckt worden sei.

Da es das erste Mal gewesen sei, erfolgte laut Aussage des Algeriers nur eine Zurechtweisung, verbunden mit dem nachdrücklichen Hinweis, dass beim nächsten Mal über 300 Euro Strafe fällig seien. Josef Backhaus, der sich mit Heinz Fiegen der Flüchtlinge in Tüddern angenommen hat, bestätigt dies. „Das gilt auch für uns, wenn wir sie im Auto mitnehmen würden.“ Da Verstöße gegen die Residenzpflicht als opferlose Straftat zur Kriminalitätsstatistik gezählt werden, tragen sie zur Erhöhung der Fallzahlen für Asylbewerber bei.

In etwa 15 Minuten ließe sich die Moskee El Mohsinine im zu Sittard gehörenden Broek zu Fuß erreichen. Doch statt dessen seien die Flüchtlinge nun mindestens eineinhalb Stunden mit dem Bus unterwegs, um die nächstmögliche Gebetsstätte in Hückelhoven zu erreichen, erläutert Mohamed. „Die SB 3 fährt einmal pro Stunde von Tüddern nach Geilenkirchen. Dann geht es mit dem Zug nach Baal und schließlich mit den Linien 402 oder 493 bis nach Hückelhoven.“

Gerade das Freitagsgebet möchten die Muslime aber auf keinen Fall verpassen. „Es gibt nichts Besseres als das Freitagsgebet in der Moschee“, sagt Massud , der über viele Stationen aus dem Irak bis in den Selfkant gelangt ist. „Man freut sich darauf und trifft sich mit Freunden.“

Gerade während des Ramadans wäre für die Flüchtlinge die Teilnahme am abendlichen Fastenbrechen in der niederländischen Moschee so wichtig gewesen, erklärt Fiegen. Und das nicht nur wegen des gemeinsamen Gebets. „Diejenigen, die aus finanziellen Gründen die Möglichkeit nicht haben, das Fasten zu brechen, werden nach Sonnenuntergang dort kostenlos versorgt. Auch davon waren die Asylbewerber natürlich ausgeschlossen.“

Fatima Dakkoun beleuchtet in diesem Zusammenhang noch einen anderen Aspekt. Ähnlich wie die Juden nur koschere Speisen zu sich nehmen dürften, so müssten sie bei den praktizierenden Muslimen „halal“ sein. „Einem Schaf wird zum Beispiel im Namen Allahs die Kehle durchschnitten, und dann muss es ausbluten bis kein Blut mehr herauskommt. Erst dann ist es halal. Solches Fleisch gibt es weder in Tüddern noch in Heinsberg zu kaufen. Das gibt es nur in Sittard. Das ist für uns Muslime Lebensqualität. Hier bekommen wir alles, was wir für unsere Lebensführung benötigen.“

Ein Problem seien da natürlich auch die nur kleinen Kühlschränke in den Asylunterkünften, meint sie. „Wenn man 80 Kilometer fahren muss zum Einkauf, werden natürlich große Mengen eingekauft. Doch diese lassen sich hier nicht unterbringen.“ All dies müsse zu einem Umdenken führen, meint Josef Backhaus. „Deshalb ist es für uns unverständlich, dass der Gesetzgeber hier in der Grenzregion keine Ausnahme schafft.“

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