Apotheke: Mehr Rückrufe bei Arzneien als bei Autos

Von: Rainer Herwartz
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Kaum zu glauben, aber dieser stolze Packen, den Apotheker Klaus-J. Froitzheim durchblättert, umfasst allein die Arzneimittel-Rückrufe, die bislang in diesem Jahr erfolgt sind. Foto: Rainer Herwartz
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Potenzfördernde Medikamente sind bei Arzneimittelfälschern längst als lukrative Einnahmequelle entdeckt worden.

Heinsberg. Meist sind die Ursachen für die Rückrufaktionen ebenso vielschichtig wie die Hersteller der Fahrzeuge, die davon betroffen sind. Mal ist es ein Airbag, der ausgelöst werden könnte, wenn‘s nicht angebracht ist, dann ein Drosselklappengehäuse, bei dem es klemmt und das Gaspedal nicht zurückschnellen kann, vielleicht gibt‘s aber auch Probleme mit der Zündung.

Alle paar Wochen werden die Autobesitzer öffentlich durch die Medien darüber informiert, dass sie eventuell mal eine Stippvisite in ihrer Werkstatt des Vertrauens unternehmen sollten. Dass derlei Rückrufaktionen in einem ungleich sensibleren Bereich jedoch noch weit häufiger stattfinden, erfährt die Bevölkerung in der Regel nicht. Bei Medikamenten und Medizinprodukten erfolgen in jedem Jahr gleich mehrere hundert Rückrufe. Der Heinsberger Apotheker Klaus-J. Froitzheim, der in der Kreisstadt zwei Apotheken betreibt, erläutert in einem Gespräch mit unserer Zeitung die Gründe und stellt sich der Frage, welche mögliche Gefahren für die Konsumenten bestehen.

„Es gibt eine Arzneimittelkommission der deutschen Apotheken, kurz AMK genannt. Die hat die Aufgabe, arzneimittelbezogene Probleme zu sammeln, zu bewerten und Maßnahmen einzuleiten“, beschreibt Froitzheim den Ablauf. „Die Probleme, die auftreten können, sind entweder Qualitätsmängel bei einem Arzneimittel wie zum Beispiel Verpackungsfehler, Beschädigungen der Tablette oder Verfärbungen und Trübungen bei Tropfen.“ Für den Endverbraucher im Falle eines Falles zwar ärgerlich, aber nicht weiter tragisch.

„Das Zweite sind unerwünschte und bisher nicht bekannte Arzneiwirkungen. Hierzu könnte schon eine überraschend im Beipackzettel nicht dokumentierte Nebenwirkung zählen, die ein Konsument an sich festgestellt hat. Für uns bedeutet dies dann, dass wir mit einem verbindlich durch die Arzneimittelkommission vorgegebenen Berichtsbogen über Verdachtsfälle den Vorfall dokumentieren und weiterleiten müssen.“ Auslöser für eine Rückrufaktion könne allerdings auch eine Meldung der Pharmaindus-trie sein, sagt Froitzheim, die Unregelmäßigkeiten bei der Produktion festgestellt habe. Die Rückrufe würden in der wöchentlich erscheinenden Pharmazeutischen Zeitung publik gemacht.

Und was bedeutet dies nun für den Endverbraucher. Besteht dadurch eine Gefährdung der Kunden? „Die Produkte werden, sofern sie sich überhaupt im Bestand der Apotheke befinden, aus dem Sortiment genommen und an den Hersteller zurückgeschickt. Gleichzeitig kontrolliert der Apotheker, inwieweit Patienten mit den betroffenen Produkten beliefert worden sind und informiert diese im Bedarfsfall. Bei Medikamenten, die nicht rezeptpflichtig sind, besteht die Möglichkeit nur eingeschränkt.“ Dennoch gebe es keinen Grund zur Verunsicherung bei den Apothekenkunden, glaubt der 55-Jährige. In seinen Apotheken ließen sich von den hunderten Rückrufartikeln im Jahr nur ein bis zwei im Monat finden. Bei den übrigen Kollegen verhalte es sich da wohl ähnlich, deshalb seien Patienten hier zweifellos in guten Händen.

Erfreulicherweise zähle die Arzneimittelversorgung in Deutschland zu den sichersten weltweit. Das greife auch bei dem Problem der Arzneimittelfälschungen. Eine Zahl hat Froitzheim da sogar noch parat – auch wenn sie schon ein paar Jahre zurückdatiert. „In den zwölf Jahren von 1996 bis Anfang 2008 registrierte das Bundeskriminalamt nur 38 Fälle von Arzneimittelfälschungen in der legalen Verteilerkette vom Hersteller über den Großhandel bis zur Apotheke.“

Anders sehe es hingegen im Internethandel aus. Die Weltgesundheitsorganisation gehe davon aus, dass der Fälschungsanteil der über illegale Internetversender verkauften Medikamente bereits bei 50 Prozent liege. Wie lukrativ das Geschäft mit den Plagiaten ist, zeigt in der Tat eine Stellungnahme der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Ein Kilogramm gefälschtes Viagra kostet demnach auf dem Schwarzmarkt durchschnittlich 90.000 Euro. Eine vergleichbare Menge Kokain ist schon für 65.000 Euro zu haben, Heroin sogar für 50.000 Euro. „Der Handel mit illegalen und gefälschten Arzneimitteln nimmt in Deutschland seit Jahren zu“, sagt Froitzheim. Im Jahr 2013 seien 1854 Verfahren wegen Arzneimittelschmuggels anhängig gewesen, hat er recherchiert. Fünf Jahre zuvor seien es noch 407 gewesen. „Im letzten Jahr wurden allein am Frankfurter Flughafen 11.500 Sendungen mit mehr als einer Million gefälschter Tabletten und Ampullen sichergestellt.“

Jeder sollte sich also gut überlegen, ob er das Risiko eines auffällig günstigen Arzneimittelangebotes im Internet eingehen möchte. Statt zum Rückruf kann es dann auch leicht zu einem Notruf kommen.

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