An der Burg: Für eine Hundertjährige immer noch sehr vital

Von: kalauz
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Hat in 100 Jahren schon einiges erlebt: die Gemeinschaftsgrundschule An der Burg in Hückelhoven. Foto: kalauz

Hückelhoven. Vor hundert Jahren wurde die Keimzelle der heutigen Gemeinschaftsgrundschule An der Burg im Zentrum Hückelhovens gelegt. Mit einem Schulfest ab 11 Uhr wird man dies am heutigen Samstag an der Dinstühlerstraße feiern.

Es ist auch ein Anlass, auf die Anfänge zurück zu blicken, um den Wandel und den veränderten gesellschaftlichen Stellenwert von Schule heute einordnen zu können. Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts waren eine atemlose Zeit. Mit der Dampfmaschine hatte die industrielle Revolution eine Fahrt aufgenommen, die nicht mehr zu stoppen war:

Die Städte waren nachts mit Hilfe der Elektrizität taghell erleuchtet; die dunklen Seiten der Seele wurden von Sigmund Freud erforscht; die Physik begann das Geheimnis der Atome zu lüften; Frauen forderten das Wahlrecht; der Abgang der Aristokratie bahnte sich an, und in Hückelhoven beförderten 1914 acht Bergmänner die erste Anthrazitkohle ans Tageslicht.

Es war eine Zeit des Aufbruchs. In diesen gesellschaftlichen Rahmen fügte sich der Beginn der Arbeiten, die Architekt Leonhard Meurer und Bauführer Jokob Hilgers am 25. April 1914 anpackten. Ein Jahr später, am 16. April, zogen die ersten Schüler in den Neubau des Schulgebäudes ein. Der Neubau einer Schule war damals keineswegs selbstverständlich:

Die Idee einer umfassenden Volksbildung hatte in deutschen Landen nur langsam Fuß gefasst. Verordnungen, dass Kinder eine Schule besuchen mussten, hatte es zwar schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts gegeben, aber erst mit der Verstaatlichung des Schulwesens und pädagogischen Reformen ging die allgemeine Schulpflicht einher.

Unterricht wird eingestellt

In dem Jahr, als Leonhard Meurer und Jakob Hilgers die Ärmel aufkrempelten und eine neue Schule in Angriff nahmen, wurden im wilhelminischen Deutschland, also auch in Hückelhoven, ganz andere Dinge in Angriff genommen: Mit „Hurra“ zogen die Männer überall im Deutschen Reich in einen Krieg, der für Millionen dieser Soldaten im Dreck der Schützengraben enden sollte.

Mit dem Beginn des Gemetzels am 1. August 1914 legten auch die Zimmerleute, Maurer und Handlanger in der künftigen Kohlestadt Hückelhoven Säge und Kelle zur Seite und folgten dem vermeintlichen Ruf des Vaterlandes.

Dennoch konnte das Schulgebäude sukzessive fertig gestellt und 1915 in zwei Klassen mit dem Unterricht begonnen werden; 103 Schüler wurden in den beiden Klassenzimmern gezählt. Seit 1919 war in der Weimarer Verfassung die allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland festgeschrieben. In der noch recht neuen Volksschule in Hückelhoven wurden Ostern 1928 bereits 356 Kinder unterrichtet, 1939 waren es schon 500 Kinder in zehn Klassen:

Die Kohle zog die Menschen an die Rur nach Hückelhoven. Aus den bekannten Gründen musste der Unterricht 1944 ganz eingestellt werden: Das Großdeutsche Reich schrumpfte mit dem Vormarsch der Alliierten immer mehr in sich zusammen, die Einwohner Hückelhovens wurden hinter den Rhein ins Bergische Land, nach Thüringen und nach Niedersachsen zwangsevakuiert.

Der Neuanfang nach dem zweiten Krieg war mühsam, seit den 1960er Jahren wurde die Schule nach und nach baulich erweitert. Und weil für die Förderung der Kohle immer mehr Arbeiter gebraucht wurden, kamen auch immer mehr Menschen aus der Türkei nach Hückelhoven, deren Kinder an der Gemeinschaftsgrundschule (GGS) Hückelhoven „fürs Leben“ lernen wollten.

Das führte zu einem gewaltigen Riss durch die Schulgemeinde: Die eingesessenen Hückelhovener wollten ihre Kinder nicht auf „die Türkenschule“ schicken. Die Förderung des Rohstoffes Kohle unterscheidet sich eben prinzipiell von der Förderung des Rohstoffes Bildung. Im Schulentwicklungsplan von 1998 wurde die GGS drastisch verkleinert, ein Teil der Kinder nach Doveren oder Hilfarth geschickt.

Eingebettet in einen ausgesprochen ambitionierten Schulentwicklungsplan der Stadt nach der Schließung der Zeche sollte die Grundschule 2003 einen neuen Namen bekommen – was noch einmal zu einem Zoff mit konfessionellem Anstrich sorgte: Die evangelische Pfarrerin wehrte sich energisch dagegen, dass die Schule mit einer katholischen Einrichtung („Burg“) in Verbindung gebracht wird.

Die Schule An der Burg ist heute eine feste Größe in der breit gefächerten Schullandschaft der Stadt Hückelhoven. Sie hat für ihr pädagogisches Konzept und deren Umsetzung eine Reihe von Auszeichnungen erhalten und nimmt auch im kommenden Schuljahr wieder an einem universitären Forschungsprojekt teil. Für eine „Hundertjährige“ ist sie unglaublich jung und ausgesprochen vital geblieben.

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