Kreis Heinsberg - Altersarmut nimmt im Kreis Heinsberg weiter zu

Altersarmut nimmt im Kreis Heinsberg weiter zu

Von: dawin/kalauz
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Altersarmut: Darum gehen manche Menschen Flaschen sammeln. Foto: dpa
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Kreis Heinsberg. Die Altersarmut ist ein gesellschaftliches Phänomen, das an Bedeutung gewinnt. Die Bundesregierung erwartet deutlich höhere Ausgaben für die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, NGG, zog für den Kreis Heinsberg eine erschreckende Bilanz.

Die Zahl der Senioren, die Grundsicherung empfangen, stieg in den vergangenen zehn Jahren um 66 Prozent. Über die Entwicklung, über Analysen und Lösungen sprachen wir mit der Leitenden Kreisverwaltungsdirektorin Liesel Machat, Dezernentin für Soziales, Jugend und Gesundheit, mit Volkhard Dörr, Leiter der Stabsstelle Demografischer Wandel und Sozialplanung, sowie Andreas Louven, Leiter des Amtes für Soziales.

Die Armut im Alter nimmt nach den neuesten vorgelegten Zahlen immer mehr zu. Wie alarmierend ist die Situation im Kreis Heinsberg?

Machat: Die Zahlen waren so stark steigend, dass der Bund das gesamtgesellschaftliche Problem erkannt und gesagt hat: Wir können die Kommunen damit nicht allein stehen lassen. Aus diesem Grunde hat der Bund die Ausgaben der Städte und Kreise für die Grundsicherungsleistungen im Alter und Erwerbsminderung stufenweise erstattet, seit 2014 nunmehr zu 100 Prozent. Die Altersarmut ist im Seniorenbereich jedoch nur ein Segment, auf das wir den Fokus richten müssen. Und die Grundsicherung ist nur ein Segment im Sozialhilfe-Paket, das 2013 rund 34 Prozent der Aufwendungen des Kreishaushaltes ausgemacht hat.

Können Sie das konkret in Zahlen fassen?

Louven: Im Jahr 2003 musste der Kreis für die Grundsicherung 3,4 Millionen Euro netto, das heißt ohne Bundeszuschuss, aufwenden. 2005 waren es 5,6 Millionen Euro. 2011 kamen wir mit 10,2 Millionen erstmals in den zweistelligen Millionenbereich. Im vergangenen Jahr gaben wir 11,9 Millionen für die Grundsicherung aus. Die Prognose für 2014 zeigt eine weitere Steigerung auf 14,2 Millionen Euro.

Die Frage ist doch: Warum steigen die Kosten so rasant? Ist das Anwachsen der Altersarmut dem demografischen Wandel geschuldet, das heißt der Tatsache, dass immer mehr alte Menschen anspruchsberechtigt sind? Oder werden die Alten tatsächlich immer ärmer?

Dörr: In den 90er Jahren war eine Art verschämte Armut zu beobachten. Die alten Menschen wollten keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen. 2003 kam deshalb das Grundsicherungsgesetz zum Tragen – auch mit dem Hintergrund, dass die Kinder für die Eltern finanziell nicht in Rückgriff genommen werden können, es sei denn, es wird beim Einkommen eine Freigrenze von 100 000 Euro jährlich überschritten. 2005 wurde die Grundsicherung in das Sozialgesetzbuch, Zwölftes Buch, das SGB XII, übernommen. Natürlich müssen wir auch den demografischen Wandel sehen, die Altersjahrgänge haben quantitativ zugenommen. Es gibt aber regionale Unterschiede. 2011 hatten wir im Kreis Heinsberg, bezogen auf 1000 Personen, die 65 Jahre und älter sind, 25 Menschen, die Grundsicherung bezogen haben. Zum Vergleich: In der Stadt Mönchengladbach waren es 51 Personen. Wenn wir 2005 und 2011 vergleichen, haben wir bei uns im Kreis ein Plus von 0,5 Prozent.

Das scheint auf den ersten Blick eine sehr geringe Steigerung zu sein?

Machat: Die Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter 2013, die jetzt von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten genannt wurde, nämlich 1330, ist korrekt.

Spricht die steigende Zahl der Grundsicherungsempfänger denn nicht dafür, dass doch noch viele alte Menschen, trotz Grundsicherungsleistungen, zu viel Scham haben, staatliche Unterstützung zu beantragen?

Dörr: Es ist unser Ansatz, dass wir, das heißt die trägerunabhängige Beratungsstelle der Stabsstelle Demografischer Wandel und Sozialplanung sowie die Sozialverwaltungen, versuchen aufzuklären. Was wir aber noch nicht thematisiert haben, ist die Situation, wenn jemand pflegebedürftig ist und sein Vermögen etwa für den Heimaufenthalt aufgebraucht hat. Spätestens dann wird der pflegebedürftige Mensch auch Grundsicherungsempfänger. Louven: Die Ursachen für die Grundsicherung kann man nicht nur an einem Aspekt festmachen. Da ist der demografische Wandel nur eine Sichtweise, die zweite ist die Entwicklung der Renten und die dritte die Steigerung der Regelbedarfe. Der Kreis Heinsberg ist ländlich strukturiert, das heißt, wir haben noch immer viele Menschen, die einkommenstechnisch gesehen unten stehen, aber trotzdem Vermögen haben. Grundsicherung ist aber vermögens- und einkommensabhängig. Wenn dann zum Beispiel Hilfe zur Pflege beantragt wird, muss zum Beispiel das Hauseigentum eingesetzt werden. Danach wird dann Grundsicherung bezogen werden müssen. Diese Überlegungen spielen im Kreis Heinsberg eine große Rolle.

Welche wichtigen finanziellen Hilfsleistungen, Sie nennen das ja Transferleistungen, nach dem SGB XII werden alten Menschen gewährt?

Louven: Es gibt die Hilfe zum Lebensunterhalt; für 2013 waren dies Aufwendungen in Höhe von 2,8 Millionen Euro, mithin 10,3 Prozent aller Transferleistungen innerhalb des SGB XII; es gibt die Grundsicherung, diese schlug 2013 mit 12,2 Millionen Euro oder 43,7 Prozent zu Buche; und es gibt die Hilfe zur Pflege mit 8,9 Millionen Euro, sprich 31,8 Prozent. Die Tendenz ist bei allen Hilfearten steigend.

Haben sich die Mitarbeiter in Ihrem Haus diesen stetig steigenden und sich wandelnden Anforderungen gestellt?

Louven: Ja. Man muss sehen, dass sich gerade in den letzten 20 Jahren die Arbeit stark gewandelt hat. Wir sind schon längst nicht mehr die Behörde, die nur das Geld auszahlt, wir sehen uns als Dienstleister. Jeder Einzelfall bedarf einer speziellen Betrachtung und Beratung. Es ist, das muss man einräumen, für den Laien eine schwierige Materie. Die Stabsstelle Demografischer Wandel und Sozialplanung leistet hier in Kooperation mit dem Sozialamt wertvolle Arbeit.

Da muss sich der Antragsteller ja schon einen Anwalt nehmen, um überhaupt noch durchzublicken?

Machat: Einen Anwalt zu nehmen, halte ich grundsätzlich für nicht erforderlich. Ich denke, die Botschaft sollte sein, dass die trägerunabhängige Beratungsstelle der Stabsstelle Demografischer Wandel und Sozialplanung sowie das Amt für Soziales dafür da sind, zu beraten und eine individuelle Lösung zu finden. Im Übrigen: Die Stabsstelle ist dem Landrat direkt unterstellt und bündelt die vielfältigen sozialen Aufgaben aller Ämter im Haus; nicht nur im Altenbereich, sie hat sozusagen einen synergetischen Effekt. Altersarmut ist nur ein kleiner Bereich, es geht um viele andere Themen auch. Doch letztlich greifen sie alle ineinander, weil es um die Lebenslagen von Menschen geht, die in sogenannten Sozialräumen und Quartieren leben, die wir so ausgestalten müssen, dass dort ein Leben für Jung und Alt auch lebenswert ist. Hierzu dient das Sozialmonitoring, das von der Stabsstelle initiiert wird.

Sozialmonitoring – was heißt das genau?

Dörr: Das Sozialmonitoring ist ein System der Sozialberichterstattung. Es dient der Verbesserung von Entscheidungsgrundlagen, indem es Daten beobachtet, bereitstellt und bewertet und damit Transparenz über soziale Zustände und Entscheidungsprozesse fördert. Das heißt: Wir werten Daten aus, die uns von den Kommunen an die Hand gegeben werden, und bieten darauf basierende, kleinräumige Analysen und Handlungsempfehlungen an. Es geht dabei nicht nur um Einkommensarmut, sondern es geht um konkrete Lebenslagen. Wir arbeiten mit den Städten und Gemeinden eng zusammen. Bislang haben wir 20 Sozialräume im Kreis Heinsberg definiert – dies sind Einheiten jeweils in der Größenordnung von 10 000 Einwohnern. In diesen wurden, als untergeordnete Ebene, insgesamt kreisweit 45 Quartiere gebildet; Quartiere sind dorf- beziehungsweise stadtteilähnliche Gemeinschaften mit 2000 bis 2500 Menschen, die eine gemeinsame Identität prägt.

Die Stabsstelle will also agieren und nicht reagieren?

Machat: Genau. Wir wollen früh die Probleme sehen und lösen. Wir sehen uns ganz klar als Dienstleister. Wir bekommen Daten und wir liefern Daten. Die Kommunen haben erkannt, dass trotz der Mehrarbeit wertvolle Erkenntnisse hieraus resultieren können. Und das gibt auch der Politik ein sicheres Gefühl, wenn man die Thematik so detailliert beleuchten kann. Dörr: Dabei müssen wir auch der Frage auf den Grund gehen: Was können wir schon in frühen Jahren im Wege der Gesundheitsprävention und -erziehung tun, um negative Werte, die sich im Alter niederschlagen, zu verhindern. So könnten auch Transferleistungen zurückgeschraubt werden. Um es salopp zu sagen: Wir müssen sehen, dass Altersarmut nicht nachwächst.

Dabei ist das Sozialmonitoring offenbar ein wesentliches Instrument. Greift das dann aber nicht in die Planungshoheit der Städte und Gemeinden ein?

Dörr: Perspektivisch gesehen kann unsere Auswertung der Daten sicher in die Stadtentwicklung einfließen. Erkenntnisse der Analysen aus dem Sozialmonitoring können über Handlungsempfehlungen die Stadtentwicklung beeinflussen. Das Sozialmonitoring gibt planerische Anhaltspunkte. Zusätzlich wird die RWTH in Aachen unsere Ergebnisse wissenschaftlich interpretieren und konzeptionell begleiten. Machat: Aber eines ist jedoch eindeutig festzuhalten: Wir wollen und dürfen keinesfalls in die Planungshoheit der Gemeinden eingreifen.

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