Heinsberg - Als Erstwähler in Heinsberg: „Wir fühlen uns nicht ernst genommen“

Als Erstwähler in Heinsberg: „Wir fühlen uns nicht ernst genommen“

Von: Christina Handschuhmacher
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„Das Thema Bundestagswahl wird bei uns intensiv in der Unter- und Mittelstufe behandelt“, sagt Lehrer Christof Schröder (l.). Aber auch im Grundkurs Sozialwissenschaften in der Oberstufe wird kurz vor der Wahl noch über offene Fragen diskutiert. Foto: Christina Handschuhmacher

Heinsberg. Angela Merkel ist die Vorsitzende der SPD. Die deutsche Staatsform heißt Diktatur. Und was der Bundestag ist? Keine Ahnung! Dass Erstwähler in TV-Formaten wie dem „Erstwählercheck“ oft als unwissend dargestellt werden, ärgert Joey Kuck, Marie-Jeanne Esser und Jürgen Pfeifer. Die drei Schüler des Kreisgymnasiums Heinsberg dagegen haben sich gut auf den kommenden Sonntag vorbereitet.

„Das hat nichts mit der Realität zu tun“, sagt der 19-jährige Jürgen über die Wahlsendungen. „Die schneiden die dümmsten Antworten zusammen und stellen es dann so dar, als ob wir alle so wenig wissen würden.“

Am Sonntag dürfen die Drei zum ersten Mal an die Wahlurne treten und ihre Erst- und Zweitstimme abgeben. Wo sie ihr Kreuzchen machen werden, wissen sie schon genau. Die Entscheidung haben sie sich allerdings nicht leicht gemacht. 

„Ich habe das große und das kleine TV-Duell geguckt, viele Zeitungsartikel gelesen und mir die Parteiprogramme im Internet angeguckt“, erzählt Marie-Jeanne. Auch mit ihren Eltern und mit Freunden hat sie über ihre Wahlentscheidung gesprochen. Joey ist an der diesjährigen Bundestagswahl sogar besonders intensiv beteiligt. Als Vorsitzender der Heinsberger Jungen Union hat er den Wahlkampf hautnah miterlebt. Er war bei diversen Podiumsdiskussionen, hat Flyer verteilt und die Bürger an Infoständen informiert. Darüber, bei welcher Partei er am Sonntag sein Kreuzchen machen wird, musste er also nicht lange nachdenken.

Marie-Jeanne, Jürgen und Joey sind drei von rund 700.000 Erstwählern in Nordrhein-Westfalen. Drei Millionen sind es bundesweit. Nicht nur zahlenmäßig eine wichtige Zielgruppe für die Politiker. Angesprochen und ernst genommen fühlen sich die drei Erstwähler aus Heinsberg trotzdem nicht.

„Man hat das Gefühl, dass die keine Ahnung haben, welche Themen uns interessieren und wie sie uns ansprechen sollen“, sagt Marie-Jeanne. Die 18-Jährige will keine einfach formulierten Parteiprogramme für Erstwähler, sondern sie will ernst genommen werden. Als Wählerin. Und als Erwachsene. „Die sollen einfach ganz normal mit uns sprechen und bloß nicht versuchen, besonders cool oder hip rüberzukommen“, wünscht sich Marie-Jeanne.

Zu Politikverdrossenheit oder Desinteresse an der Bundestagswahl führt das Verhalten der Politiker bei Marie-Jeanne, Joey und Jürgen aber nicht. Im Gegenteil. Die drei wissen, dass das Recht wählen zu gehen, keine Selbstverständlichkeit ist.

Schon in der Unter- und Mittelstufe haben sie sich im Unterricht intensiv mit dem Thema Wahl auseinandergesetzt. Eine eigene Unterrichtsreihe zum Thema gab es in ihrem Grundkurs Sozialwissenschaften zwar nicht. „Das straffe Curriculum lässt das nicht zu“, sagt Lehrer Christof Schröder. „Aber wir diskutieren immer wieder über politische Ereignisse, wie etwa den Syrien-Konflikt.“

Und auch in der letzten Stunde vor der Bundestagswahl dreht sich alles um die Wahlentscheidung – auch wenn Jürgen, Joey und Marie-Jeanne in dieser Runde die einzigen Erstwähler sind. Der Großteil ihrer Mitschüler ist erst 17 Jahre alt und jünger.

Auch den Wahlomat – ein Orientierungangebot der Bundeszentrale für politische Bildung, bei dem die aktuellen Positionen der Parteien mit den eigenen abgeglichen werden können – haben alle drei genutzt. Hundertprozentig zufrieden sind sie damit allerdings nicht. „Ich finde es unpraktisch, dass man immer nur mit Ja, Nein und neutral antworten kann. Man kann nicht gewichten“, kritisiert Jürgen.

Außerdem würden viele Gleichaltrige dem Ergebnis des Wahlomaten eine viel zu starke Bedeutung beimessen. „Die denken dann: ‚Die Partei ist bei mir rausgekommen. Die muss ich jetzt wählen.‘ Ohne dass sie sich wirklich damit auseinandersetzen.“ Denn das sei vielen einfach zu viel Arbeit.

Nicht zur Wahl zu gehen, stand für Joey, Jürgen und Marie-Jeanne nie zur Debatte. Aber die drei kennen Erstwähler, die wahrscheinlich nicht zur Wahl gehen werden. Wie sie das finden? „Naja“, sagt Marie-Jeanne, „jeder muss selbst wissen, was er tut, aber gut finde ich das nicht.“

Und auch Joey hat für Nichtwähler wenig Verständnis: „Es ist wichtig, dass unsere Interessen in der Politik gehört werden. Und wenn wir sie nicht selbst vertreten, wer soll das dann tun?“

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