Alle wollen ein Freibad, aber welches bloß?

Von: Anna Petra Thomas und Rainer Herwartz
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Über den guten Besuch bei der Bürgerversammlung zur Freibad-Rettung in Kirchhoven freuten sich die Organisatoren Lars Windeln, Sophia van den Berg, Laury Hubert und Philip Rademacher (von links). Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg-Kirchhoven. „Ich kann gar nicht schwimmen. Aber aus Solidarität ist das doch wichtig.“ Wie dieser Kirchhovener dachten wohl viele Menschen, auch aus umliegenden Orten, die zur ersten Versammlung der Interessengemeinschaft (IG) Freibad Kirchhoven in die Kirchhovener Mehrzweckhalle gekommen waren. Rund 200 waren es – und die Organisatoren ganz zufrieden.

Sophia van den Berg, Laury Hubert, Philip Rademacher und Lars Windeln, das Orga-Team der IG, hatten sich gut vorbereitet. Sie hatten Flyer und Plakate produziert und verteilt, selbst gemalte Banner aufgehängt und sogar mit einem kleinen Film im Heinsberger Kino für ihr Projekt geworben: das seit zwei Jahren von der Stadt nicht mehr geöffnete Freibad in Kirchhoven ab kommendem Jahr als Bürgerbad wieder zu eröffnen.

Und die vier hatten sich auch für ihre Präsentation vor ihren Gästen gut gewappnet. In einem kurzen, aber überaus informativen Vortrag informierten sie zunächst über die Geschichte des Freibads. Einem alten Zeitungsartikel hatten sie entnommen, dass es bereits am 5. Juni 1938 eröffnet worden war, dann in den 1960er Jahren und zuletzt 2002 saniert wurde. Noch 2012 sei in das Freibad eine neue Gasheizung eingebaut worden, erklärte Sophia van den Berg.

Das Plus des Kirchhovener Bades sei sein 1265 Quadratmeter großes Sportbecken mit acht 50-Meter-Bahnen, dazu die Sprunganlage mit Sprungbrettern bis fünf Meter, ein 200 Quadratmeter großes Planschbecken, eine 4000 Quadratmeter große Liegewiese mit altem Baumbestand und nicht zuletzt ein großer Parkplatz, der vielleicht mit dem Freibad verschwinde. „Wo soll dann Karneval und wo Kirmes gefeiert werden?“, fragte sie in die Runde. Das Freibad sei erhaltenswert für ein aktives Dorf- und Vereinsleben.

„Wir sind Kein Einzelfall“, erklärte Philip Rademacher und zeigte eine Veröffentlichung, nach der seit 2007 in Deutschland bereits 300 Schwimmbäder geschlossen wurden und 500 weitere davon ernsthaft bedroht seien. Als Bürgerbad könne das Freibad günstiger betrieben werden als durch die Stadt, erläuterte er. Es könne flexibler geöffnet werden, Einsparungen bei Personal, Reinigung und Instandhaltung seien zudem möglich durch ehrenamtliche Arbeiten. Als zusätzlich mögliche Einnahmen nannte er Mitgliedsbeiträge, Spenden, oder Gelder von Sponsoren. Ein Bürgerbad könne zusätzliche Veranstaltungen anbieten wie zum Beispiel Kino im Wasser, Nachtschwimmen oder eine Beach-Party. Zudem könne die Gastronomie ausgebaut werden.

Förderverein nötig

Um ein Bürgerbad zu betreiben, sei zunächst die Gründung eines Fördervereins nötig, so Rademacher weiter. Dieser könne dann mit einem Stammkapital von 25 000 Euro eine gemeinnützige GmbH gründen und dafür einen Geschäftsführer bestellen.

Schon 2013 habe es in Heinsberg ein Bädergutachten gegeben, fuhr Laury Hubert fort. „Wir sehen im Vergleich dazu ein hohes Einsparpotenzial und würden eine weitere fachliche Beratung anstreben. Der Kontakt zu einem Diplom-Ingenieur sei da, der seinem Team auch preislich entgegenkomme, „aber die Stadtverwaltung lässt uns nicht aufs Gelände“, beschwerte er sich. Das sei für ihn nicht nachvollziehbar. Es sei wichtig, dass sich der Gutachter zuerst ein Bild machen könne. Bei positiver Rückmeldung könne der Förderverein gegründet werden und der Gutachter mit seiner detaillierten Arbeit beginnen.

Als dann in der Halle erste Kritik an der Politik laut wurde, ging Stefan Storms, Stadtverordneter und Vorsitzender des CDU-Ortsverbands, auf die Bühne. Stadt und Stadtwerke seien zu trennen, erläuterte er. Die Stadtwerke könnten ein Freibad nicht weiter betreiben, weil ansonsten aufgrund der jährlichen Defizite der Wasserpreis stark erhöht werden müsse. „Jeglicher anderen Betriebsform ist Tür und Tor geöffnet“, betonte er. Aufgrund der großen Anzahl anwesender Bürger werde es sicherlich in Kürze möglich sein, dass sich das Orga-Team ein Bild vor Ort machen könne. „Ich persönlich und der gesamte Ortsverband, wir werden uns für den Erhalt einsetzen“, versprach er zudem.

Sascha Mattern von den Freien Wählern und Roland Schößler von den Grünen, beide Stadtverordnete und Mitglieder der Gesellschafterversammlung der Stadtwerke,sagten zu, in der schon am Donnerstag stattfindenden Gesellschafterversammlung einen Antrag einzubringen, der den Zutritt aufs Gelände und die Prüfung aller Anlagen ermögliche.

In den weiteren Stimmen ließen die Bürger viel Frust ab, etwa über viel Geld, das in den Lago Laprello geflossen sei, über einen „vergoldeten Burgberg“, über die Unterstützung für das Begas-Haus. „Und wenn wir künftig in Gangelt schwimmen sollen, dann können wir auch in Gangelt einkaufen“, regte ein Bürger an, doch auch die eigene Kaufkraft in die Waagschale zu werfen.

Gänzlich unverständlich war Veranstaltern und Besuchern, dass die Befürworter für den Erhalt des Freibads in Oberbruch zeitgleich zu einer Veranstaltung eingeladen hatten, „zwei Wochen, nach Bekanntgabe unseres Termins“, so Hubert. „Schade, weil die Menschen in Heinsberg zerrissen werden“, bemängelte er das Kirchturmdenken. Auch für Hubert und sein Team ist klar, dass nur ein Freibad Zukunftsaussichten hat. „Aber natürlich sagen wir, unseres ist besser!“

Dass die Oberbrucher dies so sehen, darf bezweifelt werden. Eine bewusst gesteuerte Gegenveranstaltung sei die Versammlung der engagierten Bürger in Oberbruch am selben Tag dennoch nicht gewesen, erklärt Josef Füßer, der sich hier noch einmal als Moderator zur Verfügung stellte.

„Wir wussten von der Zusammenkunft in Kirchhoven nichts“, behauptet er auf Nachfrage unserer Zeitung. Etwa 70 der eigentlich rund 120 Bürger, die mit anpacken wollen, waren der erneuten Einladung in die Festhalle gefolgt. „Es hat sich nun ein Gremium gebildet, das sich unter Einbeziehung der Kirchhovener, wenn diese die Hand erkennen, die wir ihnen reichen, mit dem Erhalt eines Bades befassen wird. Egal, welches es am Ende ist. Und wenn die Kirchhovener belegen können, dass ihr Bad größere Chancen hat als das Oberbrucher, werden wir die Kirchhovener dabei unterstützen.“

Am Dienstag nächster Woche um 19 Uhr soll in der Festhalle das erste Gespräch zur Konzeptplanung Bürgerbad stattfinden. Die Kirchhovener würden hierzu in diesen Tagen noch eine Einladung erhalten, sagt Füßer.

Erneut bekräftigt Füßer, dass Dreh- und Angelpunkt einer möglichen Zukunft als Bürgerbad im Personalbereich, der rund 150 Aktive benötige und einem soliden Finanzkonstrukt bestehe. Grundsätzlich hält er die Bestrebungen, die auch in Kirchhoven für den Erhalt des dortigen Freibades in Gang gesetzt wurden, für einen normalen demokratischen Prozess.

Gleichwohl mahnt er: „Wenn beide Bürgerinitiativen alleine so weiterlaufen, wird kein Bad geöffnet, da bin ich sicher. Wenn beide Orte die Ziele nicht harmonisieren, dann wird Oberbruch auch alleine sein Ziel weiter verfolgen. Es kommt dann zu einem Wettbewerb, aber das wäre nicht gut.“

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