Heinsberg - Ärztepfusch wird immer häufiger angezeigt

Ärztepfusch wird immer häufiger angezeigt

Von: Rainer Herwartz
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Nein, nein. Die dunklen Brillen dienen nicht dazu, den Patienten die Identifikation ihrer Ärzte im Falle eines Behandlungsfehlers zu erschweren. Hier wird nur mit einem Laser gearbeitet. Foto: imago/caro

Heinsberg. Die Zahl der beantragten Gutachten wegen eines eventuellen Behandlungsfehlers von Ärzten nimmt beinahe ebenso rasant zu wie die Beiträge zur Haftpflichtversicherung, mit denen sich die Krankenhäuser gegen Schadenersatzzahlungen schützen.

Mehr als 12.200 Patienten haben sich im letzten Jahr an die Gutachterstellen der Ärzteschaft wegen eines Verdachts auf Behandlungsfehler gewandt.Das waren gut 1100 mehr als im Vorjahr, wie die Bundesärztekammer mitteilt. In 2500 Fällen war der Verdacht begründet. Die Dunkelziffer liegt weit darüber. Auch in unserer Region bildet sich diese Entwicklung offenbar ab.

„Ich denke, es besteht deutlich mehr Bereitschaft als früher bei den Patienten, Behandlungen anzugreifen“, vermutet der Geschäftsführer des Heinsberger Krankenhauses, Heinz-Gerd Schröders. „Die Versicherungsbeiträge sind in den letzten Jahren unglaublich gestiegen, weil auch die Schadensregulierungen gestiegen sind.“

Für dieses Jahr musste die Klinik allein 340.000 Euro an Versicherungsbeiträgen für die Haftpflicht berappen. In den letzten Jahren sei der Prozentsatz „unabhängig von unserer eigenen Schadensquote, die nach wie vor sehr niedrig ist“, im zweistelligen Bereich in die Höhe geklettert. Natürlich spiele dabei auch eine Rolle, in welchem Tätigkeitsfeld ein Krankenhaus agiere. „Wenn sie Chirurgie und Geburtshilfe haben, sind sie automatisch schon in den höheren Kategorien.“

Grundsätzlich, so erläutert Schröders, gebe es für einen Patienten zwei Möglichkeiten des Vorgehens. Die erste Variante: „Er wendet sich direkt an uns und beschwert sich über einen aus seiner Sicht nicht gegebenen Behandlungserfolg.“ Dann werde der Gutachterausschuss für ärztliche Behandlungsfehler bei der Ärztekammer Nordrhein für ein kostenloses und unabhängiges Gutachten angerufen, „wenn man sich nicht einigen kann“. Der Ausschuss treffe schließlich eine Feststellung, „der wir uns dann unterwerfen“.

Die zweite Variante: „Der Patient beauftragt sofort einen Rechtsbeistand, der uns mit den Fakten konfrontiert. Wenn schon Klage erhoben wurde, ist das Einschalten des Gutachterausschusses nicht mehr möglich. Dann muss das Gericht einen bestellen.“

Oftmals, so zeigt die Erfahrung, wählen die Patienten in dem Zusammenhang auch den Weg über ihre Krankenkasse. Schließlich muss diese ja im Normalfall den Löwenanteil der Behandlungskosten begleichen und dürfte demnach ein verständliches Interesse daran haben, im Falle eines Falles das Krankenhaus in Regress zu nehmen. Aufgrund der Vielzahl möglicher Krankenkassen, die hier in Frage kommen, ist die Summe der Anträge für die Region nur schwer zu ermitteln.

Allein bei der BKK Euregio wurden jedoch zwischen 2008 und 2012 insgesamt 70 mögliche Behandlungsfehler angezeigt, wie stellvertretender Vorstand Thomas Graf bestätigt. Stets sei ein medizinisches Gutachten durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung erstellt worden. „Wir kooperieren in diesem Zusammenhang seit mehreren Jahren mit einem auf Arzthaftungsrecht spezialisierten Anwaltsbüro aus Köln. Der Anwalt übernimmt eine Art Filterfunktion im Hinblick auf die Erfolgsaussichten der Geltendmachung der Ansprüche.“

In einem Drittel der Fälle der letzten fünf Jahre sei in der Tat ein Behandlungsfehler festgestellt worden. Auch Krankenhäuser aus dem Kreisgebiet seien davon betroffen.

In einem besonders krassen Fall von Ärztepfusch habe der Operateur bei einer an sich komplikationslosen OP Verbandsmaterial in der Wunde vergessen. „Die Folge für den Patienten, er ist lebenslang an den Rollstuhl gefesselt.“ In den letzten fünf Jahren seien so alleine 250.000 Euro Kosten für die Krankenkasse entstanden und weitere 200.000 Euro für die Pflegekasse. „Das gesamte Geld wurde regressiert“, so Graf.

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