Erkelenz - Abiturienten diskutieren mit Vertretern von sechs Parteien

Abiturienten diskutieren mit Vertretern von sechs Parteien

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
World Café
Links die Moderatoren, rechts die Politiker, vor der Bühne rund 270 Abiturienten des Cusanus-Gymnasiums: So frontal gegenüber standen sich die Gesprächspartner nur kurz, Tacheles geredet wurde in den Klassen. Foto: mib
Jorge Klapproth
Jorge Klapproth (FDP) stellte sich in intensiven Fragerunden den Schülern des Cusanus-Gymnasiums. Foto: mib
ralf derichs
Ralf Derichs (SPD) stellte sich in intensiven Fragerunden den Schülern des Cusanus-Gymnasiums. Foto: mib
Hans Josef Dederichs (Grüne)
Hans Josef Dederichs (Grüne) stellte sich in intensiven Fragerunden den Schülern des Cusanus-Gymnasiums. Foto: mib
World Café
Jürgen Spenrath (AfD) stellte sich in intensiven Fragerunden den Schülern des Cusanus-Gymnasiums. Foto: mib
World Café
Igor Gvozden (Die Linke) stellte sich in intensiven Fragerunden den Schülern des Cusanus-Gymnasiums. Foto: mib
World Café
Thomas Schnelle (CDU) stellte sich in intensiven Fragerunden den Schülern.

Erkelenz. Ein Politiker, ein Klassenraum, jeweils zwei Dutzend Schüler, viele Fragen: Das Konzept, das die Lehrer Elke Rißmayer, Dr. Kenan Irmak und Monika Ragazzi und die Eine-Welt-AG des Cusanus-Gymnasiums aufwendig vorbereitet haben, um die Abiturienten fit für das Wahljahr 2017 zu machen, ist neu.

Es heißt „World Café“. Auf der Bühne stehen zwölf Politiker von sechs Parteien (CDU, SPD, Grüne, Die Linke, FDP und AfD) den rund 270 Schülern nur kurz gegenüber, dann geht es in die Klassenräume. Je sechs Räume auf zwei Fluren, in denen vier Stunden lang oft kurz gefragt und öfter lang geantwortet wird.

Es geht um die Themen Flüchtlingspolitik und Energiewende. Moderatoren achten auf die Diskussionsdisziplin („immer fair und respektvoll bleiben“) und den Zeitplan.

Studentin Amelie Poméon, die den Linken-Politiker Igor Gvozden betreut, hat ihren Smartphone-Timer genau im Blick. Drei Minuten hat Gvozden Zeit, eine Frage zu beantworten. Aber Gvozden, der mit seinen 24 Jahren so jung ist, dass er locker auch auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen könnte, antwortet kurz und knapp. Manchmal zu knapp, dann haken die Schüler nach. Zum Beispiel wie die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich finanziert werden soll. Eine Viertelstunde für jedes Thema. Im Halbstundentakt geht es einen Raum weiter. Fenster werden geöffnet, Wassergläser aufgefüllt, Kragen gelockert.

Die Schüler sind offen, neugierig, ein wenig streitlustig und vor allem gut vorbereitet. Hannah Ivens (18) hat drei DIN-A4-Seiten mit Fragen dabei. In den Sozialwissenschaftskursen haben die Abiturienten, die fast alle zum ersten Mal wählen dürfen, die Parteiprogramme der Parteien intensiv bearbeitet. „Wie können Sie in ihrem Wahlprogramm behaupten, dass CO2 nicht gefährlich ist?“, ist dann auch eine der ersten Fragen, die eine Schülerin dem Landtagskandidaten der AfD, Jürgen Spenrath, stellt. „Wie können Sie sagen, dass eine Weltreligion, wie der Islam eine Gefahr ist?“ eine andere.

Spenrath wundert sich zuerst kurz, da er ja zunächst einmal noch nicht viel gesagt hat, sondern sich nur als Erkelenzer Bürger vorgestellt hat, der vorher keiner Partei angehört hat, seit der Gründung der AfD 2013 dabei ist und nun für den Landtag kandidieren will. Doch er muss in diesem Erkelenzer Klassenzimmer verteidigen, was die AfD-Spitze an anderem Orte verfasst hat, auch wenn die eine oder andere Position innerhalb der Partei „umstritten ist“ oder er sich „nicht an diesem Thema festbeißt“.

In den letzten 27 Sekunden fragt ihn eine Schülerin, wo er die AfD verorten würde: „links oder rechts?“ Schüler raunen, Spenrath räuspert sich. Es werden 27 etwas längere Sekunden. „Ich ordne mich gar nicht ein. Wir haben bei uns Gewerkschafter, Juristen, Kirchenleute. Wir sind schwer zu verorten. Wir sind eine Partei der politischen Mitte.“

„Fehlende Speichermöglichkeit“ notiert sich ein Schüler zum Thema Energie auf seinen Laufzettel, auf dem er Argumente schreiben soll, die ihn überzeugt oder nicht überzeugt haben und zu denen er die Stellung eines Politikers einer anderen Partei hören möchte.

Auch Thomas Schnelle (CDU) und Ralf Derichs (SPD) sagen, dass es noch nicht ausreichend Speichermöglichkeiten gibt, um jetzt schon ganz auf regenerative Energien umzusteigen, nur ist bei ihnen die Energiewende nichts, was sie anzweifeln. Sicher, sauber, bezahlbar, lautet der CDU-Wahlspruch zum Thema. Derichs erklärt, dass mehr Stromtrassen benötigt werden, um die Energie, die zum Beispiel in Norddeutschland im Überfluss durch Windkraft erzeugt wird, auch andernorts nutzen zu können.

Nach zwei Schülergruppen ist Ralf Derichs‘ erste Wasserflasche leer. Thomas Schnelle gefällt das neue Format. Es sei intensiver als eine Podiumsdiskussion. Dort habe man oft nur zwei Sätze, um seinen Standpunkt vertreten zu können. Der Vergleich ist ganz frisch, denn nur drei Tage zuvor stand er mit denselben Kandidaten auf dem Podium des Wegberger Maximilian-Kolbe-Gymnasiums. „Aber da gingen die meisten Fragen an die AfD.“ Es gab Buh-Rufe.

Die AfD und ihr Wahlprogramm weckten auch die Diskussionsfreude der Erkelenzer Gymnasiasten. „Frag ihn nach den Brennstäben“, riefen sich die Schüler zu, bevor es in die Klasse ging. Hinterher sagte ein Schüler: „Ich hätte gerne mehr Lösungsansätze gehört.“

Besonders die Menschen hinter den Politikern interessieren die Schüler. Ein Kandidat fiel vor allem durch seine flapsigen Ausdrücke auf („Ich hätte eine Strichliste beim Wort mit Sch… machen können“), ein anderer duzte die Schüler, ein dritter „fühlte sich immer gleich angegriffen“.

Wen sie wählen, dass wissen einige nach vier Stunden in aufgeheizten Klassenzimmern zwar immer noch nicht, einige aber, wen sie nicht wählen: „Die AfD ist für mich schon mal raus“, sagt Hannes Schulten (18) in der Pause. Seine Freundin Maike Raab (17) grinst. Sie war enttäuscht von dem Vertreter der Linken-Partei, dem sie gegenübersaß. Der Name ist ihr schon wieder entfallen: „Der ist immer zurückgerudert.“

„Stell Dir vor, es ist Wahl und alle Cusaner gehen hin“, hatte Dr. Kenan Irmak in seiner Ansprache zum Auftakt gesagt. Die Chancen stehen nicht schlecht.

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