Zwischen Kohlrabigratin und Glasfaser

Von: Verena Müller
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Mittagspause bei den Jungnitschs: So oft es geht, verbringt der Bürgermeister sie zu Hause. Foto: V. Müller

Übach-Palenberg. Die Mittagspause des Bürgermeisters beginnt mit Arbeit. Schnell noch die Post durchgucken, ein paar Vorlagen unterschreiben, zwischendurch ein Blick aus dem Fenster. „Ah, das Taxi ist schon da.“ Mappe zu, dem Assistenten geben, Mantel und Schal an, Aktentasche greifen, Treppe runter. Es ist kurz nach halb zwei.

Der Fahrer des Taxis vor der Tür entpuppt sich als Wolfgang Jungnitschs Frau Gabi. „Hallo Schatz! Es hat was länger gedauert“, begrüßt er sie. „Hab ich gemerkt“, sagt sie, lächelt und lenkt den Kombi zügig über den Marktplatz. „Um drei muss ich schon weiter, zum Landrat“, sagt Übach-Palenbergs Erster Bürger. Kurzer Austausch über anstehende Termine und Neuigkeiten aus dem Rathaus – wo stand noch gleich häufig die mobile Blitze? Ach ja, richtig. Hier. Also kurz runter vom Gas. Nach zehn Minuten Ankunft am Haus der Familie Jungnitsch.

Seit dem Jahr 2009 ist Jungnitsch im Amt, seitdem versucht er zumindest, regelmäßig mittags auf ein Stündchen zu Hause zu sein. Allein schon, um ein Mal am Tag was Vernünftiges zu essen, sagt Jungnitsch. Vor 2009 hat er in Frechen gearbeitet, als Geschäftsführer der Kommunalen Datenverarbeitungszentrale (kdvz) Rhein-Erft-Rur. Da musste er zwangsläufig auswärts essen.

Der Tisch im Wohn-/Esszimmer ist schon gedeckt, durch die Terrassentür scheint die Sonne rein. „Moment noch“, Gabi Jungnitsch verschwindet kurz in der Küche, ihr Mann hängt derweil sein schwarzes Jackett über einen Stuhl und sieht kurz in seiner „Räuberhöhle“, wie er sie nennt, nach. „War in der Post nur die Rechnung?“ „Ja, nur die“, sagt seine Frau, in den Händen eine dampfende Auflaufform. „Was trinkst du dazu, Wasser oder Buttermilch?“ Buttermilch bevorzugt der Bürgermeister.

Zu Kohlrabigratin mit Hähnchenbrust gibt es Kartoffeln. „Das ist ein Rezept aus dem Landfrauenbuch“, erzählt Gabi Jungnitsch, „ein Drittel hab ich schon nachgekocht.“ So gehört sich das auch für einen CDU-Haushalt, könnte man jetzt sagen. Zum 50-jährigen Bestehen der Frauen Union hatte sie das Buch als Vorsitzende des FU-Stadtverbands Übach-Palenberg geschenkt bekommen. Wolfgang Jungnitsch tippt ihr kurz auf den Handrücken: „Guten Appetit!“ Und nach dem ersten Bissen: „Mmmh. Das ist aber lecker, Gabi. Richtig toll!“ Da nimmt er auch gerne noch mal nach.

Der Arbeitstag des 60-Jährigen beginnt normalerweise gegen 9 Uhr, abends wird es häufig 22 Uhr oder später. Dazu kommen Veranstaltungen am Wochenende. Da täte es gut, wenigstens mittags eine Stunde Zeit zum Durchatmen zu haben, sagt Jungnitsch. Kollege Bernhard Tholen aus Gangelt tut dies im Freien: Er joggt. Das Laufen ist nicht so Jungnitschs Sache, das Schwimmen schon eher. Das versucht er montagabends noch unterzubekommen.

Der Auflauf ist deutlich reduziert, „noch einen Kaffee?“, fragt Gabi Jungnitsch. Ihr Mann lehnt dankend ab, hilft seiner Frau schnell beim Abräumen des Tischs und verschwindet in seinem schmalen Arbeitszimmer, um seine privaten Mails zu checken und liegengebliebene Briefe durchzugehen. Bei einem Schreiben lacht er und zieht die Nase kraus, wie er es immer macht, wenn er gerade den Schalk hinter den Ohren hat.

„Der Bürgermeister schreibt sich selbst Briefe“, sagt er und legt das Blatt auf den Tisch. Gemeint ist die Infoveranstaltung der Glasfaser in Marienberg, zu der der Bürgermeister einlädt – und diese Einladung ging eben ausnahmslos an alle Haushalte raus. Jungnitsch hofft, viele Bürger für das schnelle Internet gewinnen zu können.

Viel Zeit bleibt jetzt nicht mehr, Jungnitsch unterhält sich noch kurz mit seiner Frau darüber, wie schwierig es manchmal ist, alle Einladungen unter einen Hut zu bekommen. Ein Verein äußerte sein Bedauern, dass „nur“ der Stellvertreter erschienen war. „Aber bei drei Terminen fast zur gleichen Zeit ist es eben manchmal nicht anders möglich“, sagt Jungnitsch. Ein Blick in den Kalender in seinem Handy: „Voraussichtlich um 19 Uhr habe ich heute Schluss“, sagt er. Relativ früh also. Aber es sind ja auch noch Ferien.

Wieder in Jackett und Mantel geht es zurück in die Einfahrt, wo der Kombi wartet. Auf der Rückfahrt begegnet den Jungnitschs ein Wagen des Bauhofs, eine kurze Begrüßung, dann ist der Bürgermeister auch schon fast wieder im Rathaus. Viel Zeit bis zum Termin mit dem Landrat bleibt ihm nicht mehr, aber so ist das eben.

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