Gangelt-Kreuzrath - Zwangsverheiratung: Nuran Joerißen aus Gangelt kennt sich aus

Zwangsverheiratung: Nuran Joerißen aus Gangelt kennt sich aus

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
13147892.jpg
Nuran Joerißen in ihrem Haus in Kreuzrath im Interview mit einer Fernsehjournalistin. Foto: Dettmar Fischer
13147895.jpg
Jeder muss seine Wahlentscheidung vor sich verantworten – das ist eine von Joerißens Botschaften.

Gangelt-Kreuzrath. Neulich war das Fernsehen da. Nuran Joerißen saß vor der Kamera, interviewt wurde sie von einer Journalistin von Sat.1. Joerißen, die aus der Türkei stammt, wurde als junge Frau zwangsverheiratet. Darüber und wie sie sich aus ihrer ersten Ehe befreite, schrieb sie vor einigen Jahren das Buch „Süßer Tee“.

Mittlerweile ist sie daran gewöhnt, öffentlich über ihre Vergangenheit zu sprechen, doch dass sich nun auch überregionale Medien für ihre Meinung zu Themen rund um den Islam, im Besonderen Frauenrechte, und die Politik der Türkei interessieren, das ist noch neu.

Der Beitrag soll im Abendprogramm laufen, voraussichtlich noch im Oktober. Doch auch Beratungsstellen hilft Joerißen, hinzu kommen natürlich private Anrufe von Hilfesuchenden. „Anfragen bekomme ich aus ganz Nordrhein-Westfalen“, sagt Joerißen, die heute wieder verheiratet ist und in Gangelt-Kreuzrath lebt.

In einem weiten Umkreis sei ihr keine andere Person bekannt, die so offen mit der eigenen Zwangsverheiratung umgeht. In den vergangenen Monaten hat sie, bestärkt durch ihre Familie, ihre Tätigkeit mehr und mehr darauf konzentriert, auf das Thema aufmerksam zu machen. Es ist jetzt „ihr“ Thema.

Zuletzt kam das Thema durch ein türkisches Gerichtsurteil wieder ins Gespräch, das das Verbot von Sex mit Jugendlichen aufhob – sofern diese verheiratet sind. Im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren sei es Kindern bereits möglich, die Bedeutung des sexuellen Aktes zu verstehen, brachten die Antragssteller vor, die bisherige Gesetzgebung habe keinen Unterschied zwischen dieser Altersgruppe und Kleinkindern gemacht. Das türkische Verfassungsgericht gab ihnen recht.

Aufgrund des Putschversuchs verschwand das Thema schnell wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung. Nicht so für Joerißen, die natürlich auch hierzu eine klare Meinung hat. In einem Land, in dem insbesondere Mädchen und junge Frauen vor der Ehe keinen Sex haben dürfen, werde die Ehe so zum Reglement für legitimierten Sex und entscheide darüber, welche Frau als ehrenhaft und welche als unehrenhaft angesehen werde, sagt sie. Junge Frauen würden durch das Gerichtsurteil doppelt benachteiligt.

Trotzdem springt sie auf den Zug, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoan die Schuld an allem zu geben, nicht auf, so kritisch sie seine Politik auch sieht. „Ich möchte nicht Erdogan die Schuld geben, sondern seine Wähler in der Türkei und auch hier in Deutschland in die Pflicht nehmen“, sagt Joerißen. Wer Erdogan unterstützt, der müsse sich auch über die Folgen im Klaren sein, gerade als Demokrat.

Über die Neuzuwanderung wird das Thema Kinderehe und Zwangsverheiratung wieder aktuell. Joerißen glaubt, dass dadurch das Thema Zwangsverheiratungen auch in Deutschland zu einem Wahlkampfthema werden könnte. Dabei sei Zwangsverheiratung kein neues Phänomen in Deutschland, diese Thematik sei bloß nie offensiv genug in den Blick genommen.

Es würden immer noch junge Mädchen, die hier aufgewachsen und sozialisiert sind, gegen ihren Willen verheiratet, ergänzt Joerißen. Und auch junge Männer könnten darunter ebenso leiden – auch wenn dies noch stärker tabubehaftet sei.

Wenn das schwierige Thema tatsächlich Beachtung im Wahlkampf findet, würde das bedeuten, dass auch sie wieder gefragt wird. Und sie würde Antworten geben. Aber nur, wenn nicht die Gefahr besteht, dass das Thema nach dem Motto „der Islam ist schlecht“ populistisch ausgeschlachtet wird. „Die von Zwangsheirat betroffenen Menschen haben zu viel Leid hinter und im schlimmsten Fall noch vor sich, als dass dies eine Hilfe sein könnte“, sagt sie. Für die Betroffenen selbst nicht und für die Gesellschaft ebenso wenig. „Es geht um ein langfristiges Zusammenleben.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert