Wrestling-Star, Bodyguard und Malerin in Tokio

Von: Udo Stüßer
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Foto-Session vor der Telefonzellen-Skulptur im Jahre 1992: In London startete Kiki Bragard ihre Karriere als Kämpferin.

Übach-Palenberg. Wenn Kiki Bragards Handy heutzutage gegen 15.30 Uhr mit der berühmten Rocky-Musik klingelt, weiß sie, dass sie losrennen muss, um ihre fünfjährige Tochter Ayla vom Kindergarten abzuholen. Diese Rocky-Rhythmen werden ihr nie mehr aus dem Sinn gehen.

Denn das ist die Musik, zu der sie vor Jahren hart trainiert hat. Sechs Stunden am Tag in den Sporthallen von Tokio, bei 42 Grad Außentemperatur. Das war die Zeit, in der sie in Japan lebte, als Künstlerin, als Kampfsportlerin, als Bodyguard. Doch bis dahin war es ein harter und vor allem schweißtreibender Weg...

Ihr jugendlicher Lebenslauf liest sich so wie viele andere. 1967 in Aachen geboren, besuchte sie die Hauptschule in Herzogenrath, anschließend die Fachoberschule für Gestalten in Aachen. Und da sie nach dem Willen ihrer Eltern eine Ausbildung mit Zukunft machen sollte, erlernte sie den Beruf einer Köchin. Da kann man die Welt bereisen und viel erleben, hatte sie der Berufsberater ermuntert. Doch was sie erlebte, war eine große Küche ohne Fenster.

Und so wechselte sie nach der Ausbildung in den Service-Bereich. „Da hat man wenigstens Kontakt zu Leuten, bekommt ein Trinkgeld und stinkt nicht nach Fett”, denkt sie an diese Zeit zurück. Aber das Reisen ging der jungen Frau nicht mehr aus dem Kopf. Von Aachen aus wechselte sie schnell die Hotels, arbeitete in Brüssel, in Jamaika, auf Gran Canaria und schließlich in London.

„Dort war ich in den besten Hotels. Aber je mehr Sterne die Hotels hatten, desto weniger Geld hatte ich in der Tasche. Denn von den Gehältern in den piekfeinen Hotels kann man kaum leben.” Zwei Ereignisse änderten schlagartig ihr Leben: In der Londoner U-Bahn wurde sie von einem irischen Hooligan brutal zusammengeschlagen. Die junge Kiki fühlte sich wehrlos, hilflos und erniedrigt. „Ich war ein naives Opfer.”

Und sie las eine Anzeige: Eine Agentur war auf der Suche nach Wrestling-Kämpfern. „Für das, was die für einen Kampf bezahlten, musste ich damals zwei Wochen im Hotel arbeiten.” Kiki Bragard trainierte Freistil-Wrestling, nahm an ersten Kämpfen teil und entwickelte Talent. Sie erinnert sich an ihre ersten beiden Kämpfe in London. Den ersten hat sie gewonnen, den zweiten verloren, „gegen eine 42-jährige Oma, aber die war richtig gut.” Kiki Bragard wurde vom Ehrgeiz gepackt.

Fragte sie früher nach der nächsten Party, suchte sie jetzt den nächsten Kampf. Schwimmen, Joggen, Fitnessstudio und Wrestling-Kämpfe bestimmten ihr Leben. „Ich war talentiert, konnte Preisgelder verdienen, aber ich habe für die Kämpfe am Wochenende von meinem Chef keinen freien Tag bekommen.” Kiki Bragard nahm allen Mut zusammen und kündigte ihren Job. Ab jenem Tag lebte sie nur noch für den Kampfsport. Mit ihrer Truppe zog sie durch die USA, kämpfte in New York, in Los Angeles und Las Vegas.

In London zurückgekehrt, trainierte sie mit der „Krawallpolizei”. Laufen, Fitness und Body Building waren ihr Alltag. „Ich trainierte in richtigen Dreckslöchern mit Spinnweben und eingeschlagenen Scheiben.” Dann setzte sie sich neue Ziele. Sie wollte zum Professional Wrestling, in England damals noch recht unglamourös, in den USA hingegen sehr beliebt. Acht Monate lang trainierte die Kampfsportlerin in der Talentschmiede Malenkos Camp in Florida.

„Da sind die Besten der Besten. Mein Ziel aber war Japan.” Der 4. August 1994 ist für Kiki Bragard ein denkwürdiger Tag. Im Alter von 27 Jahren betrat sie japanischen Boden. Ihr ehemaliger Trainer aus Florida hatte ihr eine Drei-Monatstour in Japan vermittelt. Kiki Bragard kämpfte vor bis zu 15.000 Zuschauern. Ihre Londoner Wohnung hatte sie aufgegeben.

Einige Koffer standen bei ihren Eltern, einige Kisten bei Freunden in London, andere irgendwo im Keller und wieder andere auf irgendeinem Speicher irgendwo in der Welt. Nach diesen drei Monaten erhielt sie ein weiteres Angebot für zwei Wochen. „Daraus wurden fünf Jahre, also die längsten zwei Wochen meines Lebens”, lacht sie, um dann von ihrem Chef zu erzählen, Fujiwara, den in Japan jedes Kind auf der Straße als berühmten Kampfsportler und Filmschauspieler erkennt. „Er ist der Erfinder des Submission Wrestling.

Das ist kein Show-Kampf, das ist ernsthafter Kampf. Außerdem lehrte er mich das Ultimate Fighting nach dem Motto: der Letzte, der im Ring steht, hat gewonnen. Alles ist erlaubt, nur zwei Dinge nicht: Die Finger dürfen nicht in die Augen des Gegners gestochen werden, und Schläge auf die Wirbelsäule sind tabu.” Fujiwara unterrichtete Kiki im Submission Wrestling, außerdem erlernte die mittlerweile Japanisch sprechende junge Frau das Muay-Thai-Kickboxen. Kiki kämpfte weiter. „Ich wollte beweisen, dass ich es schaffe.” Schließlich stieg sie zum Bodyguard von Fujiwara auf.

Sie wurde seine Assistentin, seine rechte Hand, stellte für ihn die Sekretärin ein, buchte seine Flüge um, flog mit ihm zu Dreharbeiten in die Südsee und reiste mit ihm durch die ganze Welt. Ihr Chef war nicht nur ein Kämpfer, sondern auch kreativer Künstler: Er zeichnete Karikaturen und töpferte.

Kiki Bragard hatte mittlerweile eine eigene Wohnung in Tokio. „Mit vielen leeren weißen Wänden.” Sie griff zur Acrylfarben und Pinsel und malte ihr erstes eigenes Bild. Es folgten weitere Ideen, es entstanden mehr Bilder. Aber Fujiwara wettete: „Deine Bilder will keiner sehen, die stellt keiner aus.” Doch wieder setzte sich Kiki durch: Sie fand eine Galerie, die ihre Kunstwerke ausstellte.

Für eine weitere Veränderung in ihrem Leben sorgte ein Gecko, dem sie in Thailand hinterhergelaufen war: Dabei brach sie sich den Fuß. „Und irgendwie ging mir plötzlich die gewaltige Hitze auf den Keks. Ich fühlte mich einfach nicht mehr wohl. In den vergangenen Jahren hatte ich zu viel gearbeitet und zu wenig geschlafen. Ich hatte Fujiwara bewacht und für ihn gearbeitet. Ich wollte wieder ich selber sein. Ich wollte meine Eltern und Freunde besuchen. Ich wollte zurück in die westliche Welt.”

Kiki Bragard zog wieder nach London. Sie malte, arbeitete wieder als Bodyguard und trainierte mit ihrer alten Truppe als Amateur-Ringerin. Sie gewann die britischen Meisterschaften. Eineinhalb Jahre lebte sie in London. „Aber dann war ich die Großstadt plötzlich leid.” Vierzehn Jahre lang war sie in der Welt unterwegs gewesen. Im Jahre 2001 zog sie nach Herzogenrath, mietete „eine riesengroße Wohnung” und sammelte all die Kisten und Koffer ein, die weltweit verstreut waren.

Seit vier Jahren wohnt sie mit ihrem Lebenspartner und dem gemeinsamen Kind in dem hübschen Haus in der Übach-Palenberger Goethestraße. Das Kapitel Kampfkunst hat sie längst zugeschlagen. Sie hat ihr Ziel erreicht. Nachdem sie Opfer in der U-Bahn geworden war, wollte sie stärker werden und wollte siegen. Ihr Name, unter dem sie gekämpft hat, Thundercrakk, wird nun auf keinem Plakat mehr erscheinen. Dafür steht der Name Kiki Bragard auf den Plakaten, die ihre Kunstausstellungen ankündigen.

Seit 1997 stellt sie regelmäßig im Tokyo Metropolitan Art Museum in Japan aus. Hinzu kommen Ausstellungen in London, Rom und im französichen Les Arcs und in der Bundesrepublik. Wenn Kiki Bragard malt, geht sie locker und zwanglos ans Werk. Ihre Eindrücke, die sie weltweit gesammelt hat, setzt sie in ihren Stadtbildern auf eine fast naive, verspielte und dennoch moderne Art und Weise um. „Ich male das, wo ich war und wo ich nicht war und wo ich noch hin will.” Auf jeden Fall malt sie, wie sie selbst ist: bunt, freundlich und fröhlich.
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