Wohnliche Wärme aus dem Eisspeicher

Von: Wilfried Rhein
Letzte Aktualisierung:
Noch sind die Wände kahl, die
Noch sind die Wände kahl, die Leitungen unverkleidet, aber in den Zwischenräumen sind bereits modernste Anlagen der Energieeffizienz untergebracht. Details schilderten (vorne v.l.) die Architekten Markus Kandziora, Reiner Wirtz, Eigentümer Niko Kleuters sowie Grünen-Sprecher Jürgen Benden.

Geilenkirchen-Waurichen. Rund 400 Jahre stand in Dorfesmitte der Hof der Familie Kleuters. Das große landwirtschaftliche Gut hat nach seinem Abbruch vor zwei Jahren Platz gemacht für Wohnbebauung.

Die Architekten haben das Straßenbild im Walderych nicht nur markant verändert, sondern auch energietechnisch das Modernste eingesetzt, was dieser innovative Markt zu bieten hat - und noch zur Patentschrift ansteht.

Das Stichwort gilt dem „Passivhaus”, mehr noch dem „Plus-Energie-Haus”, wie es sogar das Bauschild vor der Parzelle 27 im Wal­derych ausweist. Dass dort ein Eisspeicher für Energiestabilität sorgt, ist zwar von Werner Welfers, dem Energietechniker mit eigenem Planungsbüro, anschaulich erklärt, klingt für den Laien dennoch nach unfassbarer Physik.

„Ein Passivhaus ist ein Gebäude, in dem eine behagliche Temperatur sowohl im Winter als auch im Sommer ohne separates Heiz- oder Klimatisierungssystem zu erreichen ist”, erklären die Experten. Es bietet erhöhten Wohnkomfort bei einem Heizwärmebedarf von weniger als 15 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und einem Primärenergiebedarf samt Warmwasser und Haushaltstrom von unter 120 kWh pro Quadratmeter.

Das Passivhaus ist eine Weiterentwicklung der so genannten Niedrigenergiehäuser (NEH). Im Vergleich zu diesen benötigt ein Passivhaus 80 Prozent weniger Heizenergie, im Vergleich zu einem konventionellen Gebäude über 90 Prozent. Umgerechnet in Heizölwerte kommt ein Passivhaus im Jahr mit weniger als 1,5 Liter pro Quadratmeter aus. Diese Einsparung erreicht ein Passivhaus allein durch die Grundprinzipien der Vermeidung von Wärmeverlusten und der Optimierung von Wärmegewinnen.

Bei den Plus-Energie-Häusern im Walderych - neben den fünf Mieteinheiten in der Nummer 27 entstehen auch an der Parzelle Nummer 8 weitere Wohnungen - addiert sich die Energiebilanz positiv: Es bleibt mehr übrig als verbraucht wird. Dass ein solches Gebäude, mit üblichen Materialien errichtet, hoch luftdicht konzipiert sein muss, ist Ausgangspunkt der raffinierten Tausch- und Umwälzlogistik im Walderycher Musterhaus, erläutern Reiner Wirtz und Markus Kandziora, Planender bzw. Bauleitender Architekt für dieses Objekt im Fachbüro von Prof. Ludwig Rongen. Partner auf Eigentümerseite wurden Niko und Traudel Kleuters, die von Jürgen Benden, Grünen-Fraktionssprecher im Geilenkirchener Stadtrat, für das Projekt interessiert wurden.

Traudel und Niko Kleuters werden auch zur Verfügung stehen, wenn am heutigen Samstag die Wohnungen - Maisonette (155 bis 185 qm) und Penthouse (65 bis 123 qm) - in der Kernzeit von 13 bis 15 Uhr besichtigt werden können. Interessierte erfahren dann auch mehr über die Lage von Zisternen und die Photovoltaikanlagen, die das kompakte System unterstützen.

Denn erst wenn ein Gebäude dicht ist, kann die Luft und analog dazu die Wärmemenge, die ein- und austransportiert wird und ansonsten verloren wäre, über eine mechanische Lüftungsanlage kontrolliert werden. Daher stammt auch die Bezeichnung „Kontrollierte Wohnraum-Lüftung”, für den Fachmann wie Werner Welfers aus Wildenrath kurz „KWL”.

Die KWL-Geräte sind so ausgerüstet, dass der Abluft, die mit der jeweiligen Raumtemperatur zum Zentralgerät transportiert wird, die Wärme bis auf einen geringen Anteil an Verlusten entzogen wird und Restwärme zur Beheizung der Frischluft, die kühl von außen nachströmt, verwendet wird. Damit wird der Energieverlust bis auf das Minimum reduziert.

Die Luftvolumenströme der KWL-Anlagen richten sich nach den hygienischen Anforderungen, nicht nach dem eventuell erforderlichen Wärme- und Kältetransport, beschreiben die Eigentümer. Speziell für eine Kühlung der Räume wäre die Luftmenge der KWL-Anlage zu klein. Daher wurden die Wohn- und Schlafräume mit Kühldecken ausgerüstet. Es wurden Rohrleitungen mit geringen Durchmessern, die unter der Decke montiert und eingeputzt oder mit Gipskartonplatten verkleidet sind, als aktive Kühlflächenfelder in den Räumen verlegt, die zum dauernden Aufenthalt der Bewohner bestimmt sind.

Im Kühlbetrieb werden diese mit kaltem Wasser durchflossen, die „stille Kühlung”. Im Heizbetrieb können die als Kühlflächen vorgesehenen Deckenfelder auch zur Heizungsunterstützung der KWL-Anlage genutzt werden, indem dann erwärmtes Wasser durch diese Rohrleitungen geführt wird.

Das Kernstück der Anlage stellt die Wärmeerzeugung selbst dar, eine Wärmepumpe, die als Quelle einen unterirdischen Wasserbehälter nutzt. Für den Betrieb einer Wärmepumpe ist es erforderlich, einer Wärmequelle höhere Temperatur zu entziehen, die der Heizungsseite in Form von erwärmtem Wasser zur Verfügung gestellt werden kann. Dafür werden Wärmequellen genutzt aus dem Erdreich, dem Grundwasser, über Flächenkollektoren, Solewasserwärmepumpen, Tiefensonden oder auch aus der Luft.

In Waurichen wird eine Sole-/Wasserwärmepumpe verwendet. Aufgrund des Energieverlustes beim Durchleiten bildet sich um die Leitungen herum eine wachsende Eisschicht. Bei dem Wechsel von null Grad kaltem Wasser zu null Grad kaltem Eis wird so genannte Kistallisationswärme frei. Eine Energiemenge, die auch ausreichen würde, das null-Grad-Wasser auf 80 Grad zu erwärmen, schildert der Wildenrather Diplom-Ingenieur.

Für Eigentümer und Mieter ist die Kalkulation der Quadratmeterpreise einer solchen Wohnung unkomplizierter und überraschungsfreier als beim Zuschlag von der Kalt- zur Warmmiete. Niko Kleuters muss mit anlagebedingten 20 Prozent höheren Erstellungskosten für das Gebäude rechnen als im üblichen Bauverfahren. Höhere Umlagen kann er bestenfalls über die Gebührenetats seiner Kommune erwarten.

Fest eingerichtet sind zudem 16 Stellplätze in der großen Garage unter Haus und Garten sowie der Reithalle, die zur Erinnerung an die Historie des Kleuters-Hofs ein Wandstück der alten Scheune integriert hat. Niko Kleuters Wunsch: „Vielleicht stehen da auch einmal ein-zwei Elektroautos als Ersatz für die Familienzweitwagen der Mieter.” Diese mobile Möglichkeit zur Nahversorgung würde das Ehepaar Kleuters auch finanziell unterstützen. Als ökologischer Ausgleich zwischen Dorf- und Stadtmitte.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert