„Wissen teilen: Davon lebt die Gesellschaft“

Von: Ines Kubat
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Karl-Heinz Tholen (links) aus Breberen und Wolfgang Busch aus Gangelt beteiligen sich als Autoren bei Wikipedia und haben vor allem Artikel zur Umgebung geschrieben oder ergänzt. Fotos: I. Kubat/Fotomontage: H. Thomas Foto: Kubat/Fotomontage: H. Thomas

Geilenkirchen/Gangelt. Wenn Karl-Heinz Tholen aus dem Fenster seines Hofes blickt, sieht er Heimat: das Grundstück, die Wiesen, die Felder und nicht zuletzt Breberen. Hier ist er aufgewachsen, hier lebten schon seine Vorfahren. Und weil er so verwurzelt ist mit dem Ort, liegt ihm auch die Darstellung der Lokalhistorie am Herzen. Lange Zeit forschte Karl-Heinz Tholen nur für sich selbst, dann – im Jahr 2011 – entdeckte er die Online-Plattform Wikipedia für sich.

Die Enzyklopädie feierte Anfang des Jahres ihren 15. Geburtstag. Über 37 Millionen Artikel existieren in mehr als 300 Sprachen. Täglich nutzen Menschen weltweit das freie Wissenslexikon, täglich werden neue Beiträge von den ehrenamtlichen Autoren verfasst. „Wikipedia fördert die Kreativität und Teilhabe“, sagt Tholen.

Mit einem Fehler fing alles an

Der 60-jährige Landwirt kam eher per Zufall dazu, sich als privater Autor bei Wikipedia zu registrieren. Er hatte nämlich einen Fehler in dem Eintrag zu Breberen entdeckt. Im Abschnitt „Infrastruktur“ war allerlei aufgelistet – unter anderem der Kindergarten „Lindebau“. Weil es aber „Lindenbaum“ heißen muss, meldete sich Tholen als Autor an und korrigierte diesen Fehler.

Kurze Zeit später jedoch war der „Baum“ wieder ein „Bau“ – seine Korrektur war gelöscht worden. Das ärgerte ihn zwar, weil es schlichtweg falsch war, entmutigen ließ er sich jedoch nicht. Stattdessen bekam er Lust, auch an anderen Artikeln mitzuwirken. Also mischte er bei verschiedenen Artikeln seiner Gemeinde mit und schrieb auch etwas zur lokalen Mühlengeschichte – schließlich ist er Vorsitzender des „Vereins historische Mühlen im Selfkant“ und konnte sich deshalb neben Material aus dem Landesarchiv auch lokaler Quellen bedienen.

Ganz und gar ist Tholen aber nicht überzeugt von dem Medium. Insgesamt, sagt er, sei sein Engagement beinahe zum Erliegen gekommen – die vielen Löschungen oder Änderungen seiner Beiträge, die er zum Teil nicht nachvollziehen kann, haben einen faden Beigeschmack bei ihm hinterlassen.

Auch „Brutus1972“ hat bereits die Erfahrung gemacht, dass manche seiner Beiträge geändert wurden – allerdings hadert er deshalb nicht mit dem Medium an sich, sondern nimmt die Beteiligung in der Regel als konstruktiven Diskurs hin. Im wahren Leben heißt „Brutus1972“ Wolfgang Busch, ist 44 Jahre alt und lebt in Gillrath. Zum fünften Geburtstag von Wikipedia, im Jahr 2006, trat er dem Medium bei: als User mit der Nummer 17244. Wie Karl-Heinz Tholen sei auch er zunächst auf kleinere Fehler in Artikeln aufmerksam geworden. „Und irgendwann habe ich oben rechts den Edit-Button gesehen.“ Es juckte ihn in den Fingern, deshalb meldete auch er sich als Autor an.

Erste Orientierung

Aus der einen Änderung ganz zu Beginn wurden im Laufe der Jahre insgesamt 1128. „Manchmal berichtige ich Recht-schreib- oder Grammatikfehler.“ Manchmal aber seien es auch inhaltliche Ergänzungen oder Änderungen: „Wenn ich beispielsweise einen Film sehe und ein mitwirkender Schauspieler nicht in dem entsprechenden Wikipedia-Artikel aufgeführt ist, ergänze ich den Beitrag um seinen Namen.“ Aber auch ein paar eigene Artikel hat er verfasst – wie Tholen beschäftigt sich Busch hauptsächlich mit lokalen Themen: Seinen Nickname entdeckt man beispielsweise in der Bearbeitungs-Historie der Artikel über Geilenkirchens Bahnhof, über den Ort Gillrath oder über dessen Burganlage.

Das Wissen zu den Artikeln käme keinesfalls aus einem Geschichtsstudium, erklärt der gelernte Systemtechniker. Stattdessen habe er einfach Interesse an manchen Themen und vertiefe sich dann akribisch und gewissenhaft in die Archivarbeit.

Das allein mache aber für ihn nicht den Reiz aus, Wikipedia-Autor zu sein. Es sei vielmehr der Gedanke, an solch einem großen Projekt teilzuhaben: „Wissen zu teilen und zu verbreiten, davon lebt die Gesellschaft“, findet er und ist begeistert, dass so viele Wikipedianer die Arbeit, die sie in ihre Recherche stecken, anderen Menschen zur Verfügung stellen: „Die Welt ist doch schon egoistisch genug.“

Je nachdem, wie es seine Freizeit zulässt, beschäftigt Busch sich mal mehr, mal weniger mit der Weiterentwicklung des riesigen Online-Lexikons. Und weil er schon so viel Engagement gezeigt hat, wurde er irgendwann zum Sichter befördert. Das sind die Wachleute von Wikipedia, die Änderungen überprüfen, bevor diese online gestellt werden. Denn manche User nutzen die Offenheit der Wikipedia dazu, Schindluder auf Seiten zu treiben und mutwillig falsche Änderungen oder Nonsens einzubringen: „Vandalismus“ nennt Busch das.

Die Sichter haben aber auch den Sinn, allgemein die Fehlerzahl zu minimieren, damit sich die Leser möglichst darauf verlassen können, die Wahrheit bei Wikipedia zu lesen. Denn dass es mitunter an der Richtigkeit von Beiträgen hapert, ist die Hauptkritik, die dem Mitmach-Medium entgegenschlägt.

Auch deshalb sagt Karl-Heinz Tholen, dass die Wikipedia vor allem als erste Orientierung hilfreich sei. Für eine intensivere Recherche solle man aber lieber andere Quellen benutzen. Neutralität, so sein persönlicher Eindruck, sei längst nicht immer gegeben.

Doch genau das läge zunächst in der Verantwortung des jeweiligen Autors, findet Wolfgang Busch. Denn der Wikipedia-Kodex schreibe ganz eindeutig vor, neutral zu berichten und sich vor allem seriöser Quellen zu bedienen, erklärt er grob die Richtlinien. „Man soll beispielsweise die zuletzt gelesene Literatur als Quelle für den Inhalt des Artikels angeben“, erklärt Busch und weist direkt auf die Problematik hin: „Aber was, wenn diese Quelle bereits Fehler beinhaltet?“

Letztendlich, findet Tholen, ist jeder Leser selbst gefragt, Inhalte kritisch zu überprüfen. Doch als Infoquelle sei die Wikipedia immer noch weit besser als viele andere Seiten im World Wide Web, fügt „Brutus1972“ versöhnlich hinzu.

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