Willi Arlt formt Metallrohre und Winkeleisen zu Kunst

Von: Jan Mönch
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Was aussieht wie der Arbeitsplatz eines Handwerkers ist Teil von Willi Arlts Atelier. Oder sollte man sagen: Werkstatt? Foto: Jan Mönch
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Eisen ist sein Element: Willi Arlt aus Lindern Foto: Jan Mönsch
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Dieser eiserne Geselle steht mit im oberen Geschoss von Willi Arlts Haus. Das Werk trägt den Namen „Stop!“ – fast hätte man es geahnt. Foto: Jan Mönsch
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Makaber: Diese in einem Baumstamm gefangene und von Stacheldraht umwickelte Figur stellt dar, was Hass und Zorn mit dem Menschen machen. Foto: Jan Mönsch
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„Der große Vogel schützt die Freiheit der kleinen“, sagt Arlt zu diesem Werk, dass Teil der internationalen Aktion „Pillars of freedom“ ist. Arlt würde es gern bei der Nato in Teveren ausstellen. Foto: Jan Mönsch
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Dieser eiserne Geselle steht mit im oberen Geschoss von Willi Arlts Haus. Das Werk trägt den Namen „Stop!“ – fast hätte man es geahnt. Foto: Jan Mönsch
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Ein Ausschnitt des Kunstwerks, das demnächst den vom Volksmund sogenannten Hühnermarkt schmücken soll. Das eigentlich flauschige Federvieh wird in harten, gezackten Formen dargestellt. Foto: Jan Mönsch

Geilenkirchen-Lindern. Hausnummer vergessen? Nicht so schlimm. Von der Türschwelle herab grüßen ja schon die ersten eisernen Skulpturen, hier muss es sein. Willi Arlt öffnet die Tür in T-Shirt und kurzer Hose, es ist der erste richtige Sommertag dieses Jahres.

Den kurzen Weg durchs Haus säumen weitere eiserne Figuren, der Garten steht erst recht voll damit. Das Schönste daran, Künstler zu sein, ist vielleicht, dass sich die Frage nach der eigenen Einrichtung praktisch von selbst beantwortet. Wobei dieser Segen wie alles Gute auch seine Grenzen hat, wie später an diesem Nachmittag ein Blick in ein Arbeitszimmer voller eiserner Körper, Gebäude, Gebilde zeigen wird. „Man macht viele Figuren und verkauft eben nicht ganz so viele“, sagt der Hausherr achselzuckend.

Willi Arlt ist erst spät vom Kunstbegeisterten zum Kunstschaffenden geworden, gegen Ende der Neunziger war das. Vorher war zu wenig Zeit, der Arbeit und der Kinder wegen, auch die Aktivität im Fußballverein raubte Zeit. Beruflich ist der gelernte Fernmeldetechniker der Bahn heute in Altersteilzeit. Weil er außerdem Frühaufsteher ist, fällt genügend Zeit für die Kunst ab. Dass diese Zeit genutzt wird, zeigt die Führung durch Haus und Garten.

Die ersten Dinge, die Arlt mit dem Schweißgerät formte, waren ganz praktischer Natur, es entstanden kleinere Möbelstücke. Doch dabei blieb es nicht. Ein Schlüsselerlebnis war um 2007, also vor rund zehn Jahren, als erstmals öffentlich eine Skulptur ausgestellt wurde. Das war in Rösrath, jenseits von Köln. Heute ist Arlt nicht nur mit dem Schweißgerät ein Gestalter, sondern auch in der lokalen und regionalen Kunstszene. Das stellt seine Mitgliedschaft in fünf Kunstvereinen unter Beweis – bei Pro Arte in Erkelenz ist er sogar erster Vorsitzender, im Künstlerforum Schloss Zweibrüggen zweiter.

Sucht man nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den seine Kunst sich bringen lässt, ist am augenfälligsten das Material. In den allermeisten Fällen hat er zu Baustahl gegriffen: Rohre, Stangen, Winkeleisen. Taucht doch mal etwas aus Papier oder Stein auf, fügt er oft etwas an wie „War ich aber nicht ganz zufrieden mit“ oder „Ist irgendwie nichts für mich“. Außerdem ist ein Großteil seiner Figuren schmal und hochgewachsen. Die Augenhöhe gefalle ihm, sagt er. „Und so nehmen sie auch weniger Platz weg.“

Für einen, der sich Künstler nennt, ist das eine auffallend pragmatische Feststellung. Das Affektierte und etwas Geschwollene, das Künstlern nachgesagt wird, sucht man vergebens. Es würde ja auch nicht sonderlich gut zu Schweißbrenner, Hammer und Schleifmaschine passen, mit denen er sein Rohmaterial im Atelier zu Kunst verarbeitet. Oder müsste man eher Werkstatt sagen, Herr Arlt? „Ist doch eigentlich das Gleiche“, sagt er knapp. Wieder so ein unprätentiöser Satz.

Botschaften hat er aber doch. Arlt erklärt sie bloß eher so, wie der Techniker in ihm vielleicht die Einzelheiten eines Schaltplans erklären würde: klare Worte, schnörkellose Sätze. Ein zynisch als „Der Retter“ betiteltes Werk zeigt den Mechanismus autoritärer Systeme: die Spaltung der Gesellschaft und die Vereinigung der Gewalten in einem einzelnen. Das passt in die Ära der Putins, Trumps und Erdogans. Andere Stücke erzielen ihre Wirkung eher durch prägnante Formensprache als durch vertrackten Hintersinn. Arlt lässt eiserne Vögel durch seinen Garten fliegen und Stiere Wache stehen.

Noch lieber ist es ihm, wenn seine Werke den öffentlichen Raum schmücken. Bereits jetzt steht vor dem fast fertigen Geilenkirchener Schwimmbad eine seiner Skulpturen: Aus den Ruinen des alten Schwimmbades suchte er sich Metallreste zusammen und formte diese zu einer Flamme, die nun vor dem Haupteingang des neuen lodert. Und in Scherpenseel wird bald ein eiserner Junge eiserne Hühner füttern.

Die Übach-Palenberger CDU hatte beantragt, den im Volksmund so genannten Hühnermarkt optisch aufzuwerten. Das Thema gefiel Arlt so gut, dass er schon loslegte, bevor der Kulturausschuss vergangene Woche sein Okay gegeben hatte. „Wenn man sich öffentlich zeigen kann, ist das immer gut. Auch wegen der finanziellen Seite.“ Das Rohmaterial ist ja nicht ganz billig.

Ob Arlt nun an Privatleute verkauft oder an Vertreter öffentlicher Interessen, immer macht er auf eines aufmerksam: Seine Werke verrosten, und das ist auch so gewollt. Die Idee der Vergänglichkeit gefällt ihm. „Irgendwann ist es eben nicht mehr da.“

Bis es so weit ist, bleibt für den Handwerkskünstler Willi Arlt aber noch jede Menge Zeit zum Löten, Hämmern, Schweißen, Schleifen.

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