Wie Luthers Thesen ins Heinsberger Land kamen

Von: Johannes Gottwald
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Herzog Wilhelm V. blieb zwar dem katholischen Glauben treu, zeigte sich in religiösen Fragen aber toleranter als sein Vorgänger. Hier zu sehen ist sein Grabmal in der Düsseldorfer Lambertuskirche, gelegen in der Altstadt. Foto: imago/imagebroker
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Die evangelische Kirche in Teveren wurde noch ganz gemäß den strengen Bauvorschriften des 17. Jahrhunderts als kleiner Saalbau errichtet. Türme waren nicht gestattet, nur mickrige Dachreiter waren erlaubt. Foto: Johannes Gottwald
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Die evangelische Kirche in Randerath entstand 1717 und 1718 als schmuckloser rechteckiger Gebetsraum, der sich nahtlos in die Häuserzeile der Asterstraße einfügt. Der Turm kam erst in späterer Zeit hinzu. Foto: Johannes Gottwald
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Erst 1865 entstand die evangelische Kirche in Geilenkirchen-Hünshoven. Zuvor mussten die Gläubigen mehr als 130 lang Jahre mit einem schlichten Bethaus vorlieb nehmen. Foto: Johannes Gottwald

Geilenkirchen. Der Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 war eigentlich nur als Einladung zu einer akademischen Diskussion gedacht. Trotzdem wurde damit eine wahre Lawine losgetreten, die binnen weniger Jahrzehnte die politische und religiöse Landschaft Europas von Grund auf veränderte.

Selbstverständlich war auch unsere niederrheinische Region von diesem Ereignis betroffen. Wie aber wurde es von den hier lebenden Menschen wahrgenommen und wann kam die Reformation ins Heinsberger Land und nach Geilenkirchen?

Die Ausgangslage. Die Quellenlage ist nicht allzu ergiebig, dennoch lässt sich von den Vorgängen ein recht klares Bild zeichnen. Offenbar wurde die Kritik Luthers am Ablasshandel zunächst eher unbefangen aufgenommen. Denn am Niederrhein bestand schon seit Jahrzehnten eine katholische Reformbewegung, die vor allem unter dem Einfluss Thomas von Kempens entstanden war.

Sein Erbauungsbuch „Von der Nachfolge Christi“ führte zur Gründung der Laienbewegung „Devotio moderna“, die in den Niederlanden entstand, sich aber auch im Rheinland ausbreitete. Die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ wandten sich gegen eine veräußerlichte Frömmigkeit und strebten nach einem konsequent christlichen Leben, womit sie nicht wenige Gedanken Luthers vorweg nahmen.

Auch scheinen die Missstände in der katholischen Kirche am Niederrhein nicht so gravierend wie andernorts gewesen zu sein. Während Luthers neue Lehre in vielen Gegenden auf fruchtbaren Boden fiel und rasche Verbreitung fand, war dies in unserer Region zunächst nicht der Fall. Luthers Freund und Mitarbeiter Philipp Melanchthon vermerkte in einem Schreiben, dass die Bewohner des Niederrheins sich nicht so leicht von ihrer alten Weise abtreiben ließen und dass die Macht der alten Kirche noch gewaltig sei.

Erste Interventionen. Erst am 3. Juli 1525 erließ der regierende Landesfürst Herzog Johann III. von Jülich eine Verordnung folgenden Inhaltes: „Die Geistlichen sollen auf den Kanzeln verkünden, dass die Schriften und Lehren des Martin Luther und seines Anhanges eitel, falsch und Ketzerei seien, dass wir sie niemals in unseren Landen gestatten wollen.“ Außerdem wurden die Amtsmänner des Herzogtums angewiesen, die Anhänger Luthers zu verhaften, „um sie an Leib und Gut zu strafen“.

Es ist sicher kein Zufall, dass um diese Zeit erstmals eine protestantische Gemeinde in Randerath nachzuweisen ist. Sie entstand vermutlich unter dem Einfluss der „Wassenberger Prädikanten“, eine Gruppe reformatorisch gesinnter Geistlicher, die anfangs die Lehre Luthers vertrat, aber nach 1530 zu der noch radikaleren Sekte der Wiedertäufer überlief. Sie stand unter dem Schutz Werner von Palants, der als Vogt von Wassenberg Statthalter des Herzogs war und mit der Reformation sympathisierte. So wurden Luthers Gedanken um Heinsberg bekannt.

Der große Redner Campanus. Durch besondere Rednergabe zeichnete sich der Prediger Johannes Campanus aus, nach dem heute in Wassenberg eine Straße und ein evangelisches Jugendzentrum benannt sind. Noch lange war im Heinsberger Land die Redensart geläufig: „Dee kallt so völl wie Campan!“ Das Eingreifen von oben ließ nicht lange auf sich warten: Der Vogt von Wassenberg wurde zum Rücktritt genötigt, die Prediger verjagt und eine heftige Verfolgung, vor allem der Wiedertäufer, setzte ein.

1536 wurde ein Heinrich Guliger aus Teveren als Täufer-Anhänger mit dem Schwert hingerichtet, die lutherischen Geistlichen Peter Fliesteden und Adolf Clarenbach, die auch im Herzogtum Jülich gepredigt hatten, wurden 1529 in Köln als Ketzer verbrannt. Sie gelten als die ersten Märtyrer der evangelischen Bewegung im Rheinland. Auch die meisten „Wassenberger Prädikanten“ endeten 1535 auf dem Scheiterhaufen.

Kampf um die Ideologie. Der Herzog von Jülich begnügte sich aber nicht mit Verboten und Strafmaßnahmen. Um den Anhängern der Reformation auch ideologisch das Wasser abzugraben, erließ er 1532 eine eigene Kirchenordnung, die unter dem Einfluss des berühmten Erasmus von Rotterdam entstanden war. Ziel war eine geordnete Kirchenreform, wobei jedoch die katholische Lehre beibehalten und nur die bestehenden Missstände beseitigt werden sollten.

Zu diesem Zwecke wurde – trotz der Proteste des Erzbischofs von Köln – im Jahre 1533 in Pfarren des Herzogtums eine Visitation durchgeführt. Aus dem Bericht über die Pfarre in Geilenkirchen geht hervor, dass dort offenbar kein reformatorisches Gedankengut zu finden war. Zwar gab es Missstände – beispielsweise hatte sich in Teveren ein Vikar mit einer jungen Frau eingelassen und ein Kind gezeugt – aber dies erregte offenbar keinen großen Anstoß in der Bevölkerung.

Auch in Heinsberg scheint man noch der alten Kirche treu geblieben zu sein. Es wird zwar mitgeteilt, dass einmal ein Prädikant dort erschienen sei, aber „er sei von den Frauen beinahe zu Tode geprügelt worden“. Erst 1539, also im Todesjahr von Herzog Johann III., ist für Heinsberg die Existenz einer kleinen evangelischen Gemeinde belegt. Sie schloss sich mit Sittard zusammen und wurde von einem Geistlichen namens Peter Chimärrus betreut.

Anschluss an den Calvinismus. Zu dieser Zeit war es innerhalb der evangelischen Bewegung bereits zu einer Spaltung gekommen. Während die Lehre Martin Luthers vor allem in Nord- und Mitteldeutschland richtungsweisend wurde, schlossen sich die Protestanten in Frankreich und den Beneluxländern dem Genfer Reformator Jean Calvin und dem Schweizer Ulrich Zwingli an.

Beide stimmten zwar in vielen theologischen Punkten mit Luther überein, vertraten aber beispielsweise eine andere Abendmahlslehre: Während Luther an der leiblichen Gegenwart Christi in Brot und Wein festhielt, reduzierte der Calvinismus die Mahlfeier auf einen Gedächtnisritus, der nur symbolhaft an den Opfertod Jesu erinnerte. Auch schufen die Calvinisten „Gemeinderepubliken“ und führten strenge Kirchenzucht ein.

Die rheinischen Protestanten schlossen sich zunehmend dieser calvinistischen Richtung an. Zur Unterscheidung von den Lutheranern bezeichneten sich die Anhänger von Calvin und Zwingli als evangelisch-reformierte Christen.

Das Volk wird protestantisch. Der neue Jülicher Herzog Wilhelm V. (reg. 1539 bis 1592) zeigte sich in religiösen Fragen toleranter als sein Vorgänger. Zwar blieb er beim katholischen Glauben, war aber zu Konzessionen bereit – in der Hoffnung, so eine weitere Ausbreitung der reformatorischen Ideen stoppen zu können. So gestattete er in seinem Herrschaftsgebiet den Laienkelch (die Kommunion in beiderlei Gestalt) und plädierte für die Zulassung der Priesterehe, was freilich vom katholischen Klerus abgelehnt wurde.

Die Rechnung des Herzogs ging jedoch nicht auf, vielmehr nahm der Abfall vom alten Glauben jetzt bedrohliche Formen an: In Millen, Heinsberg, Wassenberg und Hückelhoven war bald die Mehrheit der Bevölkerung protestantisch gesinnt, im mittlerweile fast komplett evangelischen Dremmen nutzten die Pfarrer neben der Bibel nur noch reformatorische Literatur. Aber 1543 wendete sich das Blatt wieder, als der Herzog von Jülich in den Gelderner Erbfolgestreit verwickelt wurde.

Schließlich marschierte Kaiser Karl V. mit einem starken Heer ins Rheinland ein. Geilenkirchen und seine Nachbarorte Gillrath, Beggendorf, Immendorf und Waurichen wurden geplündert und gebrandschatzt, Herzog Wilhelm musste sich im Frieden von Venlo dem Kaiser unterwerfen. Außerdem musste er schwören, der katholischen Kirche treu zu bleiben und keine Abweichungen vom „wahren Glauben“ mehr zu dulden.

Die Gegenreformation. Damit begann im Rheinland die Gegenreformation: Alle Zugeständnisse wurden rückgängig gemacht und eine große Rekatholisierungsaktion setzte ein. Für Protestanten, die nicht bekehrungswillig waren, bedeutete dies erneut eine Zeit der Unterdrückung und Repression. Zwar konnten die deutschen Fürsten im Augsburger Religionsfrieden (1555) die Duldung der evangelischen Konfession durchsetzen. Dies betraf aber nur das lutherische Bekenntnis – der Calvinismus blieb eine illegale Sekte.

Somit konnten die Protestanten im Raum Heinsberg ihre Gottesdienste, Bibeltreffen und sonstigen Versammlungen nur heimlich in Scheunen oder Privatwohnungen abhalten. Ein kleines Wäldchen bei Ratheim diente ebenfalls als geheimer Treffpunkt, es hieß später im Volksmund „An der Campanus-Eiche“.

Wer bei solchen Zusammenkünften erwischt wurde, musste mit Kerkerhaft, Landesverweisung und zuweilen auch mit der Todesstrafe rechnen. Auch Adelige kamen nicht ungeschoren davon: 1560 wurde der Junker Mülstroe wegen Beherbergung des Predigers Campanus zu einer hohen Geldbuße verurteilt. Ein Teil seines Besitzes, die Grasweide bei Millich mit immerhin 56 Morgen Land, wurde gepfändet.

Neuer Aufwind. Erst der Beginn des niederländischen Freiheitskampfes, der 1579 zur Union von Utrecht und 1581 zur Unabhängigkeitserklärung der nördlichen Niederlande führte, bedeutete auch im Rheinland für die evangelische Sache neuen Aufwind – zumal der Calvinismus im benachbarten Holland jetzt Staatsreligion war.

Im Jahre 1572 konnte in Randerath erstmals eine Synode abgehalten werden. 1586 wurde bei einer Synode in Aachen „Peter Kremer aus Geilenkirchen“ als Teilnehmer erwähnt – der erste klare Hinweis, dass nunmehr auch hier die evangelisch-reformierte Lehre Fuß gefasst hatte.

Als älteste Urkunde der protestantischen Gemeinde Geilenkirchen-Hünshoven gilt die Schenkung eines Begräbnisplatzes aus dem Jahre 1607. Drei Jahre später wird Engelbert Breber als erster Prediger genannt. Zum Einzugsbereich der Gemeinde gehörte auch das heutige Übach-Palenberg.

Einen Sonderfall stellt das Dorf Schwanenberg bei Erkelenz dar, das zur reichsunmittelbaren Herrschaft der Adelsfamilie Quadt von Wickrath gehörte, die schon lange der Reformation sehr wohlwollend gegenüberstand. Um 1570 traten die Dorfbewohner geschlossen zum evangelisch-reformierten Glauben über. Noch heute gehört Schwanenberg zu den wenigen Ortschaften im Rheinland, die eine evangelische Bevölkerungsmehrheit besitzen.

Das Ende der Eiszeit. Im Jahr 1609 endete die jahrzehntelange Eiszeit für die reformierten Christen in unserer Region. Nach dem Aussterben der Jülicher Herzöge wurde der Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg zum neuen Landesherrn im Heinsberger Land. Er verkündete sofort Religionsfreiheit am Niederrhein.

Zwar blieb die Bevölkerung weitgehend katholisch, aber auch die Protestanten konnten fortan ungestört ihren Glauben praktizieren. Allerdings begann schon ein Jahrzehnt später der 30-jährige Krieg, der wieder unsägliche Not, Zerstörung und Pestseuchen brachte und die Bevölkerung stark dezimierte.

Der Westfälische Friede von 1648 beendete nicht nur ein jahrzehntelanges Gemetzel, sondern auch die Gegenreformation. Die konfessionelle Verteilung in Deutschland wurde auf dem Stand von 1624 festgeschrieben, der Calvinismus als Religion anerkannt.

Weitere Schikanen. Die Ausübung des reformierten Bekenntnisses blieb in vorwiegend katholischen Regionen allerdings mit Einschränkungen verbunden. So gab es für den Bau der Kirchen hierzulande besondere Vorschriften: Sie durften sich nicht von normalen Häusern unterscheiden und keine Türme haben. In diesem Sinne wurde 1686/87 die evangelische Kirche in Teveren erbaut.

Sie gilt als eine der ältesten im Rheinland. Schon 1683 wurde die „Hofkirche“ in Lövenich errichtet. Sie ist von der Straße aus kaum erkennbar und kann nur durch die Toreinfahrt eines Bauernhauses betreten werden (daher der Name). Ein ähnliches Gebäude befindet sich in Wassenberg.

Um 1680 wurde auch in Randerath mit dem Bau einer reformierten Kirche begonnen. Nachdem diese durch einen Großbrand zerstört worden war, entstand 1717/1718 die heutige Kirche als schlichter und doch eindrucksvoller Saalbau. Der Turm wurde erst später hinzugefügt. In Hünshoven konnte 1720 ein Bethaus erworben werden, dem auch eine Wohnung für den Geistlichen angeschlossen war. Erst 1865 erfolgte hier der Bau der Kirche an der Konrad-Adenauer-Straße.

Der Weg geht weiter. Zwar war jetzt auf dem Papier die religiöse Toleranz garantiert, aber in der Praxis war das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten noch lange von gegenseitigem Misstrauen und Vorurteilen geprägt. Erst allmählich entwickelte sich eine friedliche Koexistenz. Immerhin wird noch aus der Zeit um 1890 berichtet, dass in Teveren alte Frauen sich bekreuzigten, wenn sie dem Superintendenten auf der Straße begegneten.

Erst das Zweite Vatikanische Konzil und die ökumenische Bewegung haben eine brüderlich-nachbarschaftliche Beziehung zwischen beiden Konfessionen geschaffen. Bis zum Erreichen des Fernziels – eine Rückkehr zur Einheit im Glauben – ist der Weg allerdings noch weit.

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