„Wer überlebt, muss seelisch gesunden“

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Das ist Herr Ebraheem. Er möchte lieber nicht allzu leicht erkennbar sein, aber ein von seinem Smartphone abfotografiertes Bild geht in Ordnung. Foto: Kilian Brandt
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Herr Ebraheem (links) im Arbeitszimmer von Heiner Coenen. Vor den beiden liegen Pass, Universitätsabschluss, Aufnahmebescheinigung und Smartphone. „Seine vier Lebensadern“, sagt Coenen. Foto: Kilian Brandt
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Herr Ebraheem zeigt Heiner Coenen auf einer Landkarte den Weg, auf dem er von Syrien nach Lindern kam. Foto: Kilian Brandt

Geilenkirchen-Lindern. Sein voller Name soll lieber nicht in der Zeitung stehen, die Angst vor den syrischen Geheimdiensten ist ein steter Begleiter. Der Nachname lautet Ebraheem, das muss für das Interview reichen. Herr Ebraheem also lebt seit einigen Monaten in Lindern, dort hat er Bekanntschaft gemacht mit unserem Gastautor Heiner Coenen, der Herrn Ebraheem mittlerweile scherzhaft als eines seiner beiden „syrischen Patenkinder“ bezeichnet. Die beiden haben ein „Gespräch im Maschinenraum der Zuwanderung“ geführt, wie Coenen es selbst bezeichnet.

Herr Ebraheem, wer sind Sie, wo kommen Sie her, was bringen Sie mit?

Ebraheem: Ich komme aus Latakia im Nord-Westen Syriens, bin 26 Jahre alt und habe einen Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften, genauer Business Management.

Gab es mit dieser Qualifikation für Sie keine andere Möglichkeit, als den langen beschwerlichen Weg bis Deutschland auf sich zu nehmen?

Ebraheem: Das habe ich natürlich versucht. Ich wollte möglichst in der Nähe meines Heimatlandes bleiben und hatte schließlich sogar im Januar 2015 ein Visum für Dubai. Ich bin dort hin, hatte sofort positive Kontakte mit großen Firmen, erhielt Angebote für gut bezahlte Tätigkeiten, aber es ist mir nicht gelungen, mein Touristenvisum in ein Arbeitsvisum umgewandelt zu bekommen. Syrer bekommen kein Arbeitsvisum dort. Also musste ich weiter.

Warum sind Sie dann nicht nach Syrien zurückgekehrt?

Ebraheem: Eine Rückkehr nach Syrien ist im Moment undenkbar. Strukturen, wenn überhaupt noch vorhanden, zerfallen dramatisch schnell. Alle möglichen Gruppen kämpfen gegeneinander, Menschen aus der Region oder Ausländer, die aus den verschiedensten Gründen den Krieg lieben. Bisher gibt es fast 300 000 Tote dort. Diese vielen Opfer sind eine humanitäre Katastrophe. Und an eine normale bürgerliche Zukunft, mit Beruf, Familie usw. ist nicht zu denken. Es gibt Keine Perspektive für niemanden.

Wie ging es weiter?

Ebraheem: Ende Oktober flog ich von Dubai nach Istanbul. Von Istanbul aus gelangte ich mit dem Bus nach Izmir. Dort hat die türkische Mafia ihr Schlepper-Geschäftsmodell. Einer der gefährlichsten Plätze der Welt, weil ja klar ist, dass die, die eine Überfahrt über das Mittelmeer „buchen“ wollen, fast immer Bargeld mit sich führen, und dann ist der Schritt zum Überfall oder Raub von den entsprechenden Typen schnell gemacht.

Wie haben Sie diese Gefahr bewältigt?

Ebraheem: Es gibt heute ja sehr moderne Techniken. Um es kurz zu machen: Die Anbieter bekamen von mir einen Code, mit dem sie meine Zahlung über die Bank in dem Moment aktivieren konnten, in dem das Boot losfuhr. Diese Leute konnten sich darauf einlassen, denn bis zum Anlanden waren wir in ihrer Gewalt. So gelangten wir zur griechischen Insel Lesbos, von da aus ging es nach Athen.

Dann ist es aber noch weit bis Deutschland!

Ebraheem: Oh ja!, sehr weit, und sehr hart. Ich habe im Prinzip die ganze Strecke von Griechenland aus über Mazedonien, Serbien und Österreich im Zug zurückgelegt. Aber eigentlich ist das so viel zu schwach beschrieben. Man weiß ja aus den Massenmedien, dass diese Transporte mit normalen Zugreisen nichts gemein haben. Die Züge sind hoffnungslos vollgestopft mit Menschen aller Altersgruppen. Manchmal habe ich zehn, fünfzehn Stunden mit anderen völlig ohne Bewegungsfreiheit in Abteilen oder Fluren gehockt. Das war sogar für mich als jungen, gesunden Mann eine Tortur. Alles lief völlig chaotisch ab, nicht selten haben wir draußen irgendwo campiert. Kleine Kinder weinten ständig, völlig traumatisiert.

Wie war die Ankunft in Deutschland?

Ebraheem: Am 11. November 2015 kamen wir in Köln an. Nach drei weiteren Tagen in Dortmund ging es für etwa vier Wochen bis Mitte Dezember in ein Aufnahmelager in Wesel. Neue Container, für jeden als Ausstattung nur ein Bett, nichts Abschließbares. Das wäre kein Luxus für uns gewesen, sondern eine Notwendigkeit. Beispiel: Als am Ende des Aufenthaltes dort alle zu medizinischen Untersuchung mussten und das Lager schon fast leer war, wurde ich plötzlich vom Flur in ein Zimmer gezerrt, und von fünf bis sechs Männern aus einem Land, das ich hier nicht benennen möchte, genötigt, meinen syrischen Pass herauszugeben. Irgendwie gelang es mir dann – mit meinem Pass! – zu entkommen. Eine richtig gefährliche Situation. Die Lage in den Aufnahmelagern ist oft unmenschlich.

Und dann kamen Sie nach Geilenkirchen?

Ebraheem: Ja, Mitte Dezember 2015. Und das war der absolute Wendepunkt. Schon auf dem Sozialamt der Stadt Geilenkirchen wurde ich freundlich behandelt. Als wir dann gerade die uns von der Stadt zugewiesene Unterkunft bezogen hatten, meldeten sich sofort Menschen aus Lindern, verschafften sich einen Eindruck von unseren noch ziemlich leeren Wohnungen, schleppten am nächsten Tag persönlich gute Stühle und anderes herbei, organisierten einen Fernsehapparat, damit wir uns sofort der deutschen Sprache „aussetzen“ konnten, und so weiter. Das Allerwichtigste war, dass wir noch vor Weihnachten von Lindernern bei einem mehr als 300 Stunden umfassenden Deutsch-Kurs in Heinsberg angemeldet wurden. Dort fahren wir jetzt immer mit dem Zug hin, die Unterrichtsdauer ist täglich von 9 bis 13 Uhr. Unser Tag hat jetzt eine Struktur, und zwar eine sehr gute, denn Sprache ist der Schlüssel zu allem anderen.

Wie ist der Kontakt im Ort?

Ebraheem: Großartig. Ich habe ja schon einiges beschrieben, aber man nahm uns Weihnachten zum Beispiel gleich mit in die Christmette. Mein Gott, hat das gut getan. Beten, Singen. Wir konnten langsam zur Ruhe kommen. Diese fürchterliche Kämpfe in Syrien und anderen versagenden, sich auflösenden Staaten – sogenannte failing states – töten nicht nur Menschen, sondern auch Seelen. Wer also überlebt, muss erst einmal seelisch gesunden.

Jetzt wird es religiös. Welche Rolle spielt die Religion, die Religionen in Syrien und in diesem Konflikt?

Ebraheem: Syrien war ein säkularer Staat, in dem Punkt durchaus vergleichbar mit Deutschland. Viele Religionen konnten dort praktiziert werden, das war Privatsache. Dass jetzt Killer mit vorgeblich religiösen Gründen in Syrien morden, ist besonders zynisch. Dass wir jetzt hier wieder Menschrechte genießen dürfen und uns nicht ständig bedroht sehen, macht uns sehr dankbar.

In der deutschen Gesellschaft sind selbstverständlich alle Menschen gleich, das besagt unser Grundgesetz. Wie kann es sein, dass sich nach dem Silvesterabend in Köln hier viele Frauen bedroht sehen?

Ebraheem: Die Vorgänge in Köln und woanders sind nicht entschuldbar. Viele Freunde von mir in Köln haben sich in der Zeit danach mit Blumen und anderen Aktionen bei Frauen entschuldigt, sozusagen stellvertretend für die Täter. Alle, die nach hier kommen, und das ja auch immer gerne laut betonen, müssen sich ganz schnell an die hiesigen Standards von Gleichberechtigung gewöhnen, sonst sind sie hier falsch.

Möchten Sie noch etwas Abschließend sagen?

Ebraheem: Danke, Geilenkirchen, für alles! Den deutschen Behörden wünsche ich, dass sie schnell wieder Herr des Handelns, werden, das heißt deutsche Gesetzte auch um- und durchsetzen. Uns Zuwanderern, soweit wir wirklich Flüchtlinge sind, also vor tödlicher Gefahr fliehen mussten, wünsche ich, dass wir ganz schnell in geordnete Verfahren kommen, uns ganz schnell qualifizieren – Sprache! – und integrieren. Und wenn es besonders gut läuft, können wir uns eines Tages entscheiden ob wir als erfolgreiche Mitglieder der deutschen Gesellschaft hier bleiben, oder in unsere Heimat zurückkehren, um sie wieder aufzubauen. Im Moment ist das Letztere aber leider noch nicht abzusehen.

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