Wenn Schach eine Familie zusammenbringt

Von: Naima Wolfsperger
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Die Dame blockiert: „In der Mitte des Schachfelds kann der Gegner kaum etwas gegen sie machen“, sagt Julian Knauf. Der Sechsjährige spielt regelmäßig Schach. Foto: Naima Wolfsperger
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Gibt abends seine Züge in den Computer ein und lässt sich Alternativen berechnen: Manfred Boeven, 82 Jahre alt. Foto: Naima Wolfsperger

Geilenkirchen. Die Dame ist seine Lieblingsfigur. Mit ihr und dem Turm schlägt Julian Knaus immer seine Mutter auf dem Schachbrett. Bei einer Freundin hat der Sechsjährige gesehen, wie ihr Bruder Schach auf dem Tablet spielte. „Das fand ich spannend.“ Danach meldeten ihn seine Eltern bei den Schachfreunden Geilenkirchen an.

Seit einem Jahr schiebt er jetzt regelmäßig Schachfiguren hin und her. Auch wenn er nicht immer gewinnt, macht das Spiel ihm Spaß. „Weil man die Figuren anfassen kann. Das ist nicht wie ein Computerspiel“, sagt er. Es gibt immer neue Gegner, man muss immer gut aufpassen „und man weiß nie, was passieren wird“.

Bei der Frage nach seiner Lieblingsschachfigur kann sich Manfred Boeven das Lachen nicht verkneifen. „Figuren werden beim Schach zu Zügen.“ Der 82-Jährige ist Gründungsmitglied der Schachfreunde. 1984 gab es in Geilenkirchen keinen eigenen Verein, und Boeven ist immer nach Stolberg gefahren, um zu spielen. Und das nicht ohne Erfolg. Er spielte damals in der Oberliga.

Auch heute noch nimmt er sich die Zeit und reist für Schachturniere durch Deutschland. „Im kommenden Jahr ist die Deutsche Meisterschaft in Berlin.“ Bisher ist er immer mit dem Auto gefahren. Aber im Schach fühlt er sich inzwischen sicherer als auf der Straße, „so lange Strecken werden dann doch langsam problematisch.“

Was den geübten Könner und den sechsjährigen Jungen vereint, ist der Kellerraum der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen. Dort finden freitags die Treffen der Schachfreunde statt. Und auch Boeven mag das Spiel, weil es unberechenbar ist.

In jungen Jahren fand er es aber auch spannend, weil Schach vor allem in Kneipen gespielt wurde. „In den 50er Jahren durfte ich da sonst nicht rein. Es gab kein Fernsehen, und die Möglichkeiten, sich zu amüsieren, waren eingeschränkt.“ Da war Schach eine Eintrittskarte in sonst verbotene Lokale und eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Inzwischen merkt Boeven sich die Schachzüge seiner Spiele und gibt sie abends in den Computer ein. „Der Rechner zeigt mir dann auf, was ich noch an alternativen Zügen hätte machen können.“ Boeven lacht. „Da sind Sachen dabei, an die hätte ich niemals gedacht. Man kann sich ganz schön doof vorkommen neben der Maschine.“ Schach gegen den Computer sei inzwischen nicht mehr zu gewinnen.

Rechnen muss man nicht können. „Matheverständnis ist keine Voraussetzung für Erfolg in dem Spiel – das sieht man an mir!“ Boeven hat auch keine ausgeklügelten Taktiken auswendig gelernt. „Viel beim Schach ist Intuition.“ Ein Satz, der mit der gängigen Meinung vieler Laien über das Spiel nun wirklich nicht vereinbar ist.

Boeven hat Deutsch und Geschichte studiert. Er startet gerne mit einem Damenbauerspiel in seine Partien. D2 auf D4, ohne, dass der zweite Bauer auf C4 folgt. Zur schützenden Hand für den ersten Bauern wird das Pferd: B1 geht auf C4. „Da steckt kein Hexenwerk dahinter, sondern die Idee, dass die gängigsten Taktiken des Gegners bei dieser Eröffnung nicht zum Tragen kommen.“ Die Eröffnung ist nach ihrem Erfinder Weressow benannt. „Der Rest des Spieles ergibt sich dann.“

Über eine angemessene Eröffnung nachzudenken, ist dem kleinen Julian noch zu weit weg. Er freut sich, wenn er weiß, wie er den König des Gegners mit seinem König und dem Turm matt setzen kann. „Man muss ihn immer an den Rand drängen. Dann hat er keine Fluchtmöglichkeit mehr.“ Und auch wenn ihm die Dame die liebste Figur ist, weiß er die Bauern zu schätzen. „Sie können sonst nix, aber die Dame zurückholen, das geht!“

Sein Vater bringt Julian meistens zum wöchentlichen Spieltreffen des Vereins. Er hat zugesehen und auch ein bisschen mitgespielt. Gegen ihn kann der Sechsjährige inzwischen nicht mehr so leicht gewinnen. Und schon gar nicht gegen seinen Opa. Das Spiel bringt die Familie Knaus an einen Tisch. Und der Verein der Schachfreunde Julian und seine Altersgenossen. Einige von ihnen spielen auf Regionalliganiveau. Weil es aber für die erste Mannschaft nicht genügend Spieler gibt, wurden die erste und die zweite Mannschaft zusammengelegt, sagt Vereinsvorsitzender Andreas Gageik.

Die Schachfreunde sind regelrecht ein Familienbetrieb. Gageik kümmert sich um die Organisation. Seine Tochter betreut die Nachwuchsspieler. Und auch wenn die einende Kraft des Schach in Geilenkirchen die Familie zusammenbringt, würde er sich Unterstützung wünschen.

Derzeit hat der Verein etwa 25 Mitglieder. Zehn davon sind Kinder und Jugendliche. An Nachwuchs mangelt es also nicht. Auch weil Gageik und weitere Vereinsmitglieder sich direkt an die Schulen gewandt haben, um Werbung für ihr Hobby zu machen. „Probleme gibt es eher, wenn die Jugendlichen größer werden, einen Nebenjob haben oder zum Studieren in eine andere Stadt ziehen.“

Die Erwachsenen bei den Schachfreunden sind in der Regel in einem Alter ab 50 Jahre aufwärts. Mit Arbeit und Familie seien sie meist gut eingespannt, so dass kaum Zeit bleibe, um Vereinsarbeit zu übernehmen. „Aber so ganz allein ist es eben doch viel“, sagt Gageik und betont seinen Wunsch auf engagierte Spieler, die ihn und die Schachfreunde unterstützen wollen.

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