Geilenkirchen - Wenn‘s nicht läuft, hilft der Hufschmied

Wenn‘s nicht läuft, hilft der Hufschmied

Von: Laura Laermann
Letzte Aktualisierung:
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Mit Hammer und Nagel beschlägt Hufschmied Martin Boenig die Hufe von Vicky. Das Pony steht mit seinen Vorderhufen nun auf 1,5 Zentimeter hohen Kunststoffbeschlägen. Foto: Laura Laermann
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Vom deutschen Reitpony bis zum Shirehorse: Für jedes Pferd gibt es die passende Hufgröße. Foto: Laura Laermann

Geilenkirchen. Langsam verschwinden die Nägel im Huf des Ponys. Noch ein paar kräftige Schläge mit dem Hammer und die neuen „Kunststoff-Hufeisen“ sitzen wie angegossen. Was schmerzhaft aussieht, ist für Pony Vicky am Ende eine Wohltat. Ihr „Wohltäter“ ist Martin Boenig. Der 38-Jährige ist seit 16 Jahren Hufschmied und im gesamten Kreis Heinsberg unterwegs.

Mit seiner mobilen Werkstatt fährt er von Hof zu Hof und beschlägt Pferde jeder Rasse und Größe. Wenn Boenig von Shire Horses mit einem Stockmaß von über zwei Metern spricht, ist Vicky dagegen ein kleiner Kandidat. Auf dem Gut Muthagen in Geilenkirchen scheint das Pony Schmerzen zu haben, wenn es barhuf unterwegs ist. Zumindest sucht es sich beim Spaziergang mit Besitzerin Frederike Fischer weiche Untergründe und meidet Asphalt oder Schotterwege. Grund für die Hufprobleme ist, dass der Abrieb der Hufe größer ist als das Wachstum. Die neuen Kunststoff-Beschläge sollen nun Schutz bieten.

„Für Vicky ist es vermutlich der erste Beschlag“, sagt Fischer, die das Pony erst im Erwachsenenalter bekommen hat. Da es zum Wegrutschen neigt, hat sich Boenig gegen das klassische Hufeisen entschieden und stattdessen Kunststoffbeschläge gewählt. Diese hätten ähnlich wie ein Schuh ein Profil und seien zudem stoßdämpfender, erklärt der Hufschmied.

Das Beschlagen des Ponys ist für Boenig Routine. Zudem macht Vicky es dem Hufschmied leicht: Ganz ruhig bleibt sie stehen, ohne Gegenwehr. „Nicht jedes Pferd lässt sich das gefallen“, sagt er. In einem Fall war ein Haflinger nicht gut auf Boenig zu sprechen. Er schmiss die Beine hoch und trat um sich. Für den Hufschmied war sofort klar: „Da gehe ich nicht ran.“ Mit einem Kollegen, der das gleiche Problem bei einem anderen Pferd hatte, tauschte er dann.

Den ein oder anderen Tritt hat Martin Boenig bei seiner Arbeit schon abbekommen. Er kam immer mit ordentlich blauen Flecken davon, kennt aber auch Geschichten von zerschmetterten Knien und sogar Todesfällen. „Mich hat bis jetzt noch kein Pferd ins Krankenhaus gebracht“, sagt er. Zum Schutz vor Tritten, aber auch vor scharfen Werkzeugen trägt der Hufschmied eine Beschlag-Schürze über den Beinen. Zudem bietet sie Polsterung für die Knie, auf denen er einen großen Teil seiner Arbeit verrichtet.

Sobald der Schmied beurteilt hat, wie das Pferd läuft und steht, kann er mit dem Ausschneiden des Hufes eine Fehlstellung korrigieren. So kann es sein, dass ein Pferd nach innen oder nach außen knickt oder X-Beine hat. Auch könnte ein Pferd lahmen, weil sein Hufknorpel verknöchert ist. Reicht die Korrektur direkt am Huf nicht aus, können Hufeisen helfen.

Um das klassische Hufeisen an den Huf des Pferdes anzupassen, bringt der Schmied es in einem Ofen bei 1000 Grad Celsius zum Glühen. Auf einem Amboss bringt er das Hufeisen mit Zange und Hammer in die richtige Form. Mit einem Schleifgerät kann das Hufeisen weiter angepasst werden, um Schwachstellen im Huf oder Bein auszugleichen. Erst wenn das Hufeisen genau passt, wird es auf den Huf des Pferdes genagelt. Dabei orientiert sich der Schmied an der weißen Linie im Huf, die die Hufwand von der empfindlichen Hufsohle trennt.

Kooperationspartner Tierarzt

Die Zusammenarbeit mit Tierärzten ist dabei wichtig, sagt Martin Boenig. Zum Beispiel bei einem Sehnenschaden muss der Hufschmied mit dem Arzt absprechen, was das richtige orthopädische Mittel für das Pferd sein könnte.

Martin Boenig ist mit Pferden aufgewachsen. Für ihn war immer klar: Sie sollen Teil seines Berufs sein. Gleichzeitig hatte er einen Hang zu handwerklichen Tätigkeiten, und so war der Beruf des Hufschmiedes die richtige Mischung aus beidem. Mit seinen 38 Jahren sei er momentan einer der jüngsten Hufschmiede im Kreis Heinsberg. Denn auch in diesem traditionellen Beruf fehlt der Nachwuchs. Dabei habe man als Hufschmied gute Zukunftschancen, sagt Jan Gerd Rhenius vom Ersten Deutschen Hufbeschlagschmiede Verband (EDHV). „Die Zahl der Hufbeschlagbetriebe bleibt konstant. Denn an Aufträgen mangelt es nicht. Pferde gibt es genug.“ Eher seien die Hufschmiede sogar überlastet, sagt Rhenius.

Um den Einstieg in den Beruf zu erleichtern, wurden die Bedingungen verändert: Eine Ausbildung im Metallbau ist nicht mehr zwingend notwendig. Jeder, der eine abgeschlossene Ausbildung hat, kann den Beruf des Hufschmiedes noch in einer zweijährigen Weiterbildung in einem Betrieb erlernen. Allerdings musste der Hufschmied-Betrieb dem Berufsanfänger, der noch nicht selbstständig arbeiten kann, bislang Mindestlohn zahlen. „Das ist für viele Betriebe abschreckend“, erklärt Rhenius. Daher konnte der EDHV für seine Mitglieder erreichen, dass das Mindestlohngesetz nicht greift, wenn der Betrieb den Ausbildungscharakter vertraglich und faktisch nachweisen kann.

Ein Ausbildungsgehalt wiederum wird für Berufsanwärter, die bereits eine abgeschlossene Ausbildung haben, wenig attraktiv sein. Martin Boenig sieht nur eine Lösung: „Hufschmied muss wieder ein Lehrberuf werden.“

Warum es keinen Nachwuchs gibt, weiß Boenig nicht. Ihm wird jedenfalls nie langweilig. 2015 hat er gemeinsam mit einigen anderen Hufschmieden aus Deutschland aus 12.000 Hufeisen das Brandenburger Tor nachgebaut und damit einen Weltrekord geschafft.

Doch auch abseits von Experimenten wie diesen ist er überzeugt von seinem Job als Hufschmied. Denn nicht jedes Pferd ist so pflegeleicht wie Vicky. Dann wird der Alltag auch schon mal zur Herausforderung.

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