Wenn „Kirche“ auf die Straße geht

Von: Johannes Gottwald
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Die Monstranz, in der eine geweihte Hostie aufbewahrt wird, ist oft sehr prunkvoll ausgestaltet. Hier das neugotische Kunstwerk aus dem 19. Jahrhundert in der Settericher Kirche St. Andreas. Foto: Gottwald

Geilenkirchen/Übach-Palenberg. Zehn Tage nach dem Pfingstfest gibt es einen Donnerstag, der in den Kalendern rot markiert ist – Fronleichnam. Während Pfingsten eine eher stille und besinnliche Freude ausstrahlt, trotz Sturm und Feuerzungen in der Bibel, scheint die katholische Kirche an Fronleichnam ihre ganze äußere Pracht demonstrieren zu wollen.

Nur an diesem Tag verlässt die Gemeinde das Kirchengebäude und begibt sich in Form einer Prozession auf die Straße. Nicht selten wird auch die ganze Messe im Freien abgehalten und anschließend das Allerheiligste – eine große geweihte Hostie in einer prächtigen Monstranz – vom Priester durch die Straßen getragen, wobei oft Blumen auf den Zugweg gestreut werden. Dazu erklingen von Bläsern begleitete Choräle, und an Stationsaltären wird haltgemacht und der sakramentale Segen gespendet.

Halt an den Altären

Auch in Geilenkirchen und Übach-Palenberg finden am diesem 19. Juni Festmessen statt mit anschließender Prozession. Seit der Fusion der Gemeinden zu Großpfarren sind es meist zentrale Veranstaltungen, früher hatte fast jede einzelne Gemeinde ihre eigene Feier mit Gang durch den Ort. In Geilenkirchen wird die Messfeier in St. Johann (Hünshoven) beginnen. Der Prozessionsweg führt danach zunächst zum Hof der Familie Latten an der Straße nach Übach-Palenberg. Ein weiterer Stationsaltar befindet sich an der Kirche St. Marien. Der abschließende Segen wird am Franziskus-Heim erteilt. Danach ist Umtrunk, und es gibt eine gemeinsame Mittagssuppe.

In Übach-Palenberg beginnt man zunächst mit einer Messe in der St.-Dionysius-Kirche in Übach und zieht dann hinüber nach Boscheln. Der letzte Segen wird in der Kirche St. Fidelis an der Roermonder Straße gespendet.

Im Unterschied zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten gehört Fronleichnam zu den „jüngeren“ Kirchenfesten, die erst im hohen Mittelalter entstanden. Seinen Ursprung hat es in der belgischen Stadt Lüttich, wo im Jahr 1209 die Augustiner-Nonne Juliana (die später heilig gesprochen wurde) eine himmlische Vision hatte. Ihrem Bericht zufolge sah sie den Mond mit einem dunklen Fleck. Dann erschien ihr Christus und deutete dieses Bild als Hinweis, dass es noch kein besonderes Fest zur Feier des Altarsakramentes gäbe.

Viel konkreter als diese legendäre Überlieferung ist die Beziehung zum Dogma der „Transsubstantiation“, dass beim 4. Lateran-Konzil im Jahr 1215 formuliert wurde. Darin wurde festgelegt, dass bei der Konsekration von Brot und Wein in der Messe Christus leibhaftig gegenwärtig ist und auch eine dauerhafte Umwandlung in Leib und Blut Christi stattfindet. Natürlich kann man dabei nur von einer geistigen und keiner physikalischen Verwandlung sprechen – aber damit war der Weg frei zu einer besonderen Verehrung der geweihten Hostie, in der nach katholischer Lehre Gott selbst zugegen ist.

Im Mittelalter hatten Zeichen und Symbole für die Menschen noch größere Bedeutung als heute. So wurde das Fronleichnamsfest rasch populär und verbreitete sich in wenigen Jahrzehnten über weite Teile Europas. 1246 wurde es im Bistum Lüttich eingeführt, 1252 war es schon in den Niederlanden und in Westdeutschland vorgeschrieben, und 1264 ordnete Papst Urban IV. (der früher Erzdiakon in Lüttich war) an, dass Fronleichnam zehn Tage nach Pfingsten in der ganzen katholischen Christenheit gefeiert werden solle.

Hymnen für das Fest

Der Theologe Thomas von Aquin wurde beauftragt, die lateinischen Hymnen für das neue Fest zu schreiben. Dies tat er so vollendet, dass sie noch heute in deutscher Übersetzung gesungen werden. Beispiel: Aus „Lauda Sion salvatorem“ wurde „Deinem Heiland, deinem Lehrer“. Das Brauchtum der Prozession entwickelte sich erst später, in Köln fand sie nachweislich seit 1279 statt. In der Ostkirche setzte sich das Fest Fronleichnam dagegen nicht durch. Die Reformation lehnte die Verehrung der geweihten Hostie als „Götzendienst“ ab.

Die Prozession hat übrigens keinen Bezug zu Wallfahrten, sondern entstand ursprünglich aus dem liturgischen Tanz. Auch das Judentum kannte das Tanzen im Gottesdienst als Ausdruck besonderer Glaubensbegeisterung und religiöser Ekstase. Die Bibel überliefert sogar, dass König David vor der Bundeslade tanzte. In der katholischen Kirche, zumindest in Europa, ist davon nur noch das feierliche Schreiten im Festzug als Rudiment übrig geblieben, in anderen Kontinenten (Afrika, Lateinamerika) ist dagegen das Tanzen während der Messfeier keineswegs verpönt.

Gottesdienst in Rhythmen

Immerhin kennt man aber auch in Luxemburg die berühmte Echternacher Springprozession, die am Pfingstdienstag stattfindet.

Hier können auswärtige Besucher die erstaunliche Entdeckung machen, dass Gottesdienst und Bewegung zu Tanzrhythmen sehr wohl zueinander passen.

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