Wenn im Chor die Stimmen dünner werden

Von: Utz Schäzle
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Jung und Alt gemeinsam: Schön
Jung und Alt gemeinsam: Schöne - oder utopische - Aussichten, von denen viele Vereine nur träumen können, wenn man sich die aktuelle Situation einst starker Chöre in der Region vor Augen führt. Foto: Imago/Lutz Winkler

Heinsberg. Gewachsene Chöre kämpfen um Nachwuchs, neue Chöre haben hingegen Zulauf. Was passiert da? Ist der traditionelle Chorgesang am Ende? Oder ist es möglicherweise an der Zeit, sich Neuem zu öffnen? Liegt die Zukunft bei Fusionen? Wohin geht der Trend? Fragen wie diese treiben im Moment auch viele Chöre in unserer Region um. Der Versuch einer Annäherung.

In den 50er Jahren, in denen nach langer Abstinenz durch den Zweiten Weltkrieg ein rasanter Aufstieg bei den Chören begann, da war die Gesangswelt noch in Ordnung. Der Vater ging zum Singen in den Männergesangverein, bald danach folgte der Sohn. Kirchenchöre hatten enormen Zulauf, der bis in die 70er Jahre anhielt. Die Dirigenten der ersten Stunde waren teilweise immer noch „am Ruder”. In der Chorliteratur gab es kaum tiefgreifende Änderungen. In den 80ern konnten die Chöre landauf, landab noch aus dem Vollen schöpfen. Aber hätte da nicht schon die Nachwuchsarbeit einsetzen müssen?

Bei einem Männerchor im Nachbarort von Heinsberg waren 1990 noch 87 Sänger, heute sind es gerade mal noch 29. Dass manch ein Chor am sprichwörtlichen Stock geht, sollte nicht verkannt werden. Wenn die Mitgliederzahl der Aktiven unter ein singbares Minimum sinkt, muss man sich ernsthaft fragen, ob man mit zehn Sängern gehobenen Alters noch ein ansprechendes Programm auf die Beine stellen kann.

Ein Chorleiter berichtet, dass in seinem Chor der Altersdurchschnitt bei über 70 Jahren liegt. Man hatte alles Mögliche und mit großem Einsatz versucht, um Nachwuchs für den Chor zu finden - aber leider vergeblich. „Manch ein jüngerer Sänger wäre gerne zu uns gekommen, aber dann fehlte es wieder mal an der Bereitschaft, sich traditionellen Strukturen anzuschließen.”

Das sich stetig verändernde Freizeitverhalten und die wesentlich größeren Freizeitmöglichkeiten taten ihr Übriges dazu. Es gibt Gesangvereine in der Region, da mangelt es an allen Ecken und Enden: an Sängern, an einem geeigneten Dirigenten, an moderner Vereinsführung, an interessanter, ansprechender Chorliteratur und vielleicht auch noch an nötiger Einsatzbereitschaft. Dass sich die Gesellschaft verändert hat und die Menschen nicht unbedingt bereit sind, einem Verein wöchentlich einen Abend zu widmen, liegt auf der Hand. Heute hat die Jugend ein anderes soziales Gefüge.

„Will man die Jugend zum Chorsingen bewegen, müssten sich erst mal die Vereine bewegen, nicht die Jugendlichen”, meint Michael Gornig, Vorsitzender des Sängerkreises Heinsberg, dem rund 30 Chöre angehören. Allgemein müsse wieder mehr gesungen werden, in Kindergärten, in Schulen, in Jugendgruppen oder auch zu Hause.

„Jedes aktive Mitglied im Verein müsste sich ernsthaft Gedanken machen, welche Veränderungen machbar sind. Die Gründung neuer Chöre, wie zum Beispiel eines Kinderchors oder eines Jugendchors, eines Frauenchors, eines Männerchors oder eines gemischten Chors, alles liegt im Bereich der Möglichkeiten- auch als Projektchor.” Auch mehrere Chöre aus mehreren Ortschaften könnten ein solches Projekt übernehmen, so Gornig.

Sollten Kräfte gebündelt werden, seien Fusionen zu Chorgemeinschaften machbare und gesanglich gewinnbringende Maßnahmen. „Vereinsarbeit bedeutet auch Jugendarbeit. Viele Chöre stehen diesem Thema verschlossen gegenüber. In der Jugend liegt aber die Zukunft. Es muss ja nicht ein Chor alleine die Last tragen.”

Auch sei in der heutigen Zeit die Technik nicht der Feind des Chores. Man könne sehr viel Nutzen aus ihr ziehen und das mit einfachsten Mitteln. Das Liedgut modern und abwechslungsreich zu gestalten, ohne dabei mit vorhandenen Traditionen und Strukturen zu brechen, das sei ein Rezept. „Das Repertoire sollte alle ansprechen und abwechslungsreich sein.” Die Zukunft neu gestalten, das könnte auch mal ein Thema für einen geselligen Chorabend sein.
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