Geilenkirchen - Wenn die Schnorrer in der Familie lauern

Wenn die Schnorrer in der Familie lauern

Von: mabie
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Der Wasserverkäufer Wang (Teresa Lütgemeier, l.) kann mit den drei Göttern (Marika Reichert, 2.v.l., Svenja Gorschütz, 2.v.r., und Anna-Maria Molls) herzlich wenig anfangen. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Einen Griff in die Geschichte erlaubte sich die Theater-Arbeitsgemeinschaft des Bischöflichen Gymnasiums St. Ursula bei ihrem jüngsten Projekt. Sie nahm sich dem erstaunlich aktuellen Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ aus der Feder Bertolt Brechts an und brachte es – nicht nur – auf die Bühne.

Dort spielte das Stück nämlich nur zum Teil, und auch die sonst oft genutzte Aula war nicht der gewohnte Veranstaltungsraum für dieses Theatererlebnis. Wie bei früheren Schülergenerationen, nutzten die Eleven unter der Leitung von Katrin Mader-Bleimann und Lars Krömeke die Pausenhalle, um sich ihrem Publikum zu zeigen.

Kein klassischer Schaukasten

Dort war das in der einstudierten, modernisierten und wirklich innovativen Fassung auch wesentlich einfacher umzusetzen. Denn die Akteure nutzten nicht den vielfach für das Nonplusultra gehaltenen Schaukasten einer klassischen Bühne.

Sie machten die gesamte Pausenhalle zur Bühne, ließen sich zwischen den Gästen bemerkbar oder auch unbemerkt nieder, durchmaßen mit ihrem Spiel die gesamte Fläche der Halle und sorgten für Erstaunen, Spaß und einen ernsthaften wie augenzwinkernden Umgang mit dem Stoff.

Denn der Tenor des gesellschafts- und wirtschaftskritischen Stücks könnte in der heutigen Zeit des umgreifenden Turbokapitalismus mit einer immer mehr auf Tempo, Effizienz und Ergebnis getrimmten nachwachsenden Generation der harten Ellenbogen kaum aktueller sein. Drei rätselhafte und auch etwas fragwürdige Götter machen sich auf der Erde auf die Suche nach dem Guten im Menschen. Schließlich herrscht im Universum das Vorurteil, dass die Menschen ob ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse und des gnadenlos auf monetäre Dinge abzielenden Umgangs miteinander, die von Göttern gegebenen Gebote einfach nicht einhalten können.

Figuren wie der wankelmütige und betrügende Wasserverkäufer Wang (Teresa Lütgemeier) gehören zu dieser Gruppe, wie auch die Hausbesitzerin Frau Mi Tzü (Katharina Ziesen) und die ganze Sippschaft von Neffe (Elisabeth Jansen), Schwägerin (Anna Jansen) bis hin zum Großvater (Lars Krömeke).

Finanzielle Knebel

Einzig die Prostituierte Shen Te (brillant in Szene gesetzt von Michelle Deckers) scheint in den Elendsvierteln und beim täglichen Kampf ums Überleben nicht ihr Herz verloren zu haben. Sie bekommt einen Haufen Geld und tut damit Gutes. Doch schnell muss sie desillusioniert feststellen, dass niemand das zu würdigen scheint. Die Hausbesitzerin will sie finanziell knebeln, die ach so liebe Familie nur ausnutzen und immer mehr von ihrem Tabakladen schmarotzen, und die Schnorrer von der Straße sind auch nicht besser.

In diesem Stück, das vor Ideen, einfallsreichen Kostümierungen, einer verblüffend simplen, aber genialen Ausstattung mit einfach beschrifteten Kartons als variable Hintergründe und Kulissen und einem Aufbau glänzte, der mit Showeinlagen nur so strotzte, wurde nicht nur die Thematik Brechts bestens getroffen.

Durch die ausgesprochen plakative Darstellung beispielsweise der einleitenden Showszenarien wurde auch das maskenhafte der modernen Welt, die schnelllebiger kaum sein kann, gekonnt karikiert und der grundsätzliche Tenor dadurch nur noch verstärkt.

Dass bei all diesem perfekt inszenierten Inhalt auch der Spaß, die Texttreue, Spielfreude und Ernsthaftigkeit an entscheidenden Szenen nicht zu kurz kamen, unterstrich nur noch das Einzigartige dieser Inszenierung.

Dafür konnte es nur die Bestnote eines begeisterten Publikums geben, das sich mit langem Applaus für einen „Blick zurück nach vorn“ bedankte.

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